Max Maria von Weber als „Fälscher“ überführt

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Dass man die Angaben Max Maria von Webers in der Biographie seines Vaters (Carl Maria von Weber. Ein Lebensbild, 3 Bd., Leipzig 1864/66) mit Vorsicht zu betrachten hat, ist seit längerem bekannt; viele spätere Biographen sind ihnen „auf den Leim gegangen“, haben sie doch nicht gewagt, an der Authentizität dieser Mitteilungen des Komponisten-Sohnes zu zweifeln. Selten sind die phantasievollen Ausschmückungen allerdings so dreist wie im Falle gefälschter Quellen. So zitiert Max Maria von Weber (in Bd. 2, S. 271) angeblich aus einem Brief eines ungenannten Verlegers u. a. folgende Passage, die belegen soll, „wie wunderlich oft die Motive waren, unter denen Verleger sich um Ueberlassung von Werken an Weber wendeten“. Die Briefauszüge lauten:

„Recht sehr wollte ich Sie bitten, um das Rondo aus Des dur, welches Sie meinem Sohne vorgespielt haben.
Dieses soll, wie ich von allen Seiten höre, ein galantes und höchst munteres Rondo sein.
Da die beiden bei mir gestochenen Rondo und Polacca so schwer sind, so bitte ich mir dieß Rondo (Des dur) als ein kleines Heilpflästerchen für meine Verluste bei jenen zu überlassen. […]
Mein Sohn läßt Sie herzlich grüßen und trägt mir auf, Sie zu ersuchen, da er wünscht, Ihre Compositionen in Paris bekannt zu machen, Sie möchten einmal Etwas im französischen Genre schreiben, und zwar wo möglich ein leichtes Concert-Stück. Was meinen Sie dazu, werthester Herr Capellmeister?“

Deutlich erkennbar handelt es sich um den Berliner Hauptverleger Webers, Adolph Martin Schlesinger, bei dem im November 1819 das Rondo brillante und die Polacca brillante erschienen waren, im August 1821 gefolgt von der Aufforderung zum Tanze, die in Webers Tagebuchnotizen mehrfach als Rondo oder Rondo brillant in Des-Dur bezeichnet ist.

Leider sind die Briefe des Verlegers an Weber bis zum Jahr 1825 verschollen: Die an Weber gerichteten Originale wurden offenbar (wie der Großteil der an Weber gerichteten Schreiben überhaupt) vernichtet, und die Briefkopierbücher des Verlages Schlesinger/Lienau mit der Geschäftskorrespondenz aus dem Zeitraum Juli 1808 bis Dezember 1825 sind verschollen. Somit wäre jedes noch so kleine Textfragment ein erfreulicher Zugewinn.

Doch das Zitat Max Maria von Webers macht stutzig: Absatzschwierigkeiten im Falle des Rondo brillante und der Polacca brillante sind sonst nirgends thematisiert und angesichts der Neuauflagen und -ausgaben beider Werke bei Schlesinger, vor allem aber der vielen Nachdrucke durch andere Verlage kaum vorstellbar. Zudem bezeugen Webers Briefe an Schlesinger, dass der Verleger an Liedern und Klavierkompositionen besonders interessiert war, da sie sich besser verkaufen ließen als Werke für oder mit Orchester.

Den erwähnten Besuch des Schlesinger-Sohnes Maurice hatte es tatsächlich gegeben: laut Webers Tagebuch am 11. August 1819. Dabei wurde auch ein neuer Verlags-Vertrag aufgesetzt; zum ausgehandelten Paket gehörten u. a. die Polacca brillante und zeitgleich die Aufforderung zum Tanze (das Rondo brillante war Schlesinger bereits im Juli 1818 als Ersatz für eine andere Komposition zugesagt worden).1 Die Aufforderung zum Tanze war also, wenn Weber sie auch erst später lieferte als die beiden anderen Klavierstücke, keineswegs eine nachträgliche Wiedergutmachung für ausgebliebene Verluste, sondern von Beginn an ausgehandelter Bestandteil des Vertrags. Der von Max Maria von Weber als Zitat gekennzeichnete Brieftext muss also eine freie Erfindung sein! Einmal mehr erweist sich der Weber-Sohn als phantasievoller Erzähler, dem die dokumentarische Genauigkeit weniger wichtig war als eine schön erfundene Geschichte.

Einzelnachweise

  1. 1Vgl. dazu Frank Ziegler, Verschollene Dokumente zu Carl Maria von Webers Vertragsabschlüssen mit Adolph Martin Schlesinger, in: Weberiana 23 (2013), S. 82, 84–86.

Frank Ziegler, Montag, 2. November 2015

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