Aufführungsbesprechung Prag, Ständetheater

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Korrespondenz-Nachrichten.

[…] | […] Prag, März.

Eines sehr auffallenden Erfolges erfreut sich ein neues vaterländisches Stück von H. Kuno: Die Räuber auf Maria Kulm. Der Stoff desselben (nach einer alten Volkssage) ist ein Damenbret*, an das eine Räuberbande, ein ermordetes Fräulein und eine fromme und listige Magd gekettet ist, welche die Räuber fängt, und dafür durch die Hand eines feigen Junkers belohnt wird!!! Das Stück hat einige sehr effektreiche Momente, und hätte bey einer größern Gewalt des Dichters über seinen Stoff ein Zugstück für alle Bühnen werden können. Es ist mit einer stattlichen Menge von Frömmigkeit, Zuversicht auf die Wunder der heil. Jungfrau, mitunter auch mit Prophezeihungen und andern Reminiscenzen an die Jungfrau von Orleans – im böhmischen Kostüme je¦doch – ausgeschmückt und zum Theil in Prosa, zum Theil in ziemlich wohlklingenden Versen geschrieben; nur weiß der Verfasser durchaus nie, warum er reimt, und was es durch den Reim hervorbringen kann, und wendet den öfter wiederkehrenden Klang oft ganz am unrechten Orte an. Mad. Schröder gab die Bibiane als Meisterinn; sie verlieh eigentlich dem Charakter Leben und Farbe, und gewiß verdankt dies Stück nur ihr den wüthenden Beyfall, der ihm zu Theil wurde; auch scheint es schon Pflicht geworden zu seyn, die Künstlerinn bey jeder Aufführung nach dem dritten Akte – mit dem die Haupthandlung aus ist, und gleichsam mit einer neuen in die Wochen kommt – hervorzurufen.

Von ältern Opern sahen wir im Laufe des heurigen Jahrs schon zwey: in Salieri’s „Axur“ debutirte Hr. Bassi, von dem man mit Recht sagen kann, er sey sich selbst der fürchterlichste Rival. Leider erinnern sich noch sehr viele Kunstliebhaber seiner goldnen Zeit, und eine Parallele ist unvermeidlich, die nun freylich nicht sehr zum Vortheil des gealterten Künstlers ausfallen kann, dem man jedoch ein großes Talent nicht absprechen darf. MozartsMädchentreue“ mit einer neuen Poesie von Hrn. Treitschke unter dem Titel: die Zauberprobe, oder: so machen’s Alle, war die zweyte. Man kann Hrn. Treitschke nicht abläugnen, daß er den besten Willen hatte, die Oper mit allerhand Zaubereyen zu verzieren; leider aber ist trotz seiner Bemühung noch immer nichts Zauberisches darin, als Mozarts Kunst, und das Sujet ist, wo möglich, durch diese neue Zuthat noch abgeschmackter geworden, als es vorher war. Mad. Grünbaum (Laura) war, wie gewöhnlich, die Perle der Darstellung, und auch Dlle. Böhler (Isabella) leistete mehr, als man von einer so jugendlichen Anfängerinn erwarten konnte. Je mehr sie von Tage zu Tage zu großen Erwartungen berechtigt, desto mehr wäre auch zu wünschen, daß sie sich einer bessern Haltung beflisse, und die etwas monotonen Bewegungen des Kopfes und der Hände sich abgewöhnte. Dlle. Brand gab den Genius mit drolliger Munterkeit, und sang ihre Arien recht brav. Der männliche Theil des Personales befriedigte weniger.

Unsrer Bühne droht ein großer Verlust. Mad. Schröder verlässt uns in Kurzem, und man erschöpft sich in Muthmaßungen über die Ursache ihres Abganges, da doch gewiß das Publikum im vollen Maße ihren hohen Werth erkennt. Finanzielle Rücksichten können es wol auch nicht seyn, die sie uns rauben; denn, wenn wir gleich gern gestehen, daß eine Künstlerinn wie sie niemals genug belohnt werden kann, so darf sich doch Prag rühmen, ihr die möglichsten Beweise der Dankbarkeit gegeben zu haben. Mad. Schröder und ihre Familie hatte in Zeit von ungefähr fünf Vierteljahren, nebst einer bedeutenden Gage, neun glänzende Einnahmen.

Editorial

Creation

Responsibilities

Übertragung
Mo, Ran

Tradition

  • Text Source: Morgenblatt für gebildete Stände, Jg. 9, Nr. 84 (8. April 1815), pp. 335–336

    Commentary

    • “… alten Volkssage) ist ein Damenbret”vgl. J. Chr. Adelung, Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, rev. und berichtigte Ausgabe von Fr. X. Schönberger, Wien 1811, Bd. I, Sp. 1375, Art. Dambrêt: „das Bret oder der breterne Kasten, auf welchem man die Dame spielet; auch wohl das Damenbret“.

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