Aufführungsbesprechung Prag, Ständetheater: “Die Pflegesöhne” von Franz Kratter am 16. Mai 1813

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Prag. – Den 16. May zum ersten Mahl: Die Pflegesöhne, Trauerspiel in 5 Aufzügen, von Kratter, worin Herr Passy als Marcian seinen zweyten theatralischen Versuch machte. Die Erwartung auf dieses Stück, von dem man schon Monathe vor dessen Erscheinung sprach, war sehr gespannt, und – es fiel durch. Die Katastrophe des fünften Acts ist gewaltsam genug; denn, nachdem Phokas alle Mittel der Gewalt anwendet, zu erfahren, welcher sein Sohn sey, nachdem er die beyden Jünglinge entwaffnen, und Zeno fesseln läßt, reicht Eusebia dem Constantin Marcians Dolch, den sie diesem abgenommen, und er stößt ihn dem Tyrannen ins Herz. Dem Sterbenden sagt Zeno, daß er von der Hand seines Sohnes den Tod erleide. Constantin flucht Zeno, daß er ihn zum Vatermörder gemacht, und stürzt sich in den Peneus. Heraclius wird vom Heere zum Kaiser ausgerufen, und reicht Eusebia seine Hand. Damit endigt sich die Tragödie, welche in der That eine so ganz eigene Form hat, daß es keine leichte Aufgabe ist, selbe zu würdigen. Es wäre ungerecht, wenn man Herrn Kratter der Freyheit wegen tadeln wollte, die er sich gegen die Historie herausgenommen, da er durch sie eine herrliche Grundlage für sein Drama gewann; nur Schade, daß der glänzendste Moment des Ganzen in der Erzählung Zeno’s liegt, und um den Erfolg einer so großen That derselben würdig darzustellen, hätte der Dichter seine Charaktere mit lebhafteren Farben anlegen müssen. ¦

Das Stück wurde auf unserer Bühne mit vielem Fleiße gegeben. Herr Brückel spielte den Zeno recht brav, obschon er die Rolle erst spät übernommen, und noch nicht durchaus memorirt hatte. Mad. Löwe machte aus ihrer Eusebia gewiß alles, was sich aus dieser Rolle machen läßt. Herr Polawsky, dem man in Heldenrollen gewöhnlich der Manier und einiger Modernität beschuldigte, war heute ganz frey davon, und es schien, als hätte dieser vorzügliche Künstler während seines Aufenthalts in Wien, sehr an kräftigen Bewegungen gewonnen. Herr Passy (Marcian) hat schon viel von seiner ersten Schüchternheit abgelegt. Er trägt die Verse richtig und mit Gefühl vor, und wenn man ihm vielleicht den Vorwurf machen kann, daß sein Vortrag für dieses Stück etwas zu sehr nach den Regeln des antiken Drama’s gehalten war, so ist es auch sehr natürlich, daß ein junger Mann mit höhern Kunstansichten durch den Stoff, der eine edlere Behandlung verlangt, dazu verleitet wurde, Herrn Kratters Verse vorzutragen, als wären sie von Schiller. Sehr zu wünschen ist es, daß Herr Passy mehr in Thätigkeit gesetzt werde, damit er bald auf der Bühne heimisch werde.

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Ziegler, Frank

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