Rezension: „Der Freischütz“ von Carl Maria von Weber (Teil 2 von 2)

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Stimme aus Wien über den genialen "Freischütz" Carl Maria von Webers.

(Schluß.)

Das erste Duett des zweiten Aufzuges zwischen Agathen und Annen ist durch die Stimmenführung höchst interessant. Das singbare, leicht faßliche Thema, welches der Frohsinn der Unbefangenen ausführt, verschmilzt sich selbst liebreich mit den wehmüthigen Tönen der Liebenden, und wir wüßten diesem trefflichen Tonstücke nur Ein gleiches entgegen zu stellen, das Duett nämlich, was in Cherubini’s "Lodoiska" Floreski mit seinem Diener singt, wo sich auch die anmuthige Lust der Polonaise mit der einsamen Klage des Seufzenden herrlich paart. Die zunächst gesungene Arie Agathens in C ist in jedem Verstande vorzüglich. Die Begleitung des schönen Gesanges durch die Strich-Instrumente con sordini ergreift, das | Ganze schwebt ätherisch, der Zuschnitt des Tonstückes ist meisterhaft und die Herzensfreude am Schlusse begeistert. Im Terzette in Es dur hatte der Tonsetzer eine schwierigere Aufgabe; hier kämpften verschiedene Charaktere und Empfindungen; aber Weber ist der Künstler, dem kein Problem zu schwierig ist, und die Lösung desselben befriedigt vollkommen. Mit dem kurzen Kanon, nach Maxens falschem Abgange, sind wir weniger einverstanden; er erinnert an die gewöhnlichen Behelfe der Componisten, und nur mit innerm Leidwesen erblicken wir das Genie auf der gebahnten Straße. In dem tief das Innerste erschütterndem Finale liegt dagegen eine Kraft, die Erstaunen und Ehrfurcht einflößt. Welche Steigerung, welch ein Crescendo, das alle bisher gehörten in ihr Richts zurückweiset! Welcher Reichthum der Harmonieen, der Instrumentirung! Wie genialisch angewendet die schreckhaften Dissonanzen! Wer hat seit Gluck und Mozart dem furchtbaren Geisterreich diese Stimme verliehen! O Tonkunst, Du bist wirklich die romantischste aller Künste, denn Dein Vorwurf ist das Unendliche!

Mit Agathens* scherzhafter Romanze im dritten Akte sind wir abermals nicht recht einverstanden. Unter allen Dichtungen taugt die epigrammatische am wenigsten zur Musik, die, wenn sie den Worten bloß dient, auch unbedeutender werden muß. Rechnet man die verunglückte Pointe: "Nero, der Kettenhund", und den Umstand hinzu, daß man vom Uebrigen fast nichts versteht, so wird es begreiflich, warum die sonst einsichtsvoll gesetzte Romanze keine Wirkung macht und unbemerkt vorübergeht. Wie herrlich sieht dagegen das Quartett der Brautjungfern, das im ganz reinen C dur unschuldige Fröhlichkeit athmet und das Publikum entzückt! Der darauf folgende Jäger-Chor in D dur ist überaus ansprechend und wird sehr brav vorgetragen; auch diesen Chor läßt das Publikum immer wiederholen. Der Schluß ist so gut, als er den gegebenen Umständen nach sein kann, und beweiset ebenfalls Webers Schöpfungskraft.

Wir können uns wahrlich nicht genug über das Gelingen dieser wahrhaft körnigten und echt Deutschen Arbeit freuen, die Kenner und Laien mit vollem Rechte entzückt, denn bei hoher Genialität hat der Tonsetzer immer besonnen gehandelt, wie es denn auch sein mußte, da Besonnenheit und Genie stets unzertrennlich sind, und auf die Wirkung ohne Unterlaß gearbeitet, ein in jetziger Zeit unerläßliches Postulat; dabei befriedigt er auch die musikalischen Rigoristen, und stellt ein Muster auf, wie wahre Kunst mit dem Zeitgeschmacke schreitet, doch nicht von letzterem am Gängelbande geführt, sondern ihn vielmehr allgewaltig beherrschend. Ehre, hohe Ehre dem Genie, das diese Bahn gebrochen und triumphirend anderen Wust verschmäht!

Apparat

Entstehung

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Ran Mo

Überlieferung

  • Textzeuge: Zeitung für Theater und Musik zur Unterhaltung gebildeter, unbefangener Leser. Eine Begleiterin des Freimüthigen, Bd. 2, Heft 4 (26 Januar 1822), S. 15–16

    Einzelstellenerläuterung

    • „… Mit Agathens“Verwechslung, gemeint ist Aennchen.

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