Aufführungsbesprechung Berlin: „Preciosa“ von Carl Maria von Weber am 14. März 1821

Berliner Theater.

Mit großem und verdienten Beifall wurde am 14. März zum Erstenmale gegeben: „Preciosa“, Schauspiel mit Gesang und Tanz in vier Abtheilungen, vom Königl. Schauspieler Herrn Wolff.

Der Stoff dieser romantischen Dichtung scheint aus einer Novelle des Cervantes entlehnt, und ist mit sicherer Erfahrung und Kenntniß des dramatischen Effekts von dem vielseitig gebildeten, achtbaren Verfasser höchst anziehend für die Deutsche Bühne bearbeitet.

Preciosa, als Kind von Zigeunern geraubte Tochter eines alt-adelichen Spanischen Ehepaars, hat in verschiedenen Situationen Gelegenheit, sich als Improvisatrice in Rede, Dichtung, Gesang und Tanz zu zeigen, und es bedarf in der That eines seltenen Vereines verschiedenartiger Kunst-Talente, um außerdem noch, wie Mad. Stich, durch die Wahrheit der darzustellenden Leidenschaften den Zuschauer zu ergreifen, zugleich auch durch leichte Naivität zu ergötzen.

Daß das Interesse der Handlung gesteigert wird und jeder Akt seinen Culminations-Punkt hat, beweiset die mit der scenischen Wirkung genau vertraute Einsicht des Dichters, der selbst ein so ausgezeichneter mimischer Künstler ist.

Die zur Handlung neu componirte Musik des wahrhaft genialen Carl Maria v. Weber bekundet die Originalität dieses Tonsetzers aufs Neue, der sich dem gegebenen Stoff stets so treu anschließt, als auf ungewöhnliche Weise, doch der Wahrheit des Ausdrucks und Charakters gemäß, eine romantische Dichtung trefflich auffaßt und durch seine blühende Phantasie ausschmückt.

Die Ouvertüre liefert schon eine Skizze der folgenden bunten Bilder des herumziehenden Zigeunerlebens und hat dem Ref. vorzüglich in der ersten Hälfte gefallen. Vielleicht bedürfte der ausgeführte längere Allegro-Satz noch eines feurigeren Zeitmaaßes.

Die tanzartige, öfter wiederkehrende Zigeuner-Musik hinter der Scene spricht besonders an, und man wünschte fast, solche noch deutlicher zu vernehmen, wenn der Dialog dadurch nicht gestört würde.

Mit besonderer Kunst und Tiefe des Gefühls sind aber die Monologe der Preciosa melodramatisch behandelt. Meisterhaft ist der Gebrauch der Instrumente und Harmonieen dabei, z. B. das Pizzicato der Violinen pp., die Soli’s der Clarinetts, der Flöte, des Fagotts und der Hörner. Vortrefflich wurden diese, schwer mit der Rede in Einklang zu bringenden, Partieen vom Orchester unter Leitung der Herren M. D. Schneider und C. M. Seidler ausgeführt. Auch das zarte Lied der Preciosa ist so innig, als es durch seine Einfachheit rührt.

Die Chöre, z. B. im zweiten Akt im Zigeuner-Lager, sind höchst charakteristisch.

Das von Dem. Lemière* und Herrn Hoguet vorgetanzte Pas de deux bereichert die mannigfaltigen Unterhaltungen dieses, den südlichen Ursprung und das Land der Romantik nicht verläugnenden Schauspiels.

Die, von Herrn Carl Gropius sehr wirksam verfertigte neue Dekoration im letzten Akt, bringt durch geschmackvolle Erfindung, sinnreiche Anordnung und zweckmäßige Beleuchtung, einen bezaubernden Eindruck hervor. – Auch an zwei belustigenden Neben-Figuren fehlt es dem Gemälde nach dem Leben nicht. Wer wird bei der Erscheinung des Don Ranudo (Hrn. Devrient) nicht an ähnliche Carricaturen des Don Quixotte und an weiland Don Ranudo de Colibrados erinnert? – Auch der renommistische „Peter de Plaisir“ (Schloßvogt, Herr Gern Sohn) erregt durch seine bon mots Lachen.

Wenn auch erst zuletzt, sei darum doch vorzugsweise der schönen Diction, der leichten fließenden Verse und wahrhaft poetischen Bilder gedacht, welche der mit dem Reichthum der Deutschen Sprache, durch Göthe’s Schule vertraute Dichter dem wohl gewählten und sinnig ausgeführten Stoff zuzueignen wußte. Nach vollem Verdienst wurde die Andeutung unserer gefeierten Preciosa sogleich durch ehrendes Hervorrufen des bescheidenen Dichters erfüllt, welcher anspruchslos seinen Dank für das Ziel Künstlerischen Strebens aussprach. Auch Mad. Stich wurde gleich geehrt.

Apparat

Entstehung

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Veit, Joachim

Überlieferung

  • Textzeuge: Zeitung für Theater und Musik zur Unterhaltung gebildeter, unbefangener Leser. Eine Begleiterin des Freimüthigen, Bd. 1, Heft 11 (17. März 1821), Sp. 42–43

    Einzelstellenerläuterung

    • „… Das von Dem. Lemière“Marie Jeanne Lemière (geb. ca. 1795 in Paris), ab ca. 1817 bis zur Pensionierung (1. Januar 1832) Solotänzerin der Königlichen Theater in Berlin, ab 1822 verheiratet mit Xavier Desargus.

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