Der Freiberger Pressestreit um Webers Waldmädchen

Nachdem das Projekt Franz Anton von Webers, in Freiberg eine Lithographie-Werkstatt zu etablieren (s. Anzeige), nicht zum gewünschten Erfolg geführt hatte, eröffnete die Anwesenheit der Theatertruppe von Steinsberg in der Stadt von August bis November 1800 die Möglichkeit, den knapp vierzehnjährigen Sohn Carl Maria als komponierendes „Wunderkind“ zu präsentieren. Auf ein Libretto des Theaterprinzipals schrieb der junge Weber im Herbst 1800 in erstaunlich kurzer Zeit die abendfüllende zweiaktige Oper Das Waldmädchen. Wie auf dem Theaterzettel zur Chemnitzer Erstaufführung (5. Dezember 1800) wurde auch im Vorfeld der Freiberger Uraufführung (24. November 1800) auf das Alter des Komponisten und den Umstand, dass dieser ein Haydn-Schüler sei (ohne Konkretisierung, dass Michael Haydn der Lehrer war), hingewiesen, um größeres Interesse zu wecken (demselben Ziel diente die Widmung des Werks an die sächsische Kurfürstin). Doch den dadurch übersteigerten Erwartungen des Publikums konnten weder das Werk selbst noch dessen Aufführungen gerecht werden, wie sowohl die Aufführungsbesprechung aus Freiberg als auch jene aus Chemnitz erkennen lässt.

Trotz des insgesamt wohlwollenden Tenors der Freiberger Kritik fühlte sich der junge Komponist bemüßigt, eine Entgegnung in die Zeitung zu setzen, in der er von Kabalen gegen ihn sprach und vor allem die Leistung des Orchesters für den insgesamt enttäuschenden Eindruck der Freiberger Uraufführung verantwortlich machte. Damit eröffnete er eine Pressefehde, die von zunehmender Polemik geprägt war. Nicht nur der Stadtmusikus Siegert fühlte sich als Leiter des Orchesters zu einer Rechtfertigung gedrängt; auch der Kantor Fischer meldete sich mit einer ausführlichen Erklärung zu Wort. Während Siegert die musikalischen Ungeschicklichkeiten des jungen Tonsetzers quasi noch entschuldigte, kommt Fischers Stellungsnahme, die auch auf die 1798 im Druck erschienenen Fughetten Webers eingeht, einem glatten Verriss gleich. Zudem meldete sich der Chemnitzer Redakteur Kretschmar mit einer kurzen Stellungnahme zu Wort. Gegen alle drei richtete sich eine im Tonfall völlig unangemessene, geradezu unverschämte und in Details (u. a. die Angabe zum eigenen Alter betreffend) falsche Replik des jungen Weber. Während Fischer eine erneute Reaktion darauf ablehnte, meldete sich Kretschmar daraufhin erneut kurz zu Wort. Siegert fühlte sich sogar nochmals zu einer ausführlichen Reaktion genötigt, in der er die wenig schmeichelhafte Rezension zu Webers Variationen op. 2 aus dem Jg. 3 der Allgemeinen musikalischen Zeitung zitierte, wogegen Weber in seiner erneuten Erwiderung die positivere Bewertung desselben Werks aus dem Jg. 2 derselben Zeitung entgegenstellte.

Kaiser kam in seiner Schriftenausgabe1 aufgrund des sehr polemischen Tonfalls der drei Weberschen Publikationen, der so gar nicht zu dessen späteren Schriften passen will, zu dem Urteil, der Verfasser der drei Freiberger Texte sei „ohne Zweifel in der Hauptsache Webers Vater“ gewesen, allerdings ist noch aus dem Jahr 1806 der Fall einer äußerst scharfen Replik Carl Maria von Webers bekannt, in der er seinen Freund Berner gegen die Angriffe eines anonymen Rezensenten verteidigen wollte. Der als Einsendung an die Berlinische Musikalische Zeitung geschriebene Text wurde vom Herausgeber Reichardt als „bittere Parodie des ersten Urtheils“ zurückgewiesen, um „Streitigkeiten, mit Heftigkeit und Bitterkeit geführt“, zu vermeiden2. Ein Hang des jungen Weber zu zugespitzter Polemik ist also nicht auszuschließen und wurde offenbar erst in späteren Publikationen ganz bewusst unterdrückt. Eine Vorliebe für Satire, Parodie und Spott ist freilich – wie bei anderen Romantikern (z. B. E. T. A. Hoffmann oder Jean Paul) auch – noch Webers späteren Schriften eigen, so etwa etlichen Fragmenten aus dem Romanprojekt Tonkünstlers LebenT. Trotzdem scheint eine Einflussnahme Franz Anton von Webers auf die drei Freiberger Presseeinsendungen seines Sohnes schon wegen dessen Alter fast zwangsläufig. Eine Unterscheidung der Anteile beider bezüglich der Autorschaft ist allerdings ohne Kenntnis der handschriftlichen Vorlagen nicht möglich.

Einzelnachweise

  1. 1Vgl. Sämtliche Schriften, S. XXXVI.
  2. 2Vgl. Berlinische Musikalische Zeitung, Jg. 2 (1806), Nr. 18, S. 71 (Fußnote des Herausgebers zu Berners eigener Verteidigungsschrift gegen die Kritik in derselben Zeitung, Nr. 9, S. 35).

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