Chronik der Königl. Schaubühne zu Dresden vom 13. März 1817 (Teil 2 von 2)

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(Vom 13ten März: Beschluß.)

Hierauf folgte: Das Wiedersehen; Schauspiel in 1 Akt von Holbein. Zur Zeit unsrer Großväter und Großmütter gab es noch Schäferspiele mit zierlichem Hirtenstabe und rosenfarbenen Bändern daran, zwischen durch auch eine Schalmei oder – einen Dudelsack. Diese arcadische Schäferwelt, eigentlich aus dem favole boscerecce der Italiener abstammend, ist auf immer untergegangen. Ein Volk entwächst dergleichen Tändeleien, wie der einzelne Mensch den Kinderschuhen. Aber die Sehnsucht zur ländlichen Unschuldswelt bleibt auch in Erwachsenen. So erschien der verkappte Arlechino, zu deutsch Hans-Wurst, unter allerlei Masken, so kehren auch die Schäferinnen bald als Margarethen im Herbsttag, bald als Susetten in Malesherbes Rosen, Bäteli u. s. w. in den kleinen Dramen, die uns mit Recht so lieb geworden sind, auf unsere Bühnen zurück. So ist auch Holbeins Wiedersehen nichts als eine dialogirte Idylle mit höchst einfachen, ja man könnte sagen, alltäglichen Motiven. Marthe, die kindlich unschuldige, jugendlich reizbare Frau eines schon etwas bejahrteren Landmannes oder Tagelöhners, der einst bessere Tage sah, aber sein junges Weib mit einer Feinheit, die schon einen Anstrich von Weltton haben darf, zu sich heran zieht, gewähren indeß, so gespielt, wie wir sie heute von Herrn und Mad. Schirmer im gemüthlichsten Zusammenspiel gegeben sahn, eine höchst ergötzliche Darstellung und in 30 Minuten mehr wahren Genuß, als manches regelfeste Drama, in 5 langen Akten abgehaspelt. Mad. Schirmer entwickelte als Marthe alle Feinheiten der harmlos scheinenden Unbefangenheit, kindlichen Unschuld und reinen Naivetät mit der gewinnenden Weichheit ihres Organs, dem komisch-bäuerischen Spiel der Hände, den kleinen abstoßenden und annähernden Künsten, welche die Natur selbst aus jeder zarliebenden, durch Convenienz und Sitte noch nicht verschleierten Weiblichkeit hervorgehen läßt. Gleich voran die trauliche Anrede zu Gott, die durch die zwei Liederverse, so gesagt, so gut motivirt wird, dann die höchstkomischen ersten Anwandlungen ¦ von Eifersüchtelei mit stets wiederkehrender Gutmüthigkeit gepaart, dann die mit der feinsten Steigerung ausgeführte Abängstigung wegen des Lieblingshuhns und zwischendurch die von ihr fortgeführte Erzählung der ersten Liebesscenen mit dem guten Peter und endlich die liebenswürdige Ueberraschung, als sie das Tuch vom Körbchen weghebt, und die Verschämtheit am Schluß sind Darstellungen, die dem Spiegel der Natur abgestohlen, aber mit allem Zauber der Kunst in diesem idyllischen Rahmen abgemalt erscheinen. Es sei uns dabei noch eine Bemerkung erlaubt. Es ist uns wohl auch schon das Urtheil zugekommen, die verehrte Künstlerin, von der wir auch hier nicht weniger sagen konnten, als die Gerechtigkeit fodert, male ihre Landmädchen zu sehr ins Schöne und würde durch diese Verzierlichung, die man wohl lieber eine theatralische Schmink-Kunst nennen möchte, der Natur selbst untreu. Soll denn aber wirklich auf unsrer Bühne bloß die liebe Natur mit allem ihren Nothstand und Beschränkung des prosaischen Lebens abkonterfeit werden? Davor bewahre uns der gute Genius der Kunst. Wir sahen noch vor kurzen eine Susette mit aller Lebendigkeit bäuerisch spielen! Keinem nur etwas gebildeten Zuschauer gnügte dieß. Nur der gemeine, ungebildete Sinn kann die Caricaturtreue des Portraits mit allen Mängeln des Originals für ein Kunstwerk halten. Die Kunst muß idealisiren; das Gemeinsame mit dem Einzelnen aufsammeln, und so ein entfehlertes Ganze erschaffen. Leiser oder lauter, zarter oder stärker; das kann jedesmal nur das sichere Gefühl des Künstlers entscheiden. Aber daß nun bei jeder Darstellung dieser reinere oder stärkere Anstrich unwandelbar durchgehe, das macht den Stil. Mad. Schirmer hat sich, gewiß durch größres Studium, als viele sich einbilden mögen, die anmuthigste Kunstweise angeeignet, welche die reinste Natur zu seyn scheint und auch bis auf die kleinste Bewegung, Senkung und Hebung der Stimme, eine wahre Kunstschöpfung ist. Mag, wer Lust hat, einer wahren Bauerdirne der flamändischen Schule huldigen. Wir halten es mit einer Fornerina oder Giardiniera.

B.

Editorial

Summary

Aufführungsbericht Dresden: “Das Wiedersehen” von Holbein am 13. März 1817

Creation

vor 22. März 1817

Tradition

  • Text Source: Abend-Zeitung, Jg. 1, Nr. 70 (22. März 1817), f 2v

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