An Herrn Gutwill Rechtens

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An Herrn Gutwill Rechtens.
Antwort auf das im Gesellschaftsblatte enthaltene Schreiben gegen mich.

Das freundschaftliche Verhältniß zwischen uns Beyden, welches Sie in Ihrem öffentlichen Schreiben vom 24. May an mich erwähnen, ist der Grund, der mich bestimmte, auf Letzteres noch eine Antwort folgen zu lassen, da es in der Regel meine Sache nicht ist, über den höhern oder geringern artistischen Werth eines Kunstsubjekts zu convertiren, und ich es ungleich Ihnen geduldig leiden mag, wenn einer einen Künstler mehr oder weniger lobt, als ich es wünschte. Darum denn nur ein paar Worte zur Antwort auf den Krieg, den Sie mir machen über zu wenig und zu viel Lob.

Was zuerst Ihren Vorwurf wegen Uebergehung des Hn. Mittermayer* betrifft, so gestehe ich gerne, daß ich versäumt habe, der Natur seiner trefflichen Stimme zu huldigen: seiner Kunst – fand ich nie Ursache. 1)

Von Hn. Schack blieb mir noch weniger zu sehn übrig, wollte ich nicht bemerken, daß er eine schlechte Cantate* komponirt hat, und so Mehreres. 2) Haben Sie übrigens noch gute Schauspieler, treffliche Künstler in München versteckt, die man in einem Zeitraume von 3 Monden nicht vor Augen bekommt, und mit denen Sie hinter dem Rücken des Fremden brilliren, wenn er zum Thore draus ist, so bescheide ich mich gerne, daß man zu meinem Aufsatze in der Z. F. d. E. W. einen Supplementband herausgebe, worin alles verborgene Gute noch nachgeliefert werde. 3) Das Theater sowohl als der Fremde haben aber freylich wenig Vortheil davon, und sie könnten beynahe eben so gut manchen trefflichen Schauspieler in diesen Supplement-Band aufnehmen, der in München und sonst in der Welt herumläuft, ohne je auf irgend einem Theater, als dem der Welt, aufgetreten zu seyn.

Unsere dissentirenden Meinungen über die vorige Intendanz* anlangend, muß ich wiederholen: ich halte es für einen Beweis, daß ein Theater schlecht berathen gewesen sey, wenn es im Jahre 1812 zuerst Schillers Jungfrau von Orleans* kennen lernt; 4) übrigens spricht für meine Behauptung nicht bloß das allein, sondern vorzüglich der Umstand, über welchen sie hoffentlich mit mir einverstanden sind, daß das Schauspiel bey allen ausgezeichneten Mitteln des Theaters, doch im Ganzen bis jetzt noch nichts weniger als auf einer hohen Stufe der Kunst-Bildung steht. 5) Was die Intendanz prosaisch gedichtet hat, habe ich nicht zu berücksichtigen, kann aber geschehen lassen, daß sie’s in den Supplementband aufnehmen. 6)

Hr. Wohlbrück endlich gefällt Ihnen wenig – 7) mir sehr – Kann ich dafür? – Können Sie? – allein ist | dieß ein Grund, mich absprechend zu tadeln, weil ich ihn nicht so sehr tadle, als Sie, und wie sie wünschen, daß auch ich thäte? Kann er darum nicht als Muster dienen, weil er keine Heldenrollen spielt? 8) Als ächter Künstler steht er weit voran, und sie geben mir zu, man muß nicht die Rolle eines Schauspielers nachahmen, sondern seine Kunst.

Leben Sie wohl, mein Lieber Gutwill, und antworten Sie mir bald.

Mannheim im Juny 1812. Alexander v. Dusch.

Apparat

Generalvermerk

Zuschreibung: namentlich gezeichnet

Kommentar:

Von Alexander von Dusch erschien im Gesellschaftsblatt für gebildete Stände dieser Artikel als Reaktion auf den Beitrag Gutwill Rechtens’ „An Herrn Alexander von Dusch“. Es folgt, den offenen Briefwechsel abschließend, die „Schluß Erklärung an Hn. Alexander v. Dusch von Gutwill Rechtens

Entstehung

Überlieferung

  • Textzeuge: Gesellschaftsblatt für gebildete Stände, Jg. 2, Nr. 64 (8. August 1812), Sp. 510–511

    Einzelstellenerläuterung

    • „Uebergehung des Hn. Mittermayer“A. a. O., Sp. 342 in Antikritik auf Alexander von Duschs Bericht Über München.
    • „Hn. Schack blieb … eine schlechte Cantate“Dusch hörte im dritten Winterkonzert am 17. Februar 1811 die Kantate Il Giudizio Nationale; vgl. den Konzertzettel. Hierauf bezieht sich der Vorwurf aus Sp. 342 (s.o.).
    • „Meinungen über die vorige Intendanz“Vgl. Gesellschaftsblatt, a. a. O., Sp. 342 (s.o.); Joseph Marius Babo war Intendant des Münchener Hoftheaters von 1799 bis 1810.
    • „1812 zuerst Schillers Jungfrau von Orleans“EA München: 2. Januar 1812; vgl. Theaterzettel und 1812-V-19 (Teil 2).

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