## Title: Webers Fremdsprachenunterricht ## Author: Frank Ziegler ## Version: 4.14.0 ## Origin: https://weber-gesamtausgabe.de/A090060 ## License: http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/ Auch wenn Carl Maria von Weber beruflich zeit seines Lebens fast ausnahmslos im deutschen Sprachraum tätig war, waren ihm Sprachkenntnisse unverzichtbar – beim Vertonen fremdsprachiger Texte ebenso wie beim (mündlichen wie schriftlichen) Austausch mit ausländischen Kollegen. In erster Linie diente im 19. Jahrhundert noch die französische Sprache als wichtigstes Kommunikations-Instrument, Weber lernte daneben aber auch Italienisch, Böhmisch/Tschechisch und Englisch – in der Regel in Verbindung mit dienstlichen bzw. kompositorischen Erfordernissen. Über Webers schulische Ausbildung liegen, abgesehen von den Musik- und Kunstlektionen bei wechselnden Lehrern, kaum Informationen vor. So ist unbekannt, ob er innerhalb der Familie unterrichtet wurde (auf Reisen war dies kaum anders möglich) oder ob er bei längerfristigen Aufenthalten an einem Ort zumindest befristet auch an regulärem Schulunterricht teilnahm. Anzunehmen ist dies beispielsweise 1796/97 in Hildburghausen, wo der Tertius der Ratsschule Oberländer zum Bekanntenkreis der Familie gehörte. Max Maria von Weber erwähnt für diesen Zeitraum zudem Französisch-Lektionen Carl Marias bei einem gewissen Thomä. Die Ergebnisse seines Französisch-Unterrichts stellte der junge Weber 1799 stolz seinem Taufpaten Carl von Hessen-Kassel vor: Am 17. November d. J. schrieb er diesem aus München, dass er sich „mit großem Fleiß der ZeichnungsKunst, der Malerey – Musik – und Erlernung fremder Sprachen gewiedmet“ habe und übersandte zum Beleg seine siebenseitige „Aus dem Französischen ins Deutsche gebrachte Uebersetzung Die drey ursprünglichen Karaktere des Menschen oder die Schilderungen des Kalten, des Warmen und des Lauen“. Der Sprachunterricht wurde demnach in München fortgesetzt. In diesem Zusammenhang fällt auf, dass Weber in der bayerischen Residenz 1799/1800 mit mehreren jungen Männern Kontakt hatte, die alle dieselbe Schule, das kurfürstliche Lyzeum, besuchten: Friedrich Aestner, Dismas Fuchs, Joseph Mederer, Alois Merl, Johann Nepomuk Poißl und Alois Zimmermann. Auch wenn Webers Name in den diesbezüglichen Verzeichnissen nicht genannt wird, scheint doch zumindest denkbar, dass er diese Jugendlichen in Zusammenhang mit schulischen Aktivitäten kennengelernt hatte. Neben dem Französischen gehörte auch das Italienische bereits in frühen Jahren zu den erlernten, im Brief vom 17. November 1799 erwähnten „fremden Sprachen“, hatte sich doch Vater Franz Anton von Weber 1791 vom Nürnberger Stadtrat bescheinigen lassen, dass er Lektionen „in der Italienischen Sprache“ geben dürfe. Er gab seine Kenntnisse sicherlich auch an den Sohn weiter. Die Nachdichtungen zu den sechs italienischen Liedern (op. 9 der Gesangswerke) seines Freundes Gänsbacher, die Carl Maria von Weber 1810 im Vorfeld von deren Drucklegung verfasste, bezeugen seine diesbezüglichen Fähigkeiten, auch wenn Webers teils eigenwillige Orthographie bei italienischen Titelformulierungen seiner Werke zumindest im Schriftlichen auf Defizite hindeutet. Erst ab Beginn von Webers Tagebuchaufzeichnungen liegen genauere Hinweise auf Sprachlektionen vor. So bezahlte Weber laut Tagebuch am 12. Juli, 12. und 28. August 1813 für insgesamt 18 „Böhmische Lektionen“ zwischen dem 15. Juni und 1. August 1813, zunächst (bis 1. Juli) dreimal wöchentlich (Dienstag, Donnerstag und Samstag), dann in teils größeren Abständen an wechselnden Tagen. Sein Prager Sprachlehrer ist nicht bekannt. Die geringe Zahl der Unterrichtsstunden deutet darauf hin, dass Weber hier tatsächlich nur Grundkenntnisse erwerben wollte, allerdings kaufte er am 8. Juli eine „Gramatik. Böhmisch“ (vermutlich die Practische Böhmische Grammatik von Jan Nejedlý, Prag 1809). Eigentlich wäre das Erlernen der Landessprache nicht nötig gewesen, da im Königreich Böhmen die Verwaltungssprache Deutsch war und zumindest im städtischen Bereich die tschechische Bevölkerung neben ihrer Muttersprache auch deutsch sprach, aber Weber dürfte nach seiner Anstellung am Prager Ständetheater eine entsprechende Geste als wichtig erachtet haben. Zudem wollte er als Orchesterleiter vermutlich die Gespräche seiner tschechischen Musiker in ihrer Landessprache in den Proben wenigstens in Grundzügen nachvollziehen können. Ähnliche dienstliche Erwägungen waren es, die Weber 1817 nach seiner Anstellung in Dresden bewogen, seine Italienisch-Kenntnisse aufzufrischen; am 7. Februar 1817 schrieb er diesbezüglich an seine Braut Caroline Brandt: das Italienische „muß ich jezt fleißig üben, spreche viel, und werde auch wieder Lection nehmen“. Zwischen 17. Februar und 5. September 1817 absolvierte er (unterbrochen durch seine Reisen nach Prag vom 22. März bis 2. April und nach Leipzig vom 4. bis 9. April) sechs Serien zu je 12 Unterrichtseinheiten, in der Regel dreimal wöchentlich (Montag, Mittwoch und Freitag). Der Name des Lehrers ist wiederum nicht bekannt. Auch hier war die Kommunikation mit den italienischen Musikerkollegen im Ensemble der italienischen Hofoper und Kirchenmusik sowie der Hofkapelle wohl ausschlaggebend für den Unterricht. Zwischen 19. März und 13. Mai 1823 finden sich in Webers Tagebuch Hinweise auf insgesamt 29 Lektionen mit Frédéric Francois Xavier de Villers, der seit 1822 als Französisch-Sprachlehrer am Cadettencorps in Dresden tätig war. Da Weber für die Lektionen bezahlte (vgl. Tagebuchnotizen vom 8. April und 2. Mai 1823 sowie 12. Januar 1825), ist anzunehmen, dass er Französisch-Unterricht nahm, wobei ein konkreter Anlass dafür nicht erkennbar ist. Möglicherweise war schon zu diesem Zeitpunkt die Aussicht, eine französische Oper für Paris zu komponieren, ein Antrieb, die Französisch-Kenntnisse zu vertiefen, zumal Weber nach Aussage seines Sohnes Max Maria das Französische zwar „ziemlich geläufig sprach, aber nur sehr unvollkommen schrieb“. Zeitgleich mit der ersten Unterrichtsstunde ist im Tagebuch der Kauf des „Dictionaire de Mozin“ vermerkt. Die Lektionen fanden in unterschiedlicher Frequenz an wechselnden Wochentagen, also ohne erkennbaren Turnus, statt (meist drei oder vier Wochenstunden, je einmal nur eine oder zwei, einmal auch sechs Wochenstunden). Laut Max Maria von Weber soll de Villers Weber 1824 angeblich auch bei der Revision seiner französischen Korrespondenz mit Spontini behilflich gewesen sein. In Zusammenhang mit den im August 1824 aufgenommenen Verhandlungen mit dem Londoner Covent Garden Theatre über die Komposition einer Oper in englischer Sprache (ausgewählt wurde im Oktober das Oberon-Sujet) ergab sich erneut die Notwendigkeit zum Erlernen einer weiteren Fremdsprache. Einerseits war dies unabdingbar für das Verständnis des Librettos, andererseits verband sich mit dem Kompositionsauftrag eine mehrmonatige Reise nach London zur Einstudierung und Uraufführung, was ohne Kenntnis der Landessprache kaum durchführbar schien. Daher begann Weber bereits am 2. Oktober 1824 (noch vor endgültigem Vertragsabschluss) mit Englisch-Lektionen bei Jean Pierre Carry, der sich gemeinsam mit seiner Frau gerade erst als Sprachlehrer für Englisch und Französisch in Dresden niedergelassen hatte. Die Carrys waren von Webers Freund C. A. Böttiger ausdrücklich aufgrund „ihrer feinen Bildung, wie ihrer Sprachkenntnisse“ empfohlen worden. Mit der zweiten Lektion (9. Oktober) begann ein regelrechter Intensivkurs, den Weber in der Regel täglich (außer sonntags) aufsuchte, nur gelegentlich durch einige freie Tage unterbrochen: zu Weihnachten (25. bis 27. Dezember 1824), um den Jahreswechsel (31. Dezember 1824 bis 2. Januar 1825) und nach Geburt des zweiten Sohnes Alexander (6. Januar bis 16. Januar 1825). Im Brief an den befreundeten Hinrich Lichtenstein vom 23. Dezember 1824 beklagte Weber: „Treibe […] das Englische mit Ernst fort. das raubt mir auch ein paar Stunden täglich.“ Zwischen dem 24. Januar und 28. April 1825 wurde die Frequenz der Lektionen auf drei Wochenstunden (Montag, Mittwoch und Freitag) reduziert. Die Bezahlung (8 rh.) erfolgte nach jeweils 12 Unterrichtseinheiten; um den Überblick zu behalten, nummerierte Weber in seinem Tagebuch die Eintragungen zu den Englischlektionen. Nach dem 28. April 1825 folgten die Unterrichtsstunden dann keinem geregelten Turnus mehr und wurden erheblich seltener (von 11. Mai bis 23. Juni 1825 ca. einmal wöchentlich), um danach für ein gutes halbes Jahr zu pausieren. Zwischen dem 6. Januar und dem 11. Februar 1826 folgte schließlich in unmittelbarer Vorbereitung der Reise (mit neuer Zählung) erneut ein Intensivkurs (insgesamt 31 Einheiten) mit sechs Wochenstunden (täglich außer sonntags), wiederum vergütet mit 8 rh. für je zwölf Stunden. Auf den ersten Blick erstaunlich ist, dass im Tagebuch parallel zu den insgesamt 153 Unterrichtseinheiten bei Carry zwischen November 1824 und Ende 1825 noch weitere 69 Lektionen bei einem zweiten Lehrer (leider ohne Nennung des Unterrichtsgegenstands) genannt sind. Conrad Lüdger, ein ehemals in London und Paris tätiger Kaufmann, hatte sich 1819 als Lehrer für Englisch, Spanisch, Italienisch und Französisch in Dresden niedergelassen ‒ insofern wäre auch denkbar, dass Weber bei diesem eine zweite Fremdsprache perfektionierte, allerdings sind angesichts seiner fundierten Kenntnisse im Französischen und Italienischen (siehe oben) und im Hinblick auf die besonders drängenden Vorbereitungen für London zusätzliche Englisch-Lektionen das naheliegendste Szenario. Ob die beiden Lehrer möglicherweise spezielle Schwerpunkte setzten (Schriftsprache, Konversation), bleibt reine Spekulation, zumal über die Art des Unterrichts keine Informationen vorliegen. Der Unterricht bei Lüdger begann am 10. November 1824 und war weniger strikt geregelt als jener bei Carry; pro Woche fanden meist drei oder vier, seltener fünf Stunden (an wechselnden Wochentagen, außer sonntags) statt. Die Bezahlung erfolgte anders als bei Carry nicht in Dutzend-Serien, sondern um den Monatsletzten (Betrag je nach Anzahl der Lektionen). Aufgrund dieser monatlichen Abrechnung begann Weber ab Januar 1825 seine Zählung (anders als bei Carry) jeweils zu Monatsbeginn wieder mit Nr. 1. Nach einer Pause (22. Februar bis 21. März 1825) finden sich dann nur noch gelegentliche Eintragungen (vier im März, vier im April, zwei im Juni, je eine im September, Oktober und Dezember 1825), möglicherweise gekoppelt an spezielle Erfordernisse, die sich allerdings aus den Tagebucheintragungen nicht erschließen lassen. Durch die konsequente Vorbereitung konnte Weber das englische Libretto des Oberon weitgehend problemlos kompositorisch umsetzen, und so heißt es bereits im Brief an H. Lichtenstein vom 24. Februar 1825: „Mit der Sprache bin ich so weit, daß ich mich mit Leichtigkeit darin beim componiren bewege. das ist genug vor der Hand.“ Freilich gelang ihm nicht im selben Maße wie in der deutschen Sprache, die für seine Vokalmusik so charakteristische Orientierung an Sprachbetonungen und deklamatorischem Rhythmus umzusetzen. An den Libretto-Übersetzer K. Th. Winkler schrieb Weber am 22. März 1825 nach Empfang von dessen ersten Arbeiten zum I. Akt: „ich verstehe gerade genug englisch um die Schwierigkeiten einsehen und Ihre Herrschaft über Ausdruk, Sprache, und Leichtigkeit der Bewegung bewundern zu können“. Doch für den Alltag in London scheint Webers Englisch tauglich gewesen zu sein, und anders als sein Reisegefährte A. B. Fürstenau, der keinerlei Sprachkenntnisse nach England mitbrachte, bewegte sich Weber in englischen Gesellschaften – angesichts der Kürze seines Unterrichts – erstaunlich gewandt.