## Title: Rezension: Hymne “In seiner Ordnung schafft der Herr” (WeV B.8) von Carl Maria von Weber. Verlag A. M. Schlesinger, Berlin o. J. [1817] ## Author: Anonymus ## Version: 4.14.0 ## Origin: https://weber-gesamtausgabe.de/A033416 ## License: http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/ Recensionen.Hymne: In seiner Ordnung schafft der Herr – von Friedr. Rochlitz, in Mus. ges. – – von Carl Mar. von Weber – – Klavierauszug von Wollank. op. 36. Berlin, bey Schlesinger. (Pr. 1 Thlr. 4 Gr.)Dieses achtungswürdige Werk scheint noch nicht nach Verdienst bekannt zu seyn; wenigstens findet Rec. es kaum einigemal in dieser Zeitung unter den Verzeichnissen aufgeführter Concert- oder Kirchenstücke. Wer indessen sich erinnert, was bey weitem in den meisten Städten jetzt das Concertpublicum zunächst verlangt, und was in den meisten der Kirchen, wo deutsche Cantaten aufgeführt werden, zunächst zu Gehör gebracht wird: der wird sich darüber kaum wundern. In einigen Punkten mag indessen auch der Componist nicht ohne Schuld seyn; wir werden diese Punkte hernach anführen. Höchst einfach und nur in gewichtigen Noten wird Anfangs der Hauptgedanke des ganzen Gedichts vom Chor ausgesprochen. Es ist derselbe, den in des Rec. Gegend der gemeine Mann nach seiner frommen Weise also ausdrückt: Der liebe Gott kommt schon, aber erst zur rechten Zeit! Dieser Gedanke wird nun zuerst durch mannigfaltige, wichtige Erscheinungen in der Natur belegt und ausgeführt: der Componist schliesst sich dabey eng an den Dichter, indem er die von ihm aufgestellten Bilder, in kurzen, wechselnden Solo's, nicht sowol ausmalet, als vielmehr dem Gefühle näher zu bringen und so ihren Eindruck zu verstärken sucht. (Vorzüglich gelungen scheint dies in den Stellen: S. 4: „die Blüthe“ etc. und S. 6: „es dämmert der Tag“ etc.; doch will Rec. nicht bergen, dass er, was den Dichter betrifft, die „Jungfrau,“ so schön und wahr das Bild ist, nicht gewählt wünscht, wenn er an die Kirche denkt; und dass, was den Componisten angeht, diese Bilder sämmtlich, in Hinsicht des Effects, und noch viel mehr im Vergleich mit der Ausführung des letzten Satzes, ihm gar zu schnell vorübergeführt scheinen.) Nun wird jener Gedanke, würdig und ernst, in die Welt der Geister hinübergeleitet, und der Componist stimmt einem feyerlichern, fast düstern Ton an, in dem, zum Theil recitativisch behandelten, aber wieder sehr kurzen Basssolo. (Originell und gewiss wirksam ist der Gedanke des Componisten, während das Quartett des Orchesters das Recitativ blos in leise ausgehaltenen Accorden begleitet, ein Violoncell eine unruhige, trübe Figur fast nur in tiefen Tönen ausführen zu lassen. Doch: wenn's ihm nur der Violoncellist zu Danke macht! wenigstens muss dieser in der Intonation ein wahrer Meister seyn: sonst ist es unmöglich, dass er verschiedene dieser Gänge sicher und rein herausbringe. Wie viele Kirchen-, ja auch Concert-Orchester besitzen denn aber einen solchen Violoncellisten? – Das ist einer der oben berührten Punkte!) Der Dichter schliesst die Ausmalung jenes Gedankens mit den Worten: Was rein und gut, was wahr und schön: Mit Bösem soll in Kampf es gehn; Doch muss im Kampf es siegen und bestehn – der Componist lässt den Satz in der vorhin angeführten Weise ganz fremdartig modulirend und, sehr zweckmässig, die Erwartung hoch spannend, gleichsam absterben: um so schöner und inniger muss die Wirkung seyn, wenn nun vier Solostimmen, nur vom Bass begleitet, nach der Melodie: Befiehl du deine Wege – die Worte anstimmen, für welche allein schon dem Dichter Dank gebührete: | Drum lerne still dich fassen, Erwarten seine Zeit; Nicht freveln, nicht erblassen In jedem Kampf und Streit, Nicht heute oder morgen, Nur wenn es dir gefällt, O Vater, wird geborgen Mein Herz und deine Welt! Schade, dass Hr. v. Weber diesen Choral in der Harmonie nicht so einfach, wie die ersten Zeilen, fortgeführt und beendet hat! Ist denn etwas gewonnen, wenn z. B., aller künstlichen Fortschreitungen ungeachtet, eine alte Kirchentonart durchgesetzt wird, aber die kindliche Einfalt und sanfte Dahingebung des gerührten Gemü[t]hs geht über solchem Störenden, Seltsamlichen, den Verstand mit Gewalt Aufrufenden und den Kunstsinn ängstlich Bewegenden, verloren? Und wie schwer wird es den Sängern, auch den geübten, in diesen Gängen, und ohne andere, als Bassbegleitung, den Ton rein zu halten, und ohne Aengstlichkeit ihn natürlich zu tragen? – Das ist wieder einer von jenen Punkten! (Der Componist verzeihe dem Rec.; er hat, nach mehrmaligem Vortrag jener Worte auf die vorgeschriebene Weise, sie in der Harmonie, wie wir alle sie in der Kirche anwenden, ausführen lassen: und nun war die Wirkung eine ganz andere; sie war eben die , welche gewiss Hr. v. W., und der Dichter auch, beabsichtigte. –) Durch vertrauensvolle Ergebung wird der Geist über die Einzelnheiten des Lebens dahin gehoben, wohin sie nicht mehr reichen, sondern wo nur Anbetung, Preis und heilige Freude wohnt. Diese werden dann ausgesprochen im folgenden, aus zwey Haupttheilen bestehenden, grossen Chore. Nach dem Anruf: Gelobt sey Gott! gelobt sey Gott! fallen Orchester und Singstimmen mit einfachen Accorden und darüber gesetzter kräftiger Figur ein; in der Folge, und bald, tritt ein obligater Solosopran mit angenehmer Melodie auf, vom Tutti schwach begleitet: alles lobenswerth, und alles nach der Fermate auf der Dominante (doch, wie Rec. meynt, gar zu sehr, und zu abgebrochen) hindrängend. Hierauf beginnet eine, über Verhältnis zu allen andern Sätzen lange Fuge. Sollte der Dichter die dazu benutzten Worte wirklich für eine Fuge bestimmt gehabt haben, so hätte er dem Componisten zugleich eine schwere Aufgabe vorlegen wollen; es sind nämlich der Worte nicht nur eigentlich hierzu zu viele, sondern sie haben auch einen eingeschobenen Zwischensatz: aber Hr. v. W., der sich selbst, wie es scheint, überhaupt gern schwere Aufgaben setzt, hat sie angenommen, diese Aufgabe und wirklich ein vortreffliches Thema erfunden, das die Worte, der Declamation nach ziemlich genügend, dem Ausdruck nach vollkommen ausspricht, und dabey überdies, auch wenn man es blos musikalisch betrachtete, alles leistet, was von einem Fugenthema zu verlangen ist[.] Rec. rechnet das Hrn. v. W. hoch an; denn so etwas macht man nicht blos, und eben so wenig kömmt's Einem blos: es kömmt Einem nur, indem man zugleich sich alles dessen klar bewusst ist, was sich machen lässt, und setzt mithin Gabe der Erfindung, umfassende Kenntnis und praktische Geübtheit zugleich voraus. Hier ist das Thema: Fugenthema Der Kenner siehet, welche kräftige, hervorstechende Eintritte, welche Combinationen der zweyten Hälfte gegen die erste und mit ihr, welche gute Zwischensätze aus der zweyten, welche Verlängerungen und Verkürzungen beyder etc. dies Thema abgeben kann. Hr. v. W. hat nnn daraus nicht eine strenge, gelehrte Fuge gebildet, wozu auch bey dem freyen Cantatenstyl des Ganzen nicht der Ort gewesen wäre, sondern eine freye, und dem Charakter nach, populaire – letztes, ohngefähr in dem Maasse, wie die herrlichen haydnschen in der Schöpfung und in den Jahreszeiten. Das war denn ganz recht; und wenn er im Gange des Stücks auch nicht alles benutzt hat, was das Thema hergegeben hätte, so ist dagegen Vieles von dem wirklich Angewendeten desto besser gestellt und rühmenswürdig ausgearbeitet, so dass vornämlich die grössere, erste Hälfte des Ganzen meisterhaft genannt werden kann. Rec. hat dabey nur das Einzige einzuwenden, dass hin und wieder auf die Natur und auch auf die Wirkung der Sänger zu wenig Rücksicht genommen worden ist. (Man vergl. z. B. S. 16, Syst. 1., wo der Bass, und nicht etwa mit dem hervorzuhebenden Thema, auch nicht in einzelnen Noten, sondern in einer ganzen und | begleitenden Phrase, bis zu einer Octave über den Tenor steigt, wo mithin dieser in seiner Tiefe gar keine Wirkung thun kann, und jener den Alt, mit dem Hauptthema, ganz überstimmt; oder S. 17, Syst. 2, wo der Bass in Einer Zeile Gänge vom tiefen F bis eingestr. E auszuführen hat, was wol ein einzelner, ganz vorzüglicher Sänger, nie aber ein Chor, deutlich und gleich, ohne dass die Tiefe gemurret, die Höhe geschrieen würde, herausbringen wird – Das ist denn wieder einer von jenen, die Aufführung des Werks erschwerenden, mithin beschränkenden Punkte! Und der folgende ist auch einer!) Gleich nach der zuletzt angeführten Stelle fängt Hr. v. W. an scharf, sehr scharf, und zuweilen urplötzlich, in die entferntesten Tonarten zu moduliren, und zwar mit dem Thema, dann aber, wo der Satz, der Anlage nach, überaus glänzend werden soll, noch schärfer, und wiederholt, und immer anders: das scheint dem Rec., ausserdem, dass es in gleichem Grade für das Verstehen und Ausführen sehr schwierig wird, im gebundenen Styl, ja Einiges, wie es nun dasteht, sogar überhaupt, unstatthaft. Ja, ein Anderes ist es, führt man seine Fuge, wie Hr. v. W. rühmlich gethan, erst regelmässig durch, und lässt sie dann, ohne sich ganz von ihren Grundideen zu entfernen, frey, und für Empfindung und Kunstmittel gesteigert, kurz und folgerecht ausgehn, wie, hinreissend und wahrhaft glorreich, J. Haydn in der seinigen: Und seiner Hände Werk – (in der Schöpfung) gethan hat! Hr. v. W. hat, wie es dem Rec. scheint, gerade dasselbe gewollt, aber zugleich, es weit, sehr weit zu überbieten gesucht: da bricht denn der allzuheftig und allzu hastig angezogene Bogen, und der Pfeil, der ein Aeusserstes erreichen sollte, sinkt herab, ohne selbst das gewöhnliche Ziel zu treffen. Rec. will übrigens dabey noch gar nicht erwähnen, dass diese Behandlungsweise der, in welcher fast alles Vorhergegangene abgefasst ist, so gänzlich widerspricht, dass wirklich die Kunst nach beyden Enden hinaus gar nicht weiter kann, ohne dort trocken und kalt, hier zu einem wilden, regellosen Getöse zu werden, und dass auch gegen manche dieser Durchgänge und Harmoniefolgen (nicht blos der, z. B. S. 23, im Alt und Tenor, ganz unstatthaften Bezeichnungsart wegen) sich nicht ungegründete Einwendungen machen liessen. Hr. v. W. nehme diese Erinnerungen nicht übel auf. Dass sie nicht aus der Luft gegriffen, oder von Pedanterey, wol gar von Abneigung dictirt sind, wird eben Er, der über seine Kunst mehr und schärfer nachdenkt, als die meisten Componisten unsrer Tage, leicht selbst finden. Ehrete der Rec. Hrn. von W. nicht, als einen unsrer begabtesten und ausgebildetsten Meister, und wüsste er nicht auch diese Arbeit desselben zu schätzen: wahrlich, er würde sich nicht so genau darauf eingelassen, sondern des Auftrags der Redaction sich mit einer allgemeinen, empfehlenden Anzeige entledigt haben; so aber — darf er ganz aufrichtig seyn? — so hat es ihm, aus diesem, wie aus andern, übrigens wirklich geist- und kunstreichen Werken dieses Meisters, geschehen, (namentlich aus seiner Silvana, der letzten grossen Klaviersonate, bey Schlesinger, u. A. m.) als ob derselbe, bald durch Ueberspannung der Phantasie, bald durch Grübeley der Reflexion, sich selbst und seinen Werken schade, und auch durch rücksichtslose Anforderungen an diejenigen, welche diese ausführen oder geniessen sollen, sein Publicum sehr verengere; und weil das Eine, wie das Andre, eben bey ihm, dem genialen, vielgeübten und denkenden Künstler, als ein wahrer Verlust zu beklagen wäre, und Niemand noch darüber mit der Sprache laut hat herausgehen wollen, wiewol alle Kenner und Kunstfreunde von des Rec. Bekanntschaft unter sich eben so urtheilen: so hat er sich jenes einmal erlauben wollen, im Vertrauen auf die Wahrheit seiner Sache, auf die Unpartheylichkeit des Hrn. v. W. gegen sich selbst, wie gegen Andre, und in der, wiewol unnöthigen Voraussetzung, man sehe ihm, dem Rec., aus dieser seiner Beurtheilung selbst an, er gehöre nicht unter die, welche ihre Ansprüche als Jedermann zwingende Orakel aufstellen wollen, sondern unter die, welche sie als Urtheile, doch unpartheyische und wohlerwogene — eines Einzelnen, doch nicht Unberufenen, zu weiterer Prüfung und Würdigung mittheilen. — Der Klavierauszug ist mit Fleiss und Geschicklichkeit gemacht; das Aeussere des Werks gut.