Carl Maria von Weber an Caroline von Weber in Dresden
London, Montag, 8. und Dienstag, 9. Mai 1826 (Nr. 26)

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A

Madame

Madame la Baronne de Weber

a

Dresde.

en Saxe.

da komt dein lieber No: 15 /[:] muß heißen 18. [:]/ vom 28 und 29t Aprill. welche Freude jede Zeile von Hauß giebt, wie oft man sie ließt, wieder ließt, und immer noch mehr und mehr wißen möchte. Du warst krank, geliebtes Leben? doch gewiß nur vorübergehend? sage es ja ehrlich. gewiß hast du dich wieder zu sehr abgehezt mit einpakken und Kramen, obwohl mich deine frühern Briefe hoffen ließen du würdest alles recht nach und nach und ruhig abmachen. aber ich weiß schon wie das geht, zulezt giebt es doch so viel zu thun, daß man mehr thut als man soll.      bin recht froh daß die Agathe durchplumpste*, und wünsche nichts sehnlicher als daß das in Erfüllung [geht] was du sagst, nehmlich daß ich gar nichts mehr mit dem Theater zu thun hätte. meine Kirche abmachte, und mich ruhig pflegen könnte.

Ja der arme junge Schleßinger hat einen großen Verlust erlitten durch das Abbrennen seiner ganzen Handlung, er hat aber bei alle dem Unglük noch großes Glük gehabt. alle seine Platten waren außer dem Hause, und er kann die Werke also gleich wieder drukken laßen. dann hat er 3 Tage vorher eine Gemälde Sammlung die er in Kommißion hatte von 300000 Francs verkauft und abgeliefert. Alles nimmt Theil an ihm, er wird sich bald wieder herausmausern.

Unser Wetter ist bis jezt entsezlich kalt, und ich komme gar nicht heraus. ich hoffte immer Ihr solltet euch wenigstens des guten Wetters freuen, und es ist recht traurig daß ihr auch davon leiden müßt. Der Kleine Bierbrauer hat den Großen gefahren? i, das ist ja ein derber Kerl. Gott erhalte ihn dabei.      Wo mag denn meine No: 20 stekken? und wie komt Bassenge zu meinen Briefen?      Du frägst besorgt nach meiner Gesundheit? ich sage dir ganz ehrlich wie es ist. sie ist so daß ich mit gutem Gewißen sagen kann, sey ruhig und ängstige dich nicht, aber sie ist auch nicht so gut daß ich mich ihrer erfreuen könnte.      Schlaf und Verdauung sind ganz gut, aber übrigens ist es so wie die lezte Zeit in Dresden. große Reizbarkeit, Athemlosigkeit, Husten, ganz periodisch, oft krampfhaft, dann wieder einige Tage gar nicht. — und allerdings mein Gemüth ist der größte Sünder. nach allen diesen Erfolgen, gehe ich herum wie einer der gehangen werden soll. Meine Sehnsucht nach Hause ist über alle Beschreibung, und ich verbrüte allerdings ganze Tage die ich beßer benuzzen könnte. mündlich werde ich dir das alles recht auseinander sezzen können.      dazu kommt noch eine Unbequemlichkeit die mich recht quält. du weißt doch daß Hedenus vor ein paar Jahren einen gewissen Schnitt machte um eine gewiße Haut zu erweitern. Derselbe Verengungs Prozeß ist nun seit ein paar Monaten wieder eingetreten. ich kann mich nur noch mit einer Sprizze reinigen, und bringe die Vorhaut gar nicht mehr zurük, die ganz verschwollen ist. so muß ich mich hinhalten bis ich nach Hause kome um die Operation aufs neue zu machen. Nun, meine gute Alte habe ich alle meine Leiden recht vom Herzen geklagt, im Vertrauen auf deine Vernunft daß du daraus nicht neuen Stoff zur Angst und Sorge saugst, sondern höchstens die arme Männe bedauerst, die wirklich zum Leiden gebohren ist. |

d: 9t

Guten Morgen. meine geliebte Alte. Wie hast du geschlafen? gut? ich, recht gut. habe 2 Tage hinter einander große Dinérs gehabt, das erste, Sonntag bei Rear Admiral Ogle war langweilig. Das Gestrige aber höchst elegant, und amüsant. gute Gesellschaft, herrliche Weine, und französische und englische Küche. Da danke ich denn immer Gott wenn ich eine reine Boullion zu eßen bekomme, denn die englischen Suppen sind über alle Maßen kräftig und gewürzt. von da gings ins Academie Concert wo ich aber nur bis 11 Uhr blieb*. Du siehst, meine theure Mukkin, daß der Mensch der so bei Dinérs herumschwänzelt noch nicht sterben will, und noch was aushalten kann.      es kommt aber jezt auch die Zeit wo viel gethan werden muß. die Sänger die mir singen, haben fast alle auch Benefiçe, und da muß ich denn auch wieder gefällig sein, und eine Ouverture u: s: dergl: dirigiren*.      Heute ist Oberon zum 24t male. wegen der Benefice wird er aber künftig nur 3-4 mal die Woche gegeben werden können. Den 26t ist mein Concert*, und den 7t Juny Fürstenaus. in die Zwischenzeit fällt wohl der Freyschütz zu meinem Benefiçe, und dann geht es unaufhaltsam fort! fort! fort! und gewiß uns nie wieder zu trennen.      Fürstenau geht es allerdings nicht ganz gut. ganz unter uns gesagt, er hat hier keine Sensation gemacht. und alles folgt nur der Mode. ich fürchte daher sehr daß er von der Reise eher Schaden als Nuzzen haben wird. Durch mich allein hat er bisher Geld verdient, aber nun kann ich auch weiter nichts thun.      der arme gute Mann wurde vor 8 Tagen, gerade wie er in dem Philharmonischen Concert blasen sollte recht krank. Eine Art von Cholera, die viele Fremde bekommen, es ist aber gottlob ganz vorbei, er besuchte mich Gestern zum 1t male wieder, und du kannst seiner Frau in meinem Namen versichern, daß er wieder ganz gesund ist.       Ueber diese Fremden Prüfung bin ich glüklich weggehuscht, vielleicht liegt aber eben deßhalb das ganze Klima so lastend auf mir.       Nun, jeder Tag geht, und so die Woche und endlich der Monat, und heut über 4 Wochen soll ernstlich vom einpakken die Rede sein.      ich bin überzeugt das allein, wird mich zu einem andern Menschen machen.

Von meiner Einnahme soll ich schreiben? ja, Gott bewahre, das ist mein Geheimniß H: Profeßor. — es geht freylich manches nicht so wie ich es hoffte, inzwischen habe ich doch alle Ursache meine Reise als wohlgethan anzusehen, und hoffe dann ruhig zu sein*.

ja, die OrangeGelben Nebel sind eine hübsche Sache, und lasten angenehm auf der Brust. Man muß es eben auch überstehen. es gehört zum Ganzen, und wie du sagst die Errinnerung wird doch auch ihr Schönes haben.

Du irrst, geliebtes Herz, wenn du glaubst ich arbeite jezt noch, aber es [ist] unglaublich was man hier für eine Menge kleinliche Schreiberey hat. Das Wetter ist kalt. ein Stubenhokker bin ich ohnedieß, und so komt es denn daß ich zu Hause knoxe.      hier fängt alles eigentliche | Leben erst mit dem Mittageßen an. vorher den ganzen Tag geht alles seinen Geschäften nach, da ist keiner zu haben, da bekümert sich Niemand um einen, das ist bei mir das üble, der ich ein bißel gestupst werden muß, besonders wenn ich mich 2 mal anziehen soll. — und so brütet man denn von Morgens 7 Uhr bis Abends 6 oder 7 nachdem die Dinér Stunde ist.       Glaube mir, theures Leben, ich schone mich über alle maßen, ich sehe mich gänzlich als Euer Eigenthum an, und wache mit ängstlicher Sorgfalt über mir.

Eben war Fürstenau hier, er rühmt das schöne Wetter, da will ich denn auch ein Großes thun, und ein bißel spazieren gehn. also ade für heute.      Ich schließe Euch innigst in meine Arme, Gott segne Euch + + + und erhalte Euch mir gesund und fröhlich. ich grüße meinen guten Roth aufs herzlichste in meiner Stube, und umfaße Euch alle in Liebe Ewig Dein treuester alter Brumbär
Carl.

[im Kußsymbol:] Millionen
gute Bußen.

Editorial

Summary

Kommentar zu Caroline von Webers Bericht; Gesundheitliches; über Fürstenaus geringeren Erfolg auf der Reise; Privates und Geschäftsdinge

Incipit

Da komt dein lieber No: 15

Responsibilities

Übertragung
Eveline Bartlitz; Joachim Veit

Tradition

  • Text Source: Berlin (D), Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung (D-B)
    Shelf mark: Mus. ep. C. M. v. Weber 233

    Physical Description

    • 1 DBl. (4 b. S. einschl. Adr.)
    • Siegelloch
    • auf Bl. 1r oben rechts u. Bl. 1v oben links Tintenkleckse
    • PSt: Rundst.: F 26 | 5 7
    • Rotstiftmarkierungen von Max Maria von Weber

    Provenance

    • Weber-Familiennachlass

    Corresponding sources

    • ED: Reise-Briefe, S. 188–192

Thematic Commentaries

Text Constitution

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Commentary

  • 18.recte “20”.
  • “… froh daß die Agathe durchplumpste”Betrifft den Gastauftritt von Marianne Wohlbrück am Dresdner Hoftheater am 27. April 1826 als Agathe. Zum ausbleibenden Erfolg beim Publikum vgl. auch AmZ, Jg. 28, Nr. 29 (19. Juli 1826), Sp. 477.
  • “… nur bis 11 Uhr blieb”Zum Programm des 4. der Royal Academic Concerts in den Hanover Square Rooms vgl. The Harmonicon, vol. IV, pt. 1, Nr. 32 (Juni 1826), S. 130.
  • “… Ouverture u: s: dergl: dirigiren”Die Benefiz-Konzerte für John Braham und Mary Anne Paton waren am 18. bzw. 30. Mai 1826 im Covent Garden Theatre.
  • “… 26 t ist mein Concert”Zum Konzert vgl. den Tagebucheintrag vom 26. Mai sowie den Brief an die Ehefrau vom 29. Mai 1826 inkl. Kommentar. Zum Programm und den beteiligten Künstlern vgl. die Konzertanzeige vom 23. Mai.
  • “… hoffe dann ruhig zu sein”Vgl. die Endabrechnung zu den Londoner Einnahmen.

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