Dramatisch-musikalische Notizen (Prag): “Joconde” von Niccolò Isouard

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Dramatisch-musikalische Notizen.

Von Karl Maria v. Weber, Direktor der Oper am landständ. Theater. (Fortsetzung S. Nr. 358 v. J.)

Donnerstag den 11. Januar zum Erstenmale: Joconde oder: die Abentheurer. Eine komische Oper in 3 Aufzügen nach dem Französischen des Etienne von J. R. v. Seyfried. Die Musik von Nicolo Isouard.

Seit einigen Jahren fangen die Erzeugnisse der französischen Muse an, hauptsächlich das Repertoir der teutschen Bühnen zu füllen, und der Geschmack an diesen leicht dahin spielenden Wesen, die mit einer liebenswürdigen Oberflächlichkeit angenehm zu unterhalten wissen, nimmt mehr und mehr überhand. Unter den letztern Erscheinungen dieser Art, scheint sich die Oper Joconde in mancher Hinsicht auszeichnen zu wollen. Der Componist des Aschenbrödel, und so mancher andern gern gesehenen komischen Oper hat hier nebst denen an ihm schon gekannten Vorzügen, einer ächt heiteren Laune, Kenntnis des Theater-Effekts etc., sich auch selbst sogar hin und wieder bis zur italischen Gesangslieblichkeit gewendet, und dadurch gewiß nicht die Zahl seiner Verehrer vermindert.

Bemerken zu müssen glaube ich, daß jeder, der die Oper kennt, über ihren Namen sich befremdet fühlen muß, nicht nur, daß das teutsche: die Abentheurer, gar nicht das französische: coureurs d’aventures, richtig gibt, sondern daß Joconde zum Helden des Stückes gemacht wird, indem er doch nur eine, ins Ganze nicht bedeutender eingreifende Rolle spielt, als beynahe alle übrigen; ja, an Interesse mancher nachsteht. Da wir Gelegenheit hatten, die Uebersetzung mit dem Originale zu vergleichen, und manche, sie demselben näher bringende Aenderung zu machen, so fiel der Verdacht weg, als ob locale Subsistenz in Wien, diese Anordnung erzeugt hätte, wo man blos eine Arie des Grafen unübersetzt ließ, und im übrigen dem Originale so treu geblieben ist, als die Eile, mit der gewöhnlich solche Arbeiten übernommen werden, und die schwere Beweglichkeit unsrer ernsten Sprache in Vergleich mit dem spielenden doppelsinnigen Wizze der französischen erlaubten. – Nur das ausgezeichnete Glück, das diese Oper in Paris und Wien* unter diesem Titel gemacht hat, konnte bestimmen, ihr auch denselben hier zu lassen, und, durch ihn verleitet, zu dem Irrthum Gelegenheit zu geben, das Hauptinteresse auf einer Person ruhend, wie im Johann von Paris etc. zu glauben, wo im Gegentheil hier mehr in dem lebendigen Ineinandergreifen des Ganzen, und in den pikant herbeygeführten Situazionen die Ursache des Beyfalls zu liegen scheint.

Editorial

Summary

kurze Einführung zur Oper des Aschenbrödel-Komponisten, die sich vor allem dem unpassenden Titel des Werkes widmet

General Remark

Entwurf verschollen; vermutlich ehemals aufgeklebt innerhalb von Webers Entwürfen (vgl. Mus. ms. autogr. theor. C. M. v. Weber WFN 6, Mappe VI, Bl. 42v); Datierung neben dem Entwurf erhalten: "d: 8t Januar 1816 für die Prager Z: geschrieben" und Überschrift "Dramatisch musikalische Notizen pp Fortsezung." bezieht sich höchstwahrscheinlich auf Aufsatz über Joconde; laut TB 8. Januar: "Quartett und SezPr. von Joconde...den Aufsaz über Joconde geschrieben"

Creation

8. Januar 1816 (laut TB)

Responsibilities

Tradition

  • Text Source: Kaiserlich Königlich privilegirte Prager Zeitung, Jg. 3, Nr. 10 (10. Januar 1816), pp. 35

    Corresponding sources

    • HellS II, S. 153–155
    • MMW III, S. 99f.
    • Kaiser (Schriften), S. 266–268 (Nr. 73)

Thematic Commentaries

    Commentary

    • “… Oper in Paris und Wien”Uraufführung im Kärtnertortheater in Wien am 1. April 1815; in dieser Inszenierung erlebte das Stück zahlreiche Aufführungen (Neueinstudierung am 25. Februar 1824).

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