Aufführungsbesprechungen Prag, Ständetheater, November 1814 bis Februar 1815

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Korrespondenz-Nachrichten.

Prag, 1815.

Unter die neuesten und wichtigsten Erscheinungen unsrer Bühne gehört unstreitig die Oper des Hrn. v. Beethoven: Fidelio. Als das Werk eines der bedeutendsten jetzt lebenden Tonkünstler hatte es die Erwartung des kunstliebenden Publikums sehr gespannt, wozu die Nachrichten, welche von Wien zu uns kamen, sehr viel beytrugen; wenn wir aber das Resultat der erstern Produktionen betrachten, so ist dasselbe hier weit weniger günstig als dort, woran jedoch zum Theil die Besetzung Schuld haben mag. Die Musik hat viel schöne Gedanken und ergreifende Stellen; aber der geniale Tonsetzer hat sich theils durch die Fülle von Ideen, die seinem reichen Geiste entströmten, verleiten lassen, diese über die Maßen anzuhäufen, so daß kein Gedanke gehörig ausgearbeitet und in seiner ganzen Klarheit hervortritt; theils zog er die Kraft der Anmuth vor, und bedeckte die menschliche Stimme oft durch eine allzureiche Instrumentation. Wenn wir ferner von dem Grundsatze ausgehen – dem einzigen, welcher der Oper ihren wahren Standpunkt in der Kunstwelt anweist – daß der Gesang da eintreten muß, wo das Gefühl sich steigert, so ist es ein fühlbarer Mangel des Werkes (der jedoch großentheils auf den Dichter zurückfällt), daß gerade die ergreifendste Situation des Stückes, die Scene, wo Leonora für ihren geliebten Gemahl das Grab gräbt, ganz in Prosa ohne Musik abgefertigt wird.

Der Vorwurf, der diesem Werke gemacht wird, daß es nach Art der französischen Opern keine Finales habe, ist nicht ganz gegründet; zwar ist das Finale des ersten Akts von keiner Bedeutung, jenes des zweyten Akts dagegen ist ein reiches und kräftiges musikalisches Gewebe und von großer Wirkung. Doch muß man das Finale von dem herrlichen Quartett des Pizarro, Florestan, der Leonora und Rocco’s an rechnen, und sich nicht dadurch irre machen lassen, daß zwischen diesem und dem eben so schönen Duett des Florestan mit Leonoren noch etwas gespro|chen wird; an dieses letztere schließt sich der Marsch und der Gesang des Gouverneurs, welcher abermals nur durch einige wenige Worte von dem Schlußgesang getrennt ist. Wir glauben, daß Hr. v. Beethoven sehr wohl thun würde, diese vier Stücke, welche dem Geiste nach schon ein Finale bilden, durch einige Takte Musik auch in der Form dazu zu bilden. Mad. Grünbaum (Fidelio), welcher der ernste Charakter der Musik nur selten Gelegenheit darbot, ihrem Gelüsten, durch Zierrathen zu verschminken, den Zügel schießen zu lassen, entfaltete allen Zauber ihrer klangreichen Stimme, und führte ihre Rolle vortrefflich durch. Vor Allem gelang ihr der Ausdruck des Ueberganges vom höchsten Schmerz zur neuerwachenden Hoffnung in dem Terzett des zweyten Aktes; allein Hr. Grünbaum (Florestan) und Mad. Allram (Marzeline) sangen schwach. Hr. Siebert (Rocco) erfüllte seinen Platz als Sänger so ziemlich, desto mehr ließ er aber in der Darstellung dieser wichtigen Rolle zu wünschen übrig. Hr. Kainz hat für Pizzaro eine zu wenig klangreiche und kräftige Stimme, und hatte schon in seiner äußern Erscheinung auf die grellste Weise manierirt. – Axel und Walburg, Tragödie von Oehlenschläger, kam zu Ende des vorigen Monats auf die Bühne, und hat sehr gefallen. Hr. Bayer gibt die Hauptrolle, bis auf einige geringe Flecken, sehr gut; er wurde nebst Dem. Böhler (Walburg) vorgerufen.

Eine reisende Schauspielerinn, Mad. Quandt, die schon vor 14 Jahren einmal hier mit einigem Beyfalle gespielt hatte, suchte uns durch zwey Gastrollen heim; die zweyte war Eulalia in Kotzebue’sMenschenhaß und Reue.“ Es ist gewiß eine der schrecklichsten Landplagen für die Direktionen, wenn Kunstgäste, die entweder kein Verdienst hatten, oder die ihrigen längst überlebt haben, die Welt durchziehen; lässt man sie nicht zu Gastrollen kommen, so schreyen sie Zeter, und halten oft verdienstvolle Künstler ab, ein solches Theater voll Kabalen zu besuchen; und lässt man sie spielen, so äußert das Publikum einen nicht ganz ungerechten Unwillen gegen die Direktion. Mad. Quandt war so glücklich, ohne sehr laute Aeußerungen der Indignation davon zu kommen, und wir wissen nicht, ob wir dies allein der Gutherzigkeit des Publikums oder zum Theil auch der strengen Polizey-Aufsicht zuschreiben sollen.

In unsrer Literatur herrscht gegenwärtig eine größere Thätigkeit, und es scheint, als gelänge es einem Ausländer, das Vaterland in Bewegung und Anregung zu bringen. Mit Recht macht man den Schriftstellern des österreichischen Kaiserstaates, zumal den böhmischen Gelehrten, den Vorwurf einer allzu geringen Mittheilunglust; daher die wenigen literarischen Produktionen. Seit anderthalb Jahren befindet sich hier der geheime Rath von Woltmann, und es hat das Ansehen, als wolle er durch Schreibfleiß auch Andre ermuntern, und eine neue Epoche der Literatur in Prag gründen. Auch geht schon jetzt die Sage, als wollten manche unsrer Gelehrten, z. B. Meinert, Dambeck u. A. m., die schon lange mit ihren Arbeiten kargten, uns bald wieder mit Erzeugnissen ihrer Muse beschenken, und die armseligen Scribler verdrängen, welche die Buchdrucker Pressen beschäftigen, und den Namen der Böhmen im Auslande zum Gespötte machen.

Hr. v. Woltmann arbeitet sehr viel; er hat seit seiner Anwesenheit zwey größere Werke und mehrere Broschüren, Aufsätze für ausländische Zeitschriften, für den Kronos und die Prager politische Zeitung geliefert, und redigirt noch überdies eine eigne Zeitschrift: Deutsche Blätter. Die erste seiner größern Arbeiten ist eine Uebersetzung des Catilina und Jugurtha von C. C. Sallustius. (Prag, bey ¦ J. G. Calve), welche vor allen ihren zahlreichen Vorgängerinnen den Vorzug hat, daß sie sich dem freyen römischen Geiste des Originals am meisten anschmiegt. Die Sprache ist fest und gut; nur wäre zu wünschen, daß der Uebersetzer sich der hier und da vorkommenden ausländischen Worte enthalten hätte, die wohl meistens durch ächtdeutsche zu ersetzen gewesen wären.

Ein zweytes mit Böhmen in noch näherer Beziehung stehendes Werk ist sein: Inbegriff der Geschichte Böhmens, 2 Thle. (Prag, bey J. G. Calve.) Eine zweckmäßige, kurzgefasste Geschichte Böhmens, für die elegante Lesewelt genießbar, denn der treuherzige Pelzel – welcher überdies schon seit mehrern Jahren ganz vergriffen und zu altmodig in der Form ist – war schon lange vermisst worden. Hr. v. Woltmann hat diesem Mangel abgeholfen, und der Dank und die Theilnahme der höhern Stände und besonders der Damen, denen die übrigen Historiker zu trocken und weitschweifig sind, können ihm nicht entgehen, so viel auch die gelehrten Geschichtforscher gegen ihn einzuwenden haben werden.

Auch Frau von Woltmann hat dasselbe Land ihrer vorzüglichen Aufmerksamkeit werth gehalten, und unsre schöne Literatur durch zwey Bändchen: Volkssagen der Böhmen (in ders. Buchhandlung) bereichert, die, wenn gleich ihre Form etwas ernst und für den leichtsinnigen Leser nicht allzu anziehend ist, doch bey näherer Bekanntschaft durch tiefen sinnigen Ausdruck, wahre und edle Gestaltung der Charaktere, und eine bewundernswerthe Kenntniß der Natur erfreuen. Schade ist es, daß in zwey derselben: Schloß Frauenburg und der Mädchenkrieg, nur Naturkräfte walten, entblößt von allem Zauber des Wunderbaren, welcher den beyden andern: das Roß des Horimirz und die Rettung, einen weit höhern Reiz ertheilt.

Hr. Quandt (ehemals Schauspieler, dessen vor Kurzem angekommner Gattin wir oben erwähnten) setzt hier (in Kommission bey C. W. Enders) den allgemeinen Theater-Anzeiger fort, der ehemals in Leipzig erschien. Abgerechnet, daß er stark an der Lokalität kränkelt, und zumal mit Ausspendung des Lobes an unsre Künstler und Künstlerinnen so freygebig ist, daß solches allen Werth verliert, enthält er eine kurze, ziemlich interessante Uebersicht des Mittelgutes der deutschen Bühnen – jene des ersten Theaters, Wien, Berlin u. s. w. ist sehr mangelhaft – und einige sehr gute theoretische Aufsätze, worunter die Auszüge aus Reccobonis Vorschriften über die Kunst des Schauspielers, von Hrn. F. L. Schröder, mit Geist und Sachkenntniß übersetzt, oben an stehen. Gedichte, Anekdoten und Charaden sind meistens sehr armselig.

Nebst dem kleinen historischen Werkchen: Jaroslaw von Stennberg, der Sieger der Tartaren – eine kräftige und natürliche Darstellung dieses herrlichen Lichtpunkts in der böhmischen Geschichte – haben wir neuerdings von unserm historischen Veteranen, Cornova, ein Werk erhalten: Das Nöthigste aus der alten Geschichte für junge Leser. 1s – 3s Bändchen. (Prag, bey J. G. Calve.) So zahllos die Geschichten der alten Zeit auch sind, so darf man dies neue Werk, wenigstens in Hinsicht der Gemeinnützigkeit und Verständlichkeit für die Jugend, keineswegs als überflüssig ansehen, und wer die große Nützlichkeit seiner ältern historischen Jugendschriften kennt, wird mit Freude der Vollendung dieses Werks entgegen sehen, welches aus 7 bis 8 Bändchen bestehen wird. Das 1ste enthält die Geschichte der Juden, das 2te und 3te jene der Griechen und Gräcomancedonier bis zum Zerfall des Alexandrinischen Reiches.

Editorial

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Übertragung
Mo, Ran

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  • Text Source: Morgenblatt für gebildete Stände, Jg. 9, Nr. 51 (1. März 1815), pp. 203–204

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