Aufführungsbesprechung Paris, Odeontheater: “Preciosa” von Carl Maria von Weber am 17. November 1825

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Paris, 28. Nov. 1825

Der Direktor des Odeontheaters, der an logische Schlüsse gewohnt ist, hatte gedacht, daß, da der Freyschütz bereits 120 Mal aufgeführt worden ist, die Preziosa desselben Komponisten ebenfalls vom Publikum recht gut müsse aufgenommen werden, und hatte daher nichts gespart, um die erste Vorstellung recht glänzend zu machen*; es fand sich auch eine Menge von Zuhörern ein, aus Neugierde zu erfahren, ob Weber auch noch mehrere solche Stücke wie der Freyschütz komponiert habe. Mit der Ouvertüre ging es recht gut, mit den ersten Auftritten und Musikstücken auch noch; dann aber überfiel die Zuhörer die Langeweile bey den Gesprächen, die kein Ende hatten, und den Parisern läppisch schienen; es wurde gepocht und gepfiffen, zuletzt wurde der Sturm allgemein, die Preziosa fiel gänzlich durch, wie seit lange kein Stück auf dieser Bühne durchgefallen war. Der Direktor, Hr. Bernard, kam hervor, und erzählte, ich weiß nicht warum, den Ausgang des Stückes, und was aus der Preziosa noch hätte werden sollen. Diese Mühe hätte er füglich sparen können; denn das Schicksal der Zigeunerinn lag Niemand am Herzen, und jedweder Pariser hätte wahrscheinlich die Nacht darauf sehr ruhig geschlafen, auch, wenn er das Ende des Romans oder Melodrams nicht aus Hrn. Bernard’s Munde erfahren hätte. Ein Pariser Blatt erinnert sich bey dieser Gelegenheit der Anekdote eines Schauspielers in der Provinz, der zuweilen etwas zu viel trank, und ein Mal mitten in einem Trauerspiele ausrief: Um es kurz zu machen, du wirst dich erstechen, und für den Sohn des Königs anerkannt werden, ich gehe fort, und lege mich schlafen. Hr. Bernard meynte das Ding aber ganz ernsthaft, und da die schallenden Pfeifchen es nicht erlaubt hatten das Stück zu Ende zu spielen, so glaubte er es den Zuhörern für ihr Geld schuldig zu seyn, sie mit dem Ausgange der Zigeunerhistorie bekannt zu machen, wiewohl Niemand darum besorgt war. Er wagte es jedoch nicht, einen zweyten Versuch mit der Preziosa anzustellen, und die Zeitungen kündigten an, aus Achtung vor dem Publikum habe er das Stück zurückgezogen. Von eben diesen Zeitungen schrieben einige dem Texte, andre der Musik, noch andere beydem die Schuld des Durchfallens zu. Im Freyschützen wird glücklicherweise beynahe der ganze Test gesungen, und zwar genialisch gesungen; in der Preziosa hätte der Uebersetzer auch die langen und breiten Gespräche abkürzen oder ganz unterdrücken sollen, so wäre vielleicht die Partitur und das ganze Stück gerettet worden. Allein er hatte das Deutsche gewissenhaft übertragen; aus dem Deutschen getreu übersetzte dramatische Unterredungen sind aber für Pariser unleidlich. Dazu kam, daß die Rolle der Preziosa gar nicht im Sinne des Stückes anfgefaßt worden war. Wahrscheinlich wird Hr. Bernard durch den übeln Erfolg seines Unternehmens scheu geworden und nun nicht so bereitwillig mehr seyn, deutsche Opern in’s Französische zu übertragen. Nach der Preziosa sollte Spohrs Jessonda folgen; allein wird, was der Preziosa begegnet ist, nicht ein warnendes Beyspiel für die Jessonda seyn? Den Musikliebhabern ist es unangenehm, daß das löbliche Unternehmen Bernards, die besten, bisher in Frankreich wenig bekannten deutschen und italienischen neunen Opern auf die Bühne zu bringen, dadurch in Stocken geräth. […]

Editorial

Creation

Responsibilities

Übertragung
Amiryan-Stein, Aida

Tradition

  • Text Source: Morgenblatt für gebildete Stände, Jg. 20, Nr. 6 (7. Januar 1826), pp. 24

    Commentary

    • “… Vorstellung recht glänzend zu machen”Premiere in der französischen Textfassung von Thomas Sauvage, bearbeitet von Pierre Crémont am 17. November 1825.

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