Peter Lindpaintner an Heinrich Baermann
Stuttgart, Sonntag, 13. August 1826

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Lieber guter Heinrich!

Wie lange schon sehnte ich mich mit Dir wieder recht traulich zu plaudern. Durch deinen so eben erhaltenen Brief fühle ich mich so dazu aufgefordert, daß ich nicht säume, dir zu berichten, was du nicht gerne hören wirst, daß ich seit zwei Monaten keine Feder angerührt, und nichts gethan habe, als Gottes schöne Welt angeschaut. Einige Tage nach dem Eintritte unseres Theaterurlaubs schnürte ich mein Tragesäkl, nahm es auf den Rüken, und gieng in Gesellschaft des langbeinigten Freundes Rhode – an die Ufer des Bodensees, nach Konstanz, Schaffhausen Zür[i]ch, Zug, auf den göttlichen Rigi, auf das Grütli, die Tellenplatte, nach Stanz, nach Luzern – von da per Diligence über Arau nach Basel, über Mühlhausen nach Colmar und Straßburg bestieg den Münster, besuchte das unübertrefflich schöne Theater p – von da gieng’s an die untere Bergstrasse über Achern u Bühl nach Baden Baden, dann über Schloß Eberstein nach Gernsbach, durch’s ganze Murgthal nach Ettlingen, von da endlich nach Karlsruh u ein paar Tage später nach Mannheim. Die Sehnsucht nach der Heimath zum lieben Weibchen trieb mich nach Stuttgart – nach kurzer Pause von 6 Tagen reiste | ich zum zweitenmale von Stuttgart ab, und zwar diesmal zu Wagen mit meinem Weibchen. Der Zwek dieser Reiße war meiner Frau die Reitze der Rheingegenden zu zeigen und die Reiseroute wurde nun wie folgt festgesezt. HeilbronnHeidelberg, über die Bergstrasse nach DarmstadtFrankfurt, u endlich am fünften Tage zu meinem Bruder Philipp nach Eberbach. Dort verweilten wir 14 Tage lang, und waren in trautem Familienkreise im Genuße wahrhaft seeliger Stunden gegenseitiger Bruderliebe. Mein Bruder hat ein nettes gescheutes Weibchen, u die beiden kleinen Frauen schienen sich gern zu haben. Du kannst vielleicht errathen, warum mir diese Szenen der Eintracht ganz besonders wohlthaten – des leidigen Gegensatzes willen – – . Von hier aus machten wir nun im herrlichen Rheingau Excursionen rechts u links. Nach dem Niederwald, Bingen, Asmannshausen, Rüdesheim, auf den Johannesberg – dann nach Wisbaden – |: ach wie sehnsuchtsvoll ergriff mich da die Erinnerung an dich – wo ich dich des Mittags im Kursaal so unverhofft sah – ich sah mich öfter nach dem Platze um, wo ich dich umarmt, und glaubte, ich müsse dich sehen – doch vergebens! helas!:| nach Schlangenbad u Schwalbach pp, dann gieng’s wieder heimwärts über Mainz, Worms, Mannheim, Schwetzingen, Speyer u Karlsruh. Meine Frau schwamm in einem Strome des Entzükens, und du weißt wie sich die Lust doppelt im Mitgenuß! Ich bin kreuzwohl, und, wahrlich um mich in Etwas zu entschuldigen, ich war diese Erholung meinem Körper schuldig. Nun soll’s auch wieder frisch darüber hergehen! Künstlerische Ausbeute bot diese Reise wenig. In Straßburg sah ich – le Solitaire von Caraffa – was Fränzl auch schrieb*. Die Musik | hat schöne Stellen; das Personal war mittelmäsig, das Orchester ganz schlecht. In Darmstadt sah ich – o Gott – Tancred; Außer den Chören fand ich nichts gut. Das so sehr gerühmte Orchester ist blos Maschine ohne Geist ohne selbstständiges Leben. – dazu der Serenissimus der in seiner Loge einen alten langweiligen Takt schlägt – so etwas könnte mich zur Verzweiflung bringen; Gott sey Dank ich bin 40 Stundn davon. Besser behagte mir Jessonda in Frankfurt, wenn nur Guhr die Tempi nicht so sinnlos übertrieben hätte. Er soll sich auch deshalb, gerade wegen dieser Oper – in der er so viel schönes gestrichen hatte – mit Spohr brouillirt haben. Ich stellte Guhr darüber des andern Tages zur Rede, worauf er mir in seiner flüchtigen Art sich auszudrüken sagte – „das mußte ich thun; sonst gefällt’s den Frankfurtern nicht“. Übrigens ist Guhr ein tüchtiger Mann vor dem ich allen musikalischen Respekt habe. In Karlsruh sah ich den Barbier von Sevilla, und war auch hier gar nicht zufrieden. Der thätige einsichtsvolle Straus, jezt an Danzi’s Stelle Kapellmeister, wird noch viel zu thun haben, bis er das Orchester über die Erträglichkeit heraufbringt. Pechatschek, sein Jugendfreund, wird unsern Dienst verlassen, und nach Kar[l]sruh kommen. An seinem Arme im Orchesterdienst verlieren wir nichts; auch seine Virtuosität ist höchst einseitig, oft sehr angenehm, niemals aber solide. An seine Stelle nun soll Molique kommen, und zugleich die Entreacts und Ballette dirigiren. Nach der Carriere, die Molique bisher verfolgte sollte ich kaum denken, wie ihn meine Wenigkeit so geniren sollte daß ich durchaus nach Dresden soll. Uebrigens habe ich keinen Ruf dorthin erhalten, und würde ihn, erhielt ich diesen Ruf, aus so manchen Gründen nicht annehmen. Weber hatte 1800 Thaler! was ist das gegen 2500 fl in Stuttgart! Denken meine Freunde nicht an Morlacchi und die italienische Partei, die den armen Weber zu Tode ärgern halfen; denken sie nicht an den Hof mit seiner steifen Etiquette; an den ekeln Hochton der nordischen Theegesellschaften? Bin ich nicht ein Sohn des heitern Südens! Bin ich nicht vom Könige anerkannt, vom Publikum geliebt. |

Als Direktor bin ich zu meiner Zufriedenheit in der musikalischen Welt bekannt; und wenn du glaubst ich müße in diesem Felde mus. Reibungen u Kämpfe bestehen, bin ich nicht deiner Meinung. Ein Direktor muß überall von vorne anfangen, und erst nach Jahren können die Resultate seines Strebens sichtbar werden. Warum soll ich nun den Ort verlassen, an dem nach sieben Jahren ein wachsendes Besserwerden des Orchesters noch immer sichtbar ist, und zwar einzig durch meine festgesezte Bemühungen. Wenn Molique meine Ansichten theilt, und zur Direktion tauglich ist, was ich so wenig , als er selbst jezt noch weiß, so soll uns seine Thatkraft, mit der er mir ausgerüstet scheint, herrlich nützen. Sollte mich je der Norden entführen; so wäre nur Berlin dereinst für mich gefährlich. Im Süden ist nur ein Plätzchen; wie Du wohl weißt, dem ich mein liebes Stuttgart opfern könnte – jedoch ist es nicht Schwäche, Thorheit, einem Phantome nachzujagen! Also basta – ich bleibe in Stuttgart. Dies dir, und Allen die meine wahren Freunde sind. – Heigl soll noch immer meine Libella* schiken. Wenn ich wüßte daß ich dir eine nicht gar zu harte Probe der Freundschaft für mich aufbürdete, so möchte ich dich wohl zum Exequenten ernennen, mir zum Ziele meiner Wünsche zu verhelfen. Meine Idee steht fest, daß ich mir durch diese zweite Oper erst Weg bahnen muß, den Versuch mit dem Vampyr* wagen zu können. Auch Castelli, an den ich schrieb, und der mir zu Ende April eine kom. Oper in 2 Akten versprach, läßt mich sitzen. Auch an Theodor Hell habe ich consultative gewandt, kann aber noch keine Antwort haben. Ich weiß, daß er früher eine kom. Oper für Weber geschrieben hatte, auf die W. selbst große Stüke hielt; vielleicht kann ich diese erhalten. Mein Ziel hab ich mir vorgestekt, ich arbeite darauf los – ob ich’s erreiche, wer kann es wissen. Kann ich mehr thun! -

Nun lieber Kerl – lebe wohl! und bringe recht angenehme Stunden mit unserm Bruder Ludwigsburger zu. Grüße ihn 1000mal von mir und sage ihm, daß wir uns alle auf seine Hieherkunft freuen. Meine besten Empfehlungen von mir u meiner Frau an die Deinige. Adieu! Wie immer Deintreuer Freund u Bruder Peter

|: Zum Geburtsfeste der Königinn am 4ten September studieren wir die dame blanche ein, die recht niedliche feurige Musik hat; Auch Oberon von Weber soll folgen – :|

Apparat

Zusammenfassung

Beschreibung seiner Reisen und Besuche von Opernaufführungen in Straßburg, Darmstadt, Frankfurt und Karlsruhe, dementiert seinen angeblichen Ruf nach Dresden, selbst wenn er einen hätte, würde er nicht von Stuttgart weggehen, vergleicht sein Gehalt mit dem vom verstorbenen Weber. Wartet bisher vergeblich auf einen Operntext, den er komponieren möchte. Berichtet von der Einstudierung der Dame blanche, danach soll Oberon folgen.

Incipit

Wie lange schon sehne ich mich mit dir wieder recht traulich zu plaudern

Generalvermerk

Verantwortlichkeiten

Überlieferung

Textzeuge

Berlin (D), Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz (D-B)
Signatur: Mus. ep. P. Lindpaintner 14

Quellenbeschreibung

  • 1 DBl. (4 b. S. o.Adr.)
Weitere Textquellen
  • Peter von Lindpaintner, Briefe. Gesamtausgabe (1809–1856). Hg. von Reiner Nägele, Göttingen 2001, S. 116–119, Nr. 99

Textkonstitution

  • "n": Hinzufügung.
  • "er": Hinzufügung.
  • "dem": Hinzufügung.

Einzelstellenerläuterung

  • "… – was Fränzl auch schrieb": Der Einsiedler. Oper in 3 Akten
  • "… soll noch immer meine Libella": komische Oper in 2 Akten op. 481, erst 1855 beendet, jedoch nicht aufgeführt.
  • "… den Versuch mit dem Vampyr": große romantische Oper in 3 Akten op. 260, Uraufführung: 21. September 1828 in C01, 1850 umgearbeitet und mit Rezitativen versehen.

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