Aufführungsbesprechung Leipzig: „Der Freischütz“ von Carl Maria von Weber am 23. Dezember 1821

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Korrespondenz-Nachrichten.

Leipzig, Ende des Jahrs 1821.

(Beschluß.)

Hierauf folgte (am Geburtstage unsers verehrten Königs zum Erstenmal gegeben) der mit ungemeinem Beyfall aufgenommene und immer wiederholte Freyschütz (Oper von F. Kind und C. M. v. Weber). Zuerst muß anerkannt werden, daß diese Oper (Dichtung und Musik als Eins und im Ganzen betrachtet), wie keine neuere, das Publikum angesprochen hat. Daß die Dichtung einen ächt romantischen Hintergrund hat, und die Aufmerksamkeit unter manchen schauerlichen und anmuthigen Bildern bis aus Ende gespannt hält, und daß die geistvolle Musik, theils durch volkskmäßigen Liedercharakter, theils durch die schauerliche melodramatische Bearbeitung, welche beyde Hauptbestandthile des Ganzen sind, sich jeder Situation, welche der Text darbietet, genau anschließt, und den verschiedensten Anforderungen entgegenkommt, erklärt jene Wirkung schon einigermaßen. Daß die Musik aber Stellen hat, welche Jeden elektrisiren können, und mit dem scenischen Apparat in Verbindung eine erschütternde Wirkung nicht verfehlen, ist unbezweifelt. Dieß ist in der Schlußmusik des zweyten Akts der Fall, wo die Musik das Geräusch der höllischen Jagd darstellt, und in allen den Momenten, wo der schwarze Jäger (Hier dem An|scheine nach eher für das Gespenst eines rothen Husaren zu halten) Verderben drohend über die Scene geht. Die dumpfen, abgerißnen Paukenschläge, welche hier in das Zittern der Saiten gleichsam hineingeworfen werden, sind von großer Wirkung. So hat auch der Komponist einige andere Motive in verschiedenen Situationen sinnvoll wiederholt, z. B. das höhnende Gelächter der Bauern in der Scene, wo Max dem Zauberkreise der Bösen näher tritt. Durch so geistvolles Anschließen dieser Musik an die Handlung ist es zu erklären, warum man eigentlich Ensemblestücke, welche sonst einer großen Oper wesentlich sind, weniger vermißt; – denn das einzige mehrstimmige Solostück ist das schöne Terzett im zweyten Akte. Dieses, so wie die vorhergehende Scene der Agathe, die höchstdramatische Arie des Max im ersten und Annchens Arie mit obligater Viole im dritten Akte halte ich für die ausgearbeitetsten Musikstücke dieser Oper. Neben diesem sind die Chöre, besonders das Jagdchor und das Brautjungferlied, durch ihren volksmäßigen Charakter, ungemein ansprechend. Dagegen fällt das Schlußstück des dritten Akts, und somit der ganzen Oper, gegen das übrige etwas ab; das Abbrechen verschiedenartiger Sätze, und das Zerstückelte darin, schadet der Wirkung des Ganzen sehr; allein hier trifft zugleich den Dichter ein Vorwurf. Ich habe von vielen Seiten tadeln hören, daß derselbe den Ausgang der Apelschen Novelle, nach welcher er diese Oper bearbeitete, umgeändert hat; aber ich finde diesen Tadel wenigstens darin ungegründet, daß die Natur der Oper jenen tragischen Ausgang nicht gestattet; was aber den hier gewählten Ausgang betrifft, so ist dieser, trotz der langen, fast mühsamen Verständigung, die den Komponisten natürlich binden mußte, doch so unklar und unverständlich, daß ich, mit mehrern meiner Freunde, nach einer dreymaligen Aufführung, ohne Zuziehung des Buchs, noch heute nicht weiß, wie das zu erklären, was am Schusse vor aller Augen vorgeht. Auch muß ich hier zugleich bemerken, daß dieser Operntext, obgleich er vor der Mehrzahl der Opernbücher unläugbar poetische Vorzüge besitzt, doch durch Hinwegfallen einiger matten und wunderlichen Einfälle (zu den letzern rechne ich, daß das Ahnenbild zweymal in Bewegung gesezt wird) noch gewinnen würde. – Die Aufführung verdiente von Seiten der Darstellenden und der ganzen Anordnung großes Lob. Hr. Genast stellt den Freyschützen lebendig das; er sollte nur im Singen seine Stimme weniger übernehmen. Hr. Höfler erweckt als Max durch Spiel und braven Gesang vielen Antheil. Mad. Neumann-Sessi singt mit Ausdruck und Haltung die Parthie der Agathe, und Dem. Böhler verbindet als Annchen mit der gewohnten Leichtigkeit des Spiels in naiven Rollen dieser Art, auch die lobenswertheste Sorgfalt im Gesang. Chöre und Orchester werden, was noch mangelt, durch öftere Wiederholungen gewinnen.

[…]

A. W.

Apparat

Entstehung

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Mo, Ran

Überlieferung

  • Textzeuge: Morgenblatt für gebildete Stände, Jg. 16, Nr. 32 (6. Februar 1822), S. 127–128

Textkonstitution

  • „Anscheine“unsichere Lesung

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