Friedrich Rochlitz an Ignaz Franz Edler von Mosel in Wien
Leipzig, Montag, 13. Juni 1825

Daß ich Ihren schönen, erfreulichen Brief vom 29sten April d. J. nicht früher beantwortet habe, mein theurer, geliebter Freund; ja daß Sie auch diese Antwort jetzt noch nicht erhalten: darüber, fürcht’ ich, werden Sie ungehalten seyn, und ich darf nichts dagegen sagen. Vielleicht mindert’s aber Ihre Unzufriedenheit, wenn ich Ihnen die wahre und einzige Ursache gestehe. Ihre Güte gab mir die Zusicherung, sie würden mein Buch* im Julius-Bande der Wiener Jahrbücher beurtheilen: darüber, sahe ich voraus, würde ich Ihnen zu schreiben bekommen; und so wollte ich Eins zum Andern versparen. Vielleicht, dachte ich, erfährtst, du bis dahin auch noch etwas über die Aufnahme deines Buchs vom Erzherzog; und dann schreibst du dich über alles zusammen wohl satt. Nun kann ich doch aber mir’s nicht länger versagen, mich mit Ihnen zu unterhalten: und so schreibe ich, ohne es jetzt noch abzusenden. Ich gehe Ihren lieben Brief durch.

Daß das an Mitteln aller Art zur schönsten Musik jeder Gattung so reiche Wien nun gar keine Oper, und damit auch den Quell nicht mehr hat, woraus andere Bächlein abgeleitet wurden: das ist allerdings ein großes Übel. Indessen, da jedes Übel, will man’s, auch sein Gutes herbeyführt: könts dies nicht auch hier der Fall werden? man war auf einen Abweg gerathen, der, je reinzender, desto gefährlicher war; zunächst durch die Ausländer war man darauf gerathen; diese sind nun fort. Die Anforderungen des Publicums überstiegen alle Gränzen, waren darum fast nicht mehr zu befriedigen: jetzt bekömmt man gar nichts; das reizt den Hunger und macht, daß auch mäßig gewürzte, gesunde Hausmannskost allmählig wieder wohlschmeckt. In Dingen, wo man die Macht nicht zu Hülfe nehmen kann und von allen Seiten Rücksichten zu nehmen hat, die Menge in ihren Neigungen zu beschränken und dem Rechten leise zuzuführen, ist, wo nicht unmöglich, doch unendlich schwer: aber wenn diese eine Zeit lang gar nichts gehabt, das Bedürfnis empfunden, sich nach etwas gesehnt hat, von vorn anfangen, mit dem Rechten, das nun ein Neues geworden, das man, wenn auch Anfangs blos darum hinnimmt, um nur Etwas zu haben – das ist thunlich und scheint höchst heilsam. Aber freylich: das will auch die rechten Leute an der Spitze! Und sollte es dem überreichen Wien daran fehlen? Treten Sie vor den Spiegel und antworten Sie!

Zwey junge Künstlerinnen haben Sie mir empfohlen? Bis jetzt weiß ich nur von Einer: der liebenswürdigen Sonntag. Aber ich habe direct nichts für sie thun können; denn theils that sie selbst schon alles, theils war sie dermaßen umgeben, daß ihr nicht beyzukommen war. Sie hat alles verdiente Glück hier gemacht: aber sie scheint dem Fodorisiren dahingegeben. In zwey Concerten gab sie nichts, als dergleichen; doch gab sie es allerliebst. In der Oper eben so; ausgenommen Euryanthe, die durch sie erst auf unsre Bühne kam, durch sie zunächst viel Glück machte. Über die Oper selbst habe ich bey dieser Gelegenheit vollkommen wie Sie urtheilen gelernt. Unter vier Augen würd’ ich sie eine geistvoll-verteufelete Musik nennen; eine Musik die man bewundernd verwünscht, entzündet haßt – in lauter gewaltsamen Anläufen verpaßtes Talent, verpaßte Kraft – im Zuhörer zurücklassend eine krankhafte und krampfhafte Aufgereiztheit, welcher ein wüstes Wesen folgt, und diesem, eine unbehagliche Leere. Ich habe Weber’n zwey große Bogen voll darüber geschrieben, zwar schonend, aber ehrlich – ist er doch unter den jetzt schreibenden Componisten einer von denen, die für’s Theater so Treffliches leisten können, und ist er doch seit vielen Jahren mein Freund, so weit er das überhaupt seyn kann. Ich feue mich um seinetwillen, sagen zu können: Er hat es, zwar freylich mit Restrictionen und Windungen, gut aufgenommen, und will bey seinen jetzigen Arbeiten viel mehr auf seiner Hut seyn. Mit seiner Oper für London, die er Anfang Märzes künftgen Jahres dort auf die Bühne bringen will, ist er ohngefähr zur Hälfte*; von der, für Paris, (Odeon) mit dem ersten von drey Acten fertig*. Aber er reibt auch seinen ohnehin schwächlichen Körper fast ganz auf. Niemand kömmt bey alle dem übler weg, als unser guter König. Er hat zwey Kapellmeister, Weber u. Morlacchi, giebt jedem 1800 rh jährlichen Gehalt: und, nicht nur daß sie beyde für’s Ausland schreiben und für ihn gar nichts, so hat er sie, wegen Kränklichkeit, auch beyde vom Kirchen- und Opern-, das heißt von allem Dienste dispensieren und Helfershelfer für jene Dienste engagiren müssen, die wieder, wenn auch mäßig, bezahlt werden müssen und die Geschäfte auch sehr mäßig betreiben. Hilf Gott: wie ganz anders, auch in dieser Hinsicht, ehemals der große, vielgetreue? Händel! –

Die Angriffe des .... Philipp[i] in Dresden dürfen Ihnen, mein theurer Freund, wahrhaftig nur in Hinsicht auf Ihr Amt und die daraus folgende Stellung gegen Untergegebene einigermaßen unangenehm seyn.

[...]

Apparat

Zusammenfassung

diverses; über die ihm empfohlne H. Sonntag, die dem "Fodorismus" verfallen sei, aber die Leipziger Erstaufführung der Euryanthe zu einem Erfolg werden ließ; äußerst sich ausführlich kritisch über Euryanthe, was er auch in einem langen Brief Weber mitgeteilt habe, der für seinen Oberon Besserung versprach; erwähnt, daß Weber bereits einen Akt seiner Oper für Paris komponiert habe (sic!!); klagt über die Kränklichkeit der beiden Kapellmeister in Dresden; u. a.

Incipit

Daß ich Ihren schönen, erfreulichen Brief vom 29sten April d. J.

Generalvermerk

Verantwortlichkeiten

Überlieferung

Textzeuge

Wien (A), Österreichische Nationalbibliothek (A-Wn), Handschriften und Inkunabelsammlung
Signatur: 7/130-15

Quellenbeschreibung

  • 2 DBl. (8 b. S. o. Adr.)

Textkonstitution

    Einzelstellenerläuterung

    • "… Zusicherung, sie würden mein Buch": Friedrich Rochlitz, Für Freunde der Tonkunst, Band 1, Leipzig bei Carl Cnobloch 1824, dem Großherzog Ludewig I. von Hessen und bei Rhein gewidmet
    • "… ist er ohngefähr zur Hälfte": Webers Oberon wurde am 12. April 1826 in London uraufgeführt.

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