Aufführungsbesprechung Prag, Ständetheater, Februar – März 1814

Back

Ständisches Theater in Prag.

Hr. und Mad. Gley, Mitglieder des jetzt aufgelösten Theaters in Hamburg, gaben im Februar ¦ und März Gastrollen auf unserer Bühne. Er zeigte sich als Schauspieler, Mad. als Sängerin. Man würde ungerecht seyn, diesem Künstlerpaar theatralisches Verdienst abzusprechen, aber das Schöne und Wahre bewährt sich nur auf der Wage der Vergleichung. Wir besitzen in dem Rollenfache, worin Hr. Gley als Gast auftrat, einen anerkannten trefflichen Künstler an Hrn. Bayer, wir sahen ihn so oft als Baron Wallenfeld im Spieler von Iffland, als Ferdinand in Kabale und Liebe und als Rolla in der Sonnenjungfrau mit dem ganzen Aufwand seines edeln, innigen Spiels höchstbeifällig auftreten, daß der Gast in diesen Darstellungen unter der Vergleichung blieb. Am angemessensten war Hrn. Gley’s Talent Rolla; Figur und ein kraftvolles Spiel unterstützten seine Darstellung. – Mad. Gley ist eine Sängerin von Talent und Verdienst, aber unsre allgemeinbewunderte Mad. Grünbaum ist eine vollendete Gesangkünstlerin, neben welcher jener Leistungen im Schatten blieben. Zudem gewann Mad. Gley nicht durch die Wahl ihrer Parthie, in einem, aus mehreren bekannten Opern zusammengetragenen Intermezzo: Perseus und Andromeda, welches auf einer Kunstreise in Provinzialstädten, wo die Reisenden allein debütiren, wohl an seinem Platze ist, in der Hauptstadt aber als ein Flickwerk beachtet wird. Die Verwandlungen, welches diesem folgte, ist gleichfalls ein Machwerk der Art mit gefälligen Liedern im Poloinesen-Tact überladen. – Möchten diese und andere Vergleichungen das hiesige kunstliebende Publikum zur erhöhten Achtung gegen die großen Talente unserer ersten Künstler aufstimmen – dann wären Gastausstellungen der Art, von nicht geringem Nutzen für die Bildung des Kunstgeschmacks! – Aschenbrödl ist noch immer die Lieblingsoper unsers Publikums, und wird in jeder Woche bei vollem Hause gegeben. Mit Recht erhält sich diese Oper in der Gunst des Publikums, denn Kenner und Liebhaber finden eine Quelle des reinsten Vergnügens in der Darstellung derselben auf unserer Bühne, weil alles zusammenwirkt, beide zu befriedigen. Es ist nicht nur die treffliche Darstellung der Hauptrolle durch Dem. Brandt, die uns erfreut, auch unsre geschätzte Mad. Grünbaum stattet die Rolle der Clornide mit der hohen Kunst ihres Gesanges aus, und Hrn. Sieberts angenehmer Baß erfreut uns als Alidor. Und doch würde die scenische Darstellung ungemein verlieren, wenn nicht unser, für das Vergnügen des Publikums auch in weniger bedeutenden Rollen so thätiger Hr. Liebich den Baron Montestascone und unser beliebter Hr. Polawsky den Afterkönig übernommen hätten, und mit hoher komischer Kraft ausstatteten. Man kann nichts drolligeres sehen, als die in jeder Rede zur Dummheit einschrumpfende Klugheit des alten Barons, dessen wi|tzigster Gedanke unstreitig der ist, Se. Majestät in ihren Regierungssorgen mit einem gefüllten Pokal auf dem Throne zu stärken. – Ohne die Gränze des Hochkomischen zu überschreiten und ins Ueberladene zu fallen, erheitert das gewandte, launigte Spiel des Hrn. Polawsky ungemein die Scene, und sein charakteristisch gewählter Anzug ist sprechend. – Dieser innere Gehalt der Darstellung wird nun durch die Befriedigung des Auges vollendet. Hr. Dir. Liebich hat eine bedeutende Summe angewendet, diese Oper in Rücksicht neuer, prächtiger Garderobe glänzend darzustellen; und seine Anordnung der Züge ist eben so zweckmäßig, als durch die Menge der figurirenden Personen, die im Hofstaat (die Damen von schlepptragenden Pagen bedient) auftreten, und von acht Hoftrompetern angeführt werden – imponirend, und durch die eingewebten graziösen Tänze sinneschmeichelnd. So wirkt das Ganze als das, was es seyn soll, als eine feenhafte Darstellung, die eine moralische Idee versinnlicht, und den Musikfreund durch die gemüthliche Tonsetzung, die unter der Direction unsers verdienstvollen Hrn. von Weber mit Einfachheit und Würde gehalten wird, rührend anspricht. – Nächtens werden wir Kotzebue’s neuestes Product: Der Schutzgeist, dramatische Legende in 6 Acten auf unserer Bühne sehen.

Editorial

Summary

Aufführungsbesprechung, ungezeichnet

Creation

Responsibilities

Übertragung
Charlene Jakob

Tradition

  • Text Source: Allgemeiner Deutscher Theater-Anzeiger, Jg. 4 (1814), Nr. 19, pp. 74–75

    Commentary

    • Clorniderecte “Clorinde”.

      XML

      If you've spotted some error or inaccurateness please do not hesitate to inform us via bugs [@] weber-gesamtausgabe.de.