Carl Maria von Weber an Friedrich Rochlitz [in Leipzig]
Dresden, 14. November 1818

Ich habe so unmittelbar nach Tische ein halb Stündchen, in dem ich Zeitschriften usw. durchblättere, und sehe, was in der Welt vorgeht, ehe ich wieder an die eigene Arbeit gehe. So geschah es auch d: 5t huj., daß ich in der Abendz[eitung] die Anzeige Hells von dem Frauenzimmer-Taschenb[uch] las und mich gar höchlich erfreute, hier den alten Müßiggänger erwähnt zu finden. Meine gute Lina und ich waren hierdurch in fröhliche Erinnerung des schönen Abends bei Gutsch[midts]: versetzt, und wir beschlossen diesen Almanach besitzen zu müssen, da kömmt in derselben Minute, als ich kaum den Mund geschlossen, der Postbote und bringt – das Taschenbuch.* Das war nun wirklich eine große Freude, weil es gar so schön a tempo eintraf, und mit Lust nahmen wir es einander ab und hätten es am liebsten zugleich lesen mögen – aber so was erlaubt meine Zeit und die dann von den Geschäften ermüdete Brust nicht, und so hat denn das Weibchen allerdings eher die Zeit zu benutzen geswußt als ich und blieb immer im Vorsprung eines halben Tages. Haben Sie herzlichen Dank für diese Ergötzung, in der mir immer noch – vielleicht aus alter Bekanntschaft – die Studenten und die Taufe das Ansprechendste sind. Nächstdem aber hat mich das Erbgut sehr ergriffen, durch seine tiefe Wahrheit und Natürlichkeit, mit der es wie alle diese Gaben des herrlichen Müßiggängers so recht wahrhaft aus dem Lebensbuch geschnittene Blätter sind, und einmal gelesen nicht leicht wieder dem Gedächtnis entschwinden wie das meiste so bloß Erzählte, sondern etwas fest zurücklassen in der Seele, gleichsam wie etwas selbst Erfahrenes. Ich kann Sie dabei freudig versichern, liebster teurer Freund, daß dies aber auch hier von vielen und hochachtbaren Seiten anerkannt und gerühmt wird. Unter dem, was ich von dem Übrigen gelesen habe, zogen mich am meisten die Briefe und Motte an, doch letzteres mehr durch die Art, mit der es gegeben als durch sich selbst, weil in dem einfachen Grundtone des Schlichten das Gespenstische mich am Ende doch störte, wenn es auch im Augenblicke des Lesens anziehend genug wirkt. – Doch genug, ich habe ja nicht meine Meinung, sondern nur meinen Dank bringen wollen, und von des letzteren Güte bin ich überzeugt, und meine Lina vereinigt den ihrigen mit ihm aus freundlichstem Herzen. – Jetzt zu Ihrem lieben Briefe. Es ist ein seltsam wunderlich Ding mit unserer Korrespondenz, ich könnte manchmal gleich Ihre Briefe nehmen und sie Ihnen als Antwort auf sie selbst wieder schicken, so sehr sprechen sie meist auch meinen Gemütszustand aus. Es mag wohl mit darin liegen, daß wir beide, wenn auch auf ganz verschiedene Weise, fast einerlei Lebenstätigkeit haben, wir haben beide mit reinster Liebe zur Sache Kunstanstalten gegründet, und nun nagen denn die Schakale und Hyänen von innen heraus und von außen herein daran, teils durch Bosheit, teils durch Teilnahmslosigkeit, welches am Ende noch ärger ist, und so wächst der ewig die täglich einzuatmende Lebensluft verpestende Unrat so heran, daß es dann Augenblicke gibt, wo man lieber alles gleich kunterbunt zusammenschmeißen möchte, und auch den Besseren, denen das leid tut, ganz trotzig zuruft: und Euch geschieht’s auch recht, warum habt Ihr nicht in Zeit besser zugelangt und geholfen; da liegt nun der ganze Quark, gehe ein anderer nun auch hin und probier’s – – – nun geht aber ein bischen Zeit darüber hin, und die reine Flamme glimmt still wieder hervor, ein ehrlich darauf gelegtes Strohhälmchen könnte sie schon wieder freudig flackern und das Finstere wieder vergessen machen, und – Gott sei Dank – es bleibt beim alten. So, lieber Freund, glaube ich und würde ohne dieses von Ihrem Brief in noch quälendere Unruhe versetzt worden sein als es doch noch genug geschehen ist. Daß Sie mir sagen, das Strohhälmchen, was ich aus treuem Gemüte darbringe, tue seine Schuldigkeit, das ist für mich schon wieder ein ordentlicher Eichenstamm auf die Glut, der lange widerhält, und so lassen Sie uns denn recht viel an einander schüren, die Welt mag sich dann daraus nehmen, was ihr gut dünkt, und wer weiß, ob ihr nicht manches wider Wissen und Willen hilft.

Bin sehr begierig auf Ihre Beurteilung der Athalia.* Ich habe weiter nichts an ihr auszusetzen, als daß sie zu sehr eine kleine Welt für sich ist und tut, als ob außer ihr gar nichts mehr nötig wäre. Es ist ein eigenes Ding mit diesem Erschöpfen der Empfindung oder Situation. Für Konzertarie zu viel dramatisches Leben, für dramatische Szene zu sehr abgeschlossenes Ganze, für sich im Ganzen der Oper also geradezu nur Szene. Ist das aber für die meisten Zuhörer? Herzlichen Dank, wie immer, für ihre Bemerkungen wegen der Grundideen usw., nur fällt mir es auf, daß Sie bei meiner Jubel-C:[antate] zu dieser Bemerkung veranlaßt wurden, die ich auf den größten Teil meiner früheren Arbeiten bedingungsweise gern für wahr anerkenne. Lesen Sie die Partitur, vielleicht nehmen Sie zurück oder geben mir Beispiele an, die führen dann zu schnellerem Verständnis. Aber zanken möchte ich, daß Sie gar noch tun, als müßten Sie sich entschuldigen für die Freiheit, mir die Wahrheit zu sagen, nein, Gott sei Dank, so lange noch ein gesunder Sinn in mir lebt, werde ich das nur verdenken. Ärgern kann’s mich, das hat aber gar nichts zu sagen und geht nur gegen mich, warum mach’ ich’s nicht gleich besser.

Die Jubelouvertüre, glaube ich, ist aus einem Guß und Strom, Sie werden sie nun gehört haben, und H: A: Wendt Ihnen auch die Part[itur]: zustellen. Ich hatte Letzteren gebeten, sie nicht in Leipzig aufführen zu lassen, das Schicksal hatte aber schon entschieden, und sie war schon gegeben. Es fing mir nämlich an der Gedanke fatal zu werden, ob die HH: Leipziger – Musiker namentlich – nicht am Ende glauben könnten, ich dränge mich zu der Ehre, von ihnen aufgeführt zu werden. Unter uns gesagt, es grassiert gar ein seltsamer Wahn in den Leipziger Gemütern, der sie glauben macht, alles das, was Sie und einige andere bewährte Männer Treffliches gedacht und gesagt haben, hätten sie, – die Masse nämlich, gemacht, und da gebärdet sie sich denn manchmal wie jener mit der Löwenhaut – – –

Ich weiß nicht, ob ich Ihnen schon gemeldet habe, daß ich an einer neuen Messe arbeite, so viel mir die immer mehr sich häufenden Dienstgeschäfte Zeit lassen. Die Lateiner wollen auch gerne tätig tun und verschieben wenigstens den Karren alle Augenblicke, daß man nicht ruhig auf der Straße bleiben kann.

Den 4t 9ber als unserem Hochzeitstag und beiderseitigem Namenstag haben wir Ihre Gesundheit recht von Herzen getrunken. Es war ein still heiterer Tag, den ich mit meiner geliebten Lina im Andenken an die uns Lieben verbrachte, und da konnten Sie und die Ihrigen doch nicht fehlen? Auch hatte der Himmel gesorgt, diesen und den folgenden Tag freudig zu bezeichnen. Freund Kind erfreute mich hoch durch die Zueignung des 3t Bandes seiner Gedichte,* und den andern Tag kam der liebe Müßiggänger. –

Durch H. Hellwig, der ein paar Tage nach Leipzig geht, um da zu gastrollieren, sende ich Ihnen das 1t: Heft eines Musik-Journals, das der Kapellmstr Strauß in Prag herausgibt, und zu dem ich auch helfen soll. Können Sie es gelegentlich mit ein paar Worten anzeigen, wird es mir angenehm und dem guten Manne von Nutzen sein.*

Ich hoffe in Ihrem nächsten Briefe beruhigendere Nachrichten über Ihre und Ihrer lieben Gattin Gesundheit zu erhalten, mögen Sie doch endlich einer dauerhaften gleich heiteren sich erfreuen können. Bei mir geht es so gut als möglich. Gutschmidt muß nicht hier sein, denn ich habe sie in Ewigkeit nicht zu sehen bekommen, meine Alte ist jetzt so schwer tranportabel, und ich sitze dann auch bei ihr.

Die herzlichsten Grüße und Wünsche an Sie Beide von uns Beiden. Und behalten Sie lieb Ihren
Weber

Apparat

Zusammenfassung

dankt für "Frauenzimmer-Almanach" (1818) mit Rochlitzschen Erzählungen; über dieses Taschenbuch; über Gemütsverwandtschaft; über JV 121 u. Ouvertüre JV 245; erwähnt Arbeit an der Messe; Privates; sendet ein Musikjournal v. Strauß, bei dem er helfen wolle u. bittet um Anzeige desselben;

Incipit

Ich habe so unmittelbar nach Tische ein halb Stündchen

Generalvermerk

Verantwortlichkeiten

Überlieferung

Textzeuge

/ (1926: Wilhelm Heyer, Köln)

Überlieferung

  • Henrici Kat. 114 (6./7.Dez. 1926), Nr. 595 (= Slg. Heyer I)
  • List & Francke (Leipzig), 26. Nov. 1888, Nr. 2263
Weitere Textquellen
  • Kinsky, Georg: "Ungedruckte Briefe Carl Maria v. Webers" in: Zeitschrift für Musik 93.Jg.(1926), S. 482–484;

Textkonstitution

    Einzelstellenerläuterung

    • "… und bringt – das Taschenbuch.": Frauenzimmer Almanach zum Nutzen und Vergnügen für das Jahr 1819, Leipzig: Carl Cnobloch, 1818, darin: Friedrich Rochlitz: „Aus dem Tagebuche eines alten Müßiggängers“ (1. „Die Wanderer“. 2. „Mieze“, 3. „Das Erbgut“, 4. „Die Studentenwirthschaft“, 5. „Die Nothtaufe“). Im Jahrgang 1818 war bereits ein erster Zyklus kleiner Erzählungen unter dem Sammeltitel „Aus den Papieren eines alten Müßiggängers“, allerdings noch ohne Namensnennung von Rochlitz, abgedruckt.
    • "… Ihre Beurteilung der Athalia .": vgl. AmZ Jg. 20, Nr. 51 (23. Dezember 1818), Sp. 880–883
    • "… des 3t Bandes seiner Gedichte,": Friedrich Kind’s Gedichte. Drittes Bändchen, Zweite, verbesserte und vollständige Ausgabe, Leipzig, ... bei Johann Friedrich Hartknoch 1819. Dieser Band ist Carl Maria von Weber gewimdet.
    • "… guten Manne von Nutzen sein.": vgl. Brief an Rochlitz vom 16. Oktober 1818

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