James Planché an Max Maria von Weber in Dresden
London, Montag, 29. April 1861

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Verehrter Herr!

Ihren Wünschen gemäß habe ich Ihnen sofort nach Empfang Ihres Briefes des 18ten geschrieben [u.] hoffe, die Antwort ist glücklich angekommen. Jetzt in Folge meines Versprechens übersende ich Ihnen 1. eine Abschrift der neuen Übertragung (Übersetzung) des Oberon, wie er im vergangenen Jahr im königlichen Theater aufgeführt wurde u. einige Anspielungen auf das Original-Werk enthaltend*. 2. Abschriften der einzigen 3 Briefe, welche ich von Ihrem Vater die Oper betreffend erhalten habe, und welcher einer deutschen Libretto vorangesetzt waren, als die Oper im Drury Lane aufgeführt wurde* u. 3. eine Denkschrift meines unwürdigen Selbst, geschrieben von Mr Benjamin Webster für seine Auflage des modernen Dramas.

Es thut mir Leid, mitzutheilen, daß ich keine andren Notizen, die Sache betreffend, besitze, noch habe ich Zeitschriften oder Kritiken der Oper; indessen, ein Jeder, der die Zeit hat, die Zeitungsmagazinen zu durchsuchen für März u. April 1826, würde sie finden u. für Sie abschreiben. Meine öffentlichen Pflichten hier gegenwärtig verhindren mich daran, | es selber zu thun, sonst würde ich es mit Vergnügen unternehmen.

Ich erinnere mich nur zwei kleine Vorfälle, welche Ihres Vaters Character illustriren, eine war während der Probe der Oper. Er stand im Parterre eines Morgens u. lehnte auf dem Verschlag, welches es von der Orchester theilte. Ich glaube, Sir George Smart dirigirte. Fräulein Goward, die jetzige Frau Keelry*, wurde ausgewählt, das Lied des Meerjungfers zu singen u. versuchte es zum ersten Male an dem Ort u. mit der Orchester. Sie war sehr nervös u. man konnte sie in der Entfernung nicht gut hören. Mr Fawcett, der Bühnendirigent*, u. welcher Scherasmin spielte, u. noch einige Andren ohne die Umstände in Erwägung zu ziehen, wie viele andern Personen zu der damaligen Zeit, recht ungeduldig, was musikalische Sachen anbetrifft, riefen ungeduldig aus: „O, laßt das aus!“ – Es geht nicht! - „Laßt das aus!“ „nicht gehen“ rief entrüstet der Componist. „Warum sollte es nicht gehen?“ u. krank u. schwach wie er damals schon war, sprang schnell über den Verschlag, setzte sich zu der Orchester hin u. verließ seinen Platz nicht eher bis es wirklich „ging“ zu der Befriedigung Jeder. –

Ich kann mich nicht ganz genau die andren Gelegenheit erinnern: aber er dirigirte die Orchester u. die Chöre bei | der Probe irgend einer Composition, in welchem ein Gebet vor[kam]. Die Sänger schrien wie gewöhnlich damals, aus vollster Kehle. – „Hscht“! rief Weber, indem er sie anhielt, – „meine Herrn u. Damen, wenn Sie vor dem Herrn stünden, würden Sie nicht laut sprechen!“*

Das letzte Mal, als ich ihn am Leben sah, ging er eines Morgens über die Bühne von Covent Garden Theatre von Mr. Chaℓ Kemble Stube, wohin ich ging. Er hielt mich einige Minuten an, um mit mir über Oberon zu sprechen, welcher schon einige Abende aufgeführt worden war; u. in voller Überzeugung, daß er nun den Character eines englischen Publicums verstand u. den Boden sicher unter sich fühlte, umarmte er mich liebevoll u. sagte: „Jetzt, mein lieber Planché, jetzt werden wir eine Oper zusammen schreiben, u. sie sollen sehen, was wir machen können!“ Ich habe ihn nie wieder sprechen hören. - -

Ich beabsichtige mich noch einige Wochen in der Stadt aufzuhalten; bitte, theilen Sie mir gefälligst mit, ob Sie das Paket erhalten haben.Ich bin, sehr verehrter Herr,
Ihr ergebener u. aufrichtige,
J. R. Planché.
[von Jähns ergänzt:] Rouge croix

Apparat

Zusammenfassung

sendet ihm eine Abschrift der neuen Übertragung des Oberon, ferner Abschriften von drei Briefen an ihn von Weber und schließlich eine Denkschrift über sich selbst. Berichtet von zwei Begebenheiten auf der Bühne bei den Proben zum Oberon bzw. einem andern Werk und schildert, wie sich Weber dort verhalten hat

Incipit

Ihren Wünschen gemäß habe ich Ihnen sofort nach Empfang

Generalvermerk

englisches Original unbekannt, deutsche Übersetzung von unbekannter Hand (ein englischer Muttersprachler) mit Korrekturen bzw. Verdeutlichungen (u. a. bei der Ziffer 8) von F. W. Jähns; diese Korrekturen wurden in der Wiedergabe des Briefes in der Regel ausgelassen, um weitmöglichst den Originalwortlaut wiederzugeben (zumal Jähns die Verbesserungen der grammatikalischen Fehler nicht konsequent vornahm); übernommen sind lediglich jene Änderungen von Jähns, die das Verständnis des Textes erleichtern, sowie jene, die nicht rückgängig zu machen sind (vgl. die Rasur unter „Keelry“) bzw. möglicherweise Text des englischen Originals wiedergeben, die der Übersetzer nicht übernahm (Titel-Zusatz unter der Unterschrift)

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Frank Ziegler

Überlieferung

  • Textzeuge: Berlin (D), Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung (D-B)
    Signatur: Weberiana Cl. V (Mappe XIX), Abt. 5 C, Nr. 115

    Quellenbeschreibung

    • 1 Dbl. (3 b. S.) mit Zusatz des Schreibers: „Beifolgend eine Abschrift der Original-Vorrede.“ (bezogen auf das englische Oberon-Libretto), außerdem unter der Niederschrift Hinweis von F. W. Jähns: „Übersetzung eines Briefes von James Robinson Planché, Dichter von C. M. v. Weber’s Oberon an dessen Sohn Max M. v. Weber in Dresden

    Einzelstellenerläuterung

    • „… Anspielungen auf das Original-Werk enthaltend“Aufführung des Oberon in italienischer Übersetzung von Manfredo Maggioni in Her Majesty’s Theatre Haymarket mit Rezitativen von Julius Benedict, zu denen Planché die englische Vorlage geliefert hatte (Premiere: 3. Juli 1860).
    • „… im Drury Lane aufgeführt wurde“Libretto in englischer und deutscher Sprache, erschienen 1841 bei Albert Schloss in London anlässlich des Gastspiels einer deutschen Gesellschaft unter Leitung von August Schumann, dem Direktor des Mainzer Theaters.
    • „… , die jetzige Frau Keelry“Ursprüngliche Namensform durch Rasur getilgt, von Jähns fälschlich mit „Keelry“ überschrieben (auch die richtige Namensform „Goward“ hatte Jähns falsch korrigiert zu „Gowenel“.
    • „… r Fawcett , der Bühnendirigent“Gemeint: Regisseur.
    • „… Sie nicht laut sprechen !“Dieser Bericht beruht wohl nicht auf eigenem Erleben, sondern greift eine Anekdote auf, die mehrfach kolportiert wurde, meist in Zusammenhang mit Weber in London 1826 (vgl. die London Literary Gazette vom 17. Juni 1826 und die Zeitung für die elegante Welt vom 11. Juli 1826), aber auch in Zusammenhang mit Weber in Quedlinburg 1824 (anonymer Bericht in D-B).

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