Carl Maria von Weber an Caroline Brandt in Prag
Liebwerda, Samstag, 23. bis Montag, 25. Juli 1814 (Nr. 5)

Meine liebe theure Lina.

Wie ein freundlicher Lichtstrahl blikt Dein lieber lieber Brief No. 3 vom 17. endlich in meine trübe Seele. Gott gebe daß diese anscheinend ruhiger werdende Stimmung anhalte, und ich das mich einzig froh machende Bewußtsein hegen könnte, mein liebstes was ich habe, doch nicht immer einer qualvollen Stimmung Preiß gegeben zu sehen. Sey aber nicht böse, lieb Mukkerl, oder glaube etwa gar daß ich auch mit Gewalt trübe sehen will, – es ist sonderbar daß der fröhliche Ton Deines Briefes (wo ich mir doch von dem Empfang eines solchen die schnellste Umstimmung meines gebeugten Gefühls mit Gewißheit erwartete) mich zwar nicht aufs neue niederbeugte, aber auch nicht alles so schnell verwischen konnte als ich glaubte. Betrügt mich mein Gefühl nicht ganz – so ist dieser Frohsinn Dir nicht natürlich. Du zwingst Dich mich aufheitern zu wollen, oder überredest Dich vielleicht selbst heiterer zu sein, und es ist nur ein vorübergehender Selbstbetrug den Dir der Gedanke mir vielleicht zu wehe zu thun, eingab. Auch ist es ein ewig wiederkehrendes Wort (lache nicht über mich), was mir wehe thut. Du nennst meinen Brief gütig. Wie kann Er das sein? Ist das, was mir einzige Freude, eine Wohlthat, Erholung ist, ist das von einem höflichen, freundschaftlichen, mitleidigen DankGefühl für Deine Anhänglichkeit diktiert? – Sey ehrlich, und läugne nicht daß Du das so glaubst. Und glaubst Du es auch nicht, oder vielmehr unterdrükst Du diesen Glauben, so leuchtet er doch zu sehr aus allen Deinen Worten hervor als daß ich mit meinem so innig für Dich fühlenden und daher so leicht zu verwundenden Gefühl, ihn nicht ahnden sollte. Wird denn ewig dieser Dämon zwischen uns stehn?, Wirst Du nie Dich und mich wahrhaft verstehen lernen? Verzeih mein geliebtes Leben, wenn diese Äußerungen Dir nur eine trübe Secunde machen. Vielleicht sehe ich noch durch den Flor der seit Deinen Briefen 1 und 2 auf meine Seele drükt. Werde ich mich wieder von diesem unvertilgbaren dumpfen Schmerz losmachen können? Ich bin recht ernst geworden. – – Es liegt die Ahndung eines Unglüks auf mir, daß ich nur durch das Bewußtsein meiner reinen Empfindungen für Dich, mich noch aufrecht erhalte.– –

Denen Doktoren Clam und Pachta danke ich bestens für das Rezept, fürchte aber mit Dir daß Liebich sich nicht dazu verstehen wird. Wie viel könnte ich Dir in einer Stunde sagen, wie schnell würden wir Brust an Brust verstehen was jezt umsonst der todte Buchstabe zu sagen sucht.

Meinem Bild kannst Du hiemit den ernstlichsten Befehl vorzulesen, freundlich auszusehen, und zwar recht freundlich, so froh als auf der Insel pp. Der Bach sage alles schöne. Heute kann ich nicht an Sie schreiben aber Morgen. Es ist eine recht dumme Einrichtung mit der Post hier, daß sie nur alle Dienstag und Freytag abgeht. und nun müßen diese Zeilen denen ich so gerne Flügel zu Dir geben möchte bis Dienstag warten. Für die Opern danke ich. Wie ungenügsam der Mensch ist, glaubst Du, daß ich unverschämt genug in meinen Erwartungen bin, heute auch noch durch die Post einen Brief von Dir zu erwarten? hoffentlich hast Du dann auch schon No. 3 erhalten. Von dem ich jezt gerne auch den Anfang zurüknehmen möchte weil ich Dir wehe zu thun fürchte. O mein theures Mukkerl wenn ich heftig bin, so kommt es ja doch nur aus der reinsten Quelle, aus der Liebe zu Dir, die so gar keinen Schatten und Flekken auf sich dulden will.

Lebe wohl für jezt. Nach Tische mehr von Deinem treuen Dich so innigst liebenden Carl.

In dem Augenblikke, wo ich mich zu Tisch gesezt hatte, erhielt ich No. 4 vom 20. huj: Es war zu viel verlangt an einem Tage, zwey mich zur Heiterkeit berechtigende Briefe zu hoffen, und schnell genug war meine übermüthige Erwartung gedämpft. Welch eine Kluft zwischen diesen beyden Briefen! – – Wie herzlich, innig warm, so wohlthuend meiner Seele schloß der erste, und wie kalt, und besonnen grübelnd beginnt und endet der 2.

Ich würde zuweilen ganz irre an Dir, wenn nicht der Gedanke daß Du nur immer noch nicht selbst mir Dir einig, in Deinen Gefühlen und Begriffen Dich so hin und her wankend in Deinem Thun und Äußern zeigst – mich aufrecht erhielte.

Du traust mir so wenig – und doch auch wieder so viel zu. Du zweifelst ewig an der Wahrheit und Reinheit meiner Liebe, und traust ihr doch wieder die höchste Kraft zu, indem Du ungescheut mir einen früher geliebten Mann als Vorbild zeigst, ihn weit höher achtest als mich, Dich Seiner nur würdig zu machen streben willst pp. Glaubst Du daß Du Kraft genug hättest, mich genug liebtest, um es gelaßen ertragen zu können, wenn ich Dir Stündlich das bekränzte Bild einer früheren Freundin als Muster vorhielte, und wenn ich von Gutem und Edlem sprechen wollte, nur immer Sie dächte und erwähnte? Würdest Du nur ihr nachzustreben suchen? oder würde Dich nicht das unendlich bittere, zermalmende Gefühl ergreiffen, Du seist Deinem Geliebten nicht alles, und wenn Er etwas Höheres, Achtungswertheres sehen wolle, müßte Er von Dir wegblikken in die Vergangenheit? – – –

Prüfen kannst Du mich dadurch nicht wollen, denn hier ist von keinem einzelnen Falle, sondern von Deinem immer sich wiederholenden Gefühle die Rede.

Zu schmerzlich zu unwidersprechlich drängt sich mir der schrekliche Begriff auf, daß Du mich nicht wahrhaft liebst, oder, vielleicht wahrer ausgedrükt, nicht achtest. Du achtest meinen Kopf, aber nicht mein Herz. Daher diese Vertrauenslosigkeit. daher diese ewigen Zweifel. – Sage einem Kinde ewig, es sey ein Schurke, – und es wird endlich einer werden weil es sich doch auch unschuldig stets gebrandmarkt fühlt – Gott sey Dank, ich bin kein Kind. Und sollte auch die ganze Welt an mir irre werden, ich werde die Hand auf die Brust legen, und frey und offen im reinen Bewußtsein als Mann da stehen, und nichts mich wankend in meiner reinen Ueberzeugung machen. Es wird mich endlich zusammendrükken; – ja, das fühle ich nur zu deutlich, – aber, – sey es, nicht die Dauer des Menschenlebens, sondern das Gefühl, mit dem man dem Schluß deßelben entgegensehen kann bestimmen den Werth deßelben. Eines möchte ich wohl noch: nur 2 Werke noch schaffen zu können die als Denkmäler eines denkend verlebten MenschenAlters daß so gerne was bedeutendes geleistet hätte, hätten zeugen können, – ist es aber nicht, – in Gottes Nahmen. Die Kunst ist mir auch gleichgültiger geworden, und ich äußere dieß Verlangen nur noch wie einen frommen Traum.

Ich bin ein paar Stunden im dumpfen Nichtsdenken im Zimmer auf und ab gegangen. ich sizze hier mit hochklopfenden HerzSchlägen, und doch dabey wieder so ruhig resignirt, als ob ich mein Testament schriebe. ich bin überzeugt daß mir die Ankündigung meines Todes in einer 4tel Stunde, nicht einen GesichtsMuskel verziehen würde.

Mein ganzes Leben, meine Träume, meine Wünsche, mein Streben, mein Hoffen, und meine Schiksale, – alles liegt ruhig vor mir ausgebreitet, – die Vergangenheit hat so redlich das ihrige gethan mir alles was hoffen und frohere Zukunft heißt zu rauben, und den Begriff davon zu vertilgen, daß ich mich nur wundre, wie mich noch etwas wundern kann. Beantworten kann ich Deinen ganzen Brief nicht, dazu müßte ich ihn ganz abschreiben; – aber glaube mir ich habe ihn verstanden. Nur Eines, beantworte Du mir: Du hältst mich für so überaus vortrefflich durch und durch klug, für so gar nichts als klug, – Was von dieser gepriesenen Klugheit bestimmte mich denn dazu Dir eine Liebe zu heucheln die ich nicht empfand? und was jezt Dir mich ganz so offen hinzulegen und mein Inneres zu enthüllen. Nach den gewöhnlichen Weltbegriffen habe ich Dich gar sehr meine Schwächen sehen laßen, und das sollte doch wohl ein so mit Gewalt groß sein wollender Mann nicht thun. –

Daß Du so schnell meine Liebe, blos zur kälteren Freundschaft herabziehen willst, wie Dein Ton, Aufschrift und Unterschrift bezeugt, – thut mir recht wehe. Doch hegt mein Herz keinen Groll, und ich würde Dich mit eben der heißen innigen Liebe jezt an meine Brust drükken wie in den schönsten Stunden unseres Lebens.

Ich verzeihe Dir von Herzen Stellen Deines Briefes, wie – Mein guter Moriz selbst zeigte sich mir immer so edel, daß er immer mein Muster war deßen ich würdig zu sein strebte. Hat meine Achtung noch Werth für ihn, so muß Er sich belohnt fühlen, – mich seine Freundin zu nennen wage ich nicht mehr – doch mich dieses Titels würdig zu machen sey von nun an mein Bestreben. – und die Vergangenheit liegt mit Ihren trüben und schönen Stunden vor meiner Seele ausgebreitet. Ich fange an sie zu zergliedern, und da finde ich denn, daß eine schöne Hülle oft ein recht häßliches Gerippe verdekte, das mich höhnend angrinzt, – – aber auch viele schöne Stunden danke ich meinem Carl pp. ich vergebe Dir, daß du mich wie ein süßes Gift liebst, deßen Schädlichkeit man kennt, und es doch zu lieb hat um es nicht zu genießen. Auch, daß Du Moriz und mich immer wie das Prinzip des Guten und Bösen einander gegenüberstellst, mir in jedem Worte versicherst daß Du mich wohl kennst und durchschaust, aber doch lieb hättest, und mir ihn zugleich als höchstes Muster vorstellst – – auch dieß verzeihe ich Dir, denn Du liebtest ihn. aber dieß frage Dich selbst, heilig und auf Dein Gewißen, ob Du mich als jenes süße Gift liebst? Und kannst Du nicht Nein sagen, wie Du leider schon einmal in einer schreklichen Stunde es nicht konntest, – dann befiehlt auch mir die Achtung die sich der geringste Mensch schuldig ist als ihm von Gott anvertrautes Gut, die Achtung gegen sich selbst, daß ich diese Liebe nicht für die erkenne, die eines Mannes würdig ist der ihr alles arglos und sonder falsch hingab, und den man nichts beschuldigen kann, als nicht auf der großen Heerstraße der gewöhnlichen Meinungen einher gelaufen zu sein, und fest vertrauend auf die ruhige Ueberzeugung in seinem Innern, auf die Ansichten der übrigen MenschenPuppen mit Entsagung auf Ihr Lob oder Tadel herabsehen kann.

Achtung ist der Grundpfeiler der Liebe und alles Edlen, ohne sie giebt es keine Liebe, ohne Sie kein Glük, ohne Sie mag ich nicht leben. – – –

Mit schwerem Herzen übergebe ich diesen Brief der Post. Gott lenke deinen Sinn, dein Gefühl, wenn du ihn ließt. Verkenne nicht darin die Sprache eines Mannes dem du das liebste auf Erden, seine Ehre das theuerste ist. verkenne nicht daß alles aus einem tiefverwundeten Herzen kömmt das höchst schmerzlich immer wieder von der selben Seite verwundet wird, von der es am meisten zu fürchten Ursache hat. Laß mich nicht den höchst traurigen Gedanken ausdenken, daß nur wir selbst unsre Feinde sind und selbstgefällig uns wehe zu thun Stoff aufsuchen, indem uns der Genuß der innigsten schönsten Gefühle nicht von außen getrübt wird.

Ich hätte noch so viel zu sagen gehabt. auch andere Geschäfte und Briefe besorgen sollen – es war mir unmöglich, ich lebe in einer Stumpfheit, einer so vollkomenen Abspannung die mich vor mir selbst erschrekken macht. ich thue gar nichts. bin es auch ganz unfähig. Heute erwarte ich einen Brief von dir. Was wird er bringen? und wie viel Zeit und Kraft wird es kosten dieß angegriffene Gemüth nur einigermaßen in Gleichgewicht zu bringen, mit dir würde meine lezte, meine erste Hoffnung zu Grabe gehn. ganz Verzicht leiste ich dann auf alles was Menschen Glük und Ruhe heißt. Laß dich aber dadurch ja nicht bestechen, verwechsle nicht MitleidsGefühl und Zuneigung mit der hohen rein vertrauenden Liebe. – Gieb dich immer wie du bist, laß mir diesen einzigen Trost. Laß mich glauben können, daß wenn auch mir kein Glük auf der Erde beschieden war, es doch wenigstens ein Weibliches Wesen gab, das wahr war. Und schon um deßwillen will ich dich lieben. – ach, und immer werd ich dich lieben, ich fühle es nur zu gut, selbst wenn du es nicht wärst. – –

Beyliegende Zeilen bitte ich dich zu siegeln und zu übergeben. deinen nächsten Brief adressire nach Berlin abzugeben bey dem Banquier Jac: Herz Beer.

Lebe wohl mein geliebtes theures Wesen, Gott schenke dir frohere Stunden als mir, und erhalte dich gesund. Gedenke meiner mit Liebe, und verkennst du mich auch, so wird doch nie das Herz sich von dir wenden das in der treuen Brust deines Carls schlägt. ich drükke dich fest an meine Brust dein C:

Apparat

Zusammenfassung

privat: beruhigte Reaktion auf No.3; resignierend auf den von Zweifeln geplagten Brief Linas No.4

Incipit

Wie ein freundlicher Lichtstrahl blikt dein lieber

Generalvermerk

Verantwortlichkeiten

Überlieferung

Textzeuge

Berlin (D), Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung (D-B)
Signatur: WFN – Mus.ep. C.M.v.Weber 42

Quellenbeschreibung

  • Erster Teil: 1 DBl. (4 b.S. o.Adr.)
  • Zweiter Teil: 1 halbiertes Bl. (2 b. S. o. Adr.)
  • Fragmentiertes Manuskript: Der erste Teil liegt in der Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, der zweite Teil (vom 25. Juli 1814) befindet sich in Privatbesitz.
  • Vermerk von Jähns am Kopf des zweiten Fragments: zu No 5. 23. Juli 1814
  • Vermerk von Max Maria von Weber am Kopf des zweiten Fragments: aus Friedland in Böhmen an seine Braut Caroline Brandt
  • am Fuß von 1v: daß obiges durchaus von meines Vaters, C. M. v. Weber, Hand geschrieben ist bezeuge ich / Dresden 30 Aug 1863 / M. M. von Weber

Überlieferung

  • Stargardt Kat. 649 (1991), Nr. 1269 (mit Teilfaks.)
Weitere Textquellen
  • Muks, S. 47–54.
  • / TV: MMW I, S. 446–449.

Textkonstitution

  • "vorzulesen": sic!

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