## Title: Carl Maria von Webers Reaktion auf gegen ihn gerichtete Kritik im Literarischen Merkur Nr. 13 (Teil 1 von 2) ## Author: Carl Maria von Weber ## Version: 4.2.0 ## Origin: http://weber-gesamtausgabe.de/A030377 ## License: http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/ Carl Maria von Weber's Berichtigung der Bemerkungen in No. 13. des liter. Merk. über seine dramatisch-musikalischen Notizen in No. 17. und 18.17. 18. der Abendzeitung.Angriffe auf meine Persönlichkeit, wären sie auch noch bitterer ausgesonnen und unterhaltender ausgesprochen, als von dem Herrn Bemerker geschehen; würden mich wahrlich nicht vermögen, die Feder zur Gegenrede zu ergreifen; wenn nicht der Hr. Bemerker es mit wahrhaft bewundernswürdiger Dreistigkeit gewagt hätte, ein paar derbe Unwahrheiten in so bestimmtem Tone hinzustellen, daß man nur zu deutlich die Absicht erkennt, er wolle mit diesem Gewaltstreich die Stimme des Publikums für sich gewinnen. So eine Zusammenstellung von Wahrem und Unwahrem, Halberzähltem und Ganzverschwiegenem, bedarf also einer Beleuchtung vor der dem Künstler am höchsten stehenden Instanz, vor den Augen des richtenden Publikums. Der Hr. Bemerker beginnt mit folgender groben Unwahrheit, oder geflißentlichen Entstellung meines Strebens zum Guten! "Sobald Hr. C. M. v. W. nach Dresden kam, begann er auch, unzufrieden mit dem musikalischen Geschmacke des dasigen Publikums, wie früher in Prag, das Kunsturtheil zu lenken, und jeden im voraus zu überzeugen, daß nur die Kompositionen, welche er empfahl und beschützte, Lob und Bewunderung verdienten." Habe ich das wirklich gethan? Da hätte ich ja wahrhaft übermenschliche Kraft auf die Gemüther zu wirken gehabt. Aber ich verstehe wohl, was Hr. Bemerker meint; ich werde es wohl nur gewollt haben sollen; denn hätte ich es wirklich zuwege gebracht, so müßte ja der Hr. Bemerker auch mit überzeugt worden seyn, und hätte nie seine Bemerkungen bemerkt. | Wie auch ich gerne gethan. Welche dreiste Verdrehung, oder Vergessenheit dessen, was ich, vierzehn Tage nach meiner Ankunft in Dresden, – eine Zeitfrist, in der wohl Niemand den Geschmack eines Publikums beurtheilen lernen, also damit weder zufrieden noch unzufrieden seyn kann – drucken ließ. (Siehe Abendzeitung 1817. No. 25.) Wie kann man so eine Anmaßung aus ebenbenanntem Aufsatze herauslesen? Ich erlaube mir hier das Wesentlichste davon zu wiederholen. Der Unbefangene urtheile. Als Einleitung sprach ich: An die kunstliebenden Bewohner Dresdens. Indem die Bewohner Dresdens durch die huldvolle Vorsorge und bewährte Kunstliebe ihres erhabenen Monarchen, vermöge der vor sich gehenden Gründung einer deutschen Opern-Anstalt, eine schöne Bereicherung ihres Lebensgenusses erhalten sollen; scheint es dem Gedeihen der Sache zuträglich, ja vielleicht nothwendig, daß derjenige, dem die Leitung des Ganzen derzeit übertragen ist, die Art, Weise und Bedingung zu bezeichnen sucht, unter welcher ein solches Unternehmen ins Leben treten kann. Es ist den Verwaltern des ihnen anvertrauten öffentlichen Kunst-Schatzes Pflicht, dem Publikum zu sagen, was es zu erwarten und zu hoffen habe, und in wiefern man auf freundliche Aufnahme und Nachsicht von seiner Seite rechnen müsse. Die Kunstformen aller übrigen Nationen haben sich von jeher bestimmter ausgesprochen, als die der Deutschen. In gewisser Hinsicht nämlich. – Der Italiener und Franzose haben sich eine Operngestalt geformt, in der sie sich befriedigt hin und her bewegen. Nicht so der Deutsche. Ihm ist es rein eigenthümlich, das Vorzügliche aller Uebrigen, wißbegierig und nach stetem Weiterschreiten verlangend an sich zu ziehen: aber Er greift alles tiefer. Wo bei den andern es meist auf die Sinnenlust einzelner Momente abgesehen ist, will Er ein in sich abgeschlossenes Kunstwerk, wo alle Theile sich zum schönen Ganzen runden und einen. Was mit den schon vorhandenen Mitteln geleistet werden soll, empfehle ich der freundlich nachsichtsvollen Güte des richtenden Publikums. Durch die spätere Bereicherung des Personales wird nicht nur manches schon gegenwärtige Vorzügliche zweckmäßig an seinen Platz gestellt, im vortheilhaftesten Lichte erscheinen, sondern überhaupt dann erst ein planmäßiger Gang in Hin sicht der Wahl der Opern und deren abwechslende [sic] Folge, sich auf Musikgattung und scenische Tendenz beziehend – eintreten können, der dem Publikum das Beste aller Zeiten und Orte mit gleichem Eifer wiederzugeben suchen soll. Um die Anschaulichkeit dieses Willens den Kunstfreunden näher zu bringen, hoffe ich durch nachfolgende Notizen, die jedesmal dem Erscheinen einer neuen Oper vorangehen werden, wenigstens mein Verlangen an den Tag zu legen, das Gute so weit zu fördern, als meine Kräfte es erlauben, und möge mir dabei der Wunsch nicht verargt werden, dieß nicht mißdeutet, sondern mit Liebe aufgenommen zu sehen." Hierauf folgten die dramatisch-musikalischen Notizen, als Versuche, durch Kunst-Geschichtliche Nachrichten und Andeutungen, die Beurtheilung, neu auf dem Königl. Theater zu Dresden erscheinender Opern zu erleichtern. Ein wahrhaft gutes Werk "hieß es darin" bewährt freilich in der[ ]Länge der Zeit seine Vorzüge, und weiß sich die Theilnahme der Menge zu verschaffen, indem es endlich durch wiederholte Anklänge zum Gemüthe spricht. Ganz anders ist aber doch die Wirkung wenn das Gemüth schon gleichsam vorbereitet auf den Genuß ist, der seiner wartet. Es ist mit allen Verhältnissen im Leben so. Sucht nicht Jeder, in den Kreis einer Gesellschaft von einem schon geachteten Theile derselben eingeführt zu werden, während dieser durch einige bezeichnende Worte das Wesen seines Eingeführten der Gesellschaft kenntlich zu machen sucht? Von der Geburt bis zum Tode haben wir Pathenstelle vertretende Freunde. Es sey also auch mir erlaubt, die meiner Obhut und Pflege anvertrauten Werke, bei ihrem Erscheinen demjenigen zu empfehlen, dessen Dienst, dessen Erheiterung, dessen Bildung sie geweiht sind. Ich habe dabei freilich mich vorzüglich vor einer gefährlichen Klippe zu hüten; nehmlich davor, daß – indem ich die ihn vorzüglich bezeichnenden Eigenthümlichkeiten, den Kunstlebenslauf und Charakter meines Pfleglings und dessen Schöpfers berichte, – nicht etwa das, was blos einen Gesichtspunkt zur richtigern Beurtheilung desselben aufstellen soll, | – schon als ein vorgegriffenes Urtheil über ihn erscheine. Dieß hieße die schönsten und heiligsten Rechte der Volksstimme verletzen. Indem ich die Gefahr kenne, glaube ich sie auch schon halb überstanden zu haben, und mein Streben die Klippe zu umgehen, wird es beweisen. Demohngeachtet halte ich es für nothwendig, auch hier auf Nachsicht für den Eifer zu rechnen, der mich vielleicht zuweilen für die gute Sache zu weit führen möchte; indem auch hier nur der Enthusiasmus der den Künstler belebt, und den er so gerne aller Welt einzuflößen wünschte, mich zuweilen über die Grenzen des trocknen Berichts leiten könnte. Nicht jede Pflanze gedeiht in jedem Boden. Was ihr in einem Klima Blüthen und Schönheit schenkt, kann ihr im andern verderblich werden. Eine sorfgältige Pflege wird wenigstens Mißgestalten verhüten, und in dem Streben zum Guten sollen mich auch einseitige Meinungen Einzelner, die ohne ein eigenes Urtheil zu besitzen, nur vergleichungsweise zu richten im Stande sind, nicht irre machen, denn die Erfahrung hat gelehrt daß die Gesammtstimme des Publikums beinah immer gerecht sey." Ferner sagt der Hr. Bemerker: – "seinen Lieblingen (des C. M. v. W.) nur sollte man huldigen." Wo steht das geschrieben? oder aus was geht das hervor? Vielleicht aus denen Werken, die ich bis jetzt aufzuführen die Mittel und die Gelegenheit hatte? Laßt uns doch diese Meister besehen, um meine Einseitigkeit und Liebhaberey kennen zu lernen. Mehúl, Fischer, Gretry, Weigl, Cherubini, Catel, Boyeldieu, Isouard, Mozart, Dittersdorf, Schmidt, Dalleyrac, Spontini, Himmel, Soliè, Fränzl ce. Nun! das sind eben keine schlechten Leute. Ich hätte mich meiner Lieblinge nicht gerade zu schämen, und sie wären wohl auch mannigfaltiger Art genug. Oder, hätte ich vielleicht Rossini's ElisabettaElisabeth und Italiana in Algeri nicht nur mit derselben Sorgfalt und Eifer aufzuführen gesucht, wie die andern Opern? Nein, ich ehre gewiß alles Gute, komme eses komme von welchem VolkVolke es wolle. Ja, ich suche mich bei Beurtheilung desselben auch immer auf den Standpunkt zu setzen, von dem der Erzeuger des Werkes ausgegangen; um ihn gerecht würdigen zu können. Aber blind abgöttische Verehrung der einen oder andern Gattung, muß man keinem Künstler zumuthen: und noch weniger die Verleugnung seiner Ansichten, und des Glaubens an dasjenige, was seiner Ueberzeugung nach, der Wahrhheit – und es giebt nur eine – am nächsten gelangt ist, oder sie gar erreicht hat. Was der Hr. Bemerker von Haydn, Mozart ce. sagt, ist mir aus der Seele gesprochen, und unterschreibe ich von ganzem Herzen. Aber er mißversteht mich mit Gewalt, (was überhaupt seine Liebhaberey zu seyn schein) wenn er glaubt, daß ich Hrn. Meyerbeer deshalb so hoch stelle, weil er so schreiben konnte. Ach nein. Ich muß es nur ehrlich heraus sagen: daß er das wollen konnte, hat mir schmerzlich wehe gethan. Und ich glaube es nicht, daß man nur dadurch in Italien gefallen könne: denn wer wird so unsinnig seyn, behaupten zu wollen, daß in dem Wiegenlande des ächten Gesanges und schmelzenden Gefühles, nicht unter den Besseren, Gebildetern, noch der wahre Geschmack sich eben so finden müsse, wie in Wien, Dresden, München, BerlinBerlin, München ce. Daß aber in Italien, wie in den eben genannten Städten, der große Haufe[n] lieber ein Feuerwerk, als ein Gemählde von Raphael sieht, wird Niemand leugnen. Wer wird nicht gerne Rossini's lebendigem Ideen-Sturme, – dem pikanten Kitzel seiner Melodien lauschen? Wer wird aber auch so verblendet seyn, ihm dramatische Wahrheit einräumen zu wollen? Oder meint der Hr. Bemerker, daß diesedie ein dramatischer Komponist nicht brauche?. Da würde er den ältern italienischen Meistern, Paisiello, Cimarosa, ein schönes Compliment machen. Aber wo gerathe ich hin?. der Hr. Bemerker will ja nicht Kunstansichten austauschen, und um der Kunst willen reden. Ich soll ja nur nicht davon sprechen. Oder soll man überhaupt gar nicht mehr es wagen dürfen auch nur zu vermuthen, daß der Geschmack jetzt in Italien verdorben sey? Weiter habe ich doch nichts gethan. Da lese der Hr. Bemerker die ital. Blätter selbst, und andere deutsche Zeitschriften. Mir scheint aber, ich werde auch mir es schwerlich auf diese Art verbieten lassen. Giebt es eine Grund-Idee in seinem Aufsatze, so ist es nur die, das Publikum zur Parthey gegen meine Ansichten zu stimmen: und dann freilich, wehe dir armer Alimelek, über den der Hr. Bemerker sich so viel Halbes erzählen ließ. Er hat meinen Aufsatz in der Prager Zeitung schwerlich gelesen, oder that er es, so hat er sehr Unrecht zu verschweigen, was ich darin sagte. Aber er ist ja so flink mit Citaten aus der ihm wohlbekannten Leipziger musikal. Zeitung, warum citirt er denn nicht meinen Aufsatz über Alimelek in dieser Zeitschrift, den ich nach den ersten drei Vorstellungen der Oper in Prag, den 22, 24 und 30. Octbr 1815., in derselben abdrucken ließ? Wahscheinlich weil das was er darin bemerkte, nicht zu, eben für ihn jetztzu für ihn jezt eben brauchbaren Bemerkungen Anlaß gab. (Den Beschluß siehe in beifolgendem Extrablatt.)