Ignaz Franz Edler von Mosel an Carl Maria von Weber in Dresden
Wien, Samstag, 18. Juli 1818

Absolute Chronologie

Vorausgehend

Folgend

Korrespondenzstelle

Vorausgehend

Folgend

H: Sächs. Hofkapellmeister C. M. von Weber

Hochverehrter Freund!

Unmöglich ist es mir, Ihnen meine Freude über Ihren so herzlichen Antheil an dem Erfolge meines Cyrus, und meinen Dank dafür auszudrücken. Wie sehr bestättiget jede Ihrer Äußerungen so wie jede Ihrer Handlungen den allgemeinen schönen Ruf, der Ihnen schon als Künstler hochgefeyerten Namens auf noch als warmer, unpartheyischer Kunstbeförderer umstrahlt!       Möchten wir doch hier einen Mann haben, der Ihnen gliche! mit den Mitteln, welche der Kaiser nun auf unsere Opernbücher wendet, mit dem Personale, das man ohne Rücksicht auf Kosten zusammen zu stellen sucht, was könnte solch ein Mann hier wirken?! – Doch das sind schöne Träume, und da mir diese Ausrufung einmal entschlüpft ist, soll sie als Einleitung dienen, Ihnen zu sagen, daß Sie Sich sehr irren, und die hiesigen Theaterverhältniße für viel zu günstige halten würden, wenn Sie glaubten, daß mir mein Cyrus lauter Rosen getragen habe.       Die Mehrheit des hiesigen Publikums, das vor einigen Jahren durch die Gluckschen und Cherubinischen Werke so schön auf den Weg zum besseren Geschmack geleitet wurde, ist seitdem durch die unglückliche ital: MünchnerGesellschaft*, und vorzüglich durch den elenden Tancredi von dem heilsamen Pfade wieder weit abgekommen, und die Erscheinung der Catalani, dieser "machine à rouladio", (Siehe: Le rideau lévé. Paris 1818) hat diesem Verderben die Vollendung gegeben. So ist es dann erklärbar, daß gediegene Werke hier wohl lebhaften Beyfall (der Verständigen) wie mein Cyrus, aber nie allgemeinen erringen können, und wenn dieses auch nicht so arg ist, als Freund Castelli in seinem Eifer (Siehe Sammler 75.26 pp.) behauptet, so ist es doch gewiß, daß den Verehrern des Rossinischen Unwesens – und deren Zahl ist hier nicht gering – mein Werk zu deutsch schien.       Möchte das noch hingehen, da es sich um den Beyfall von Leuten handelt, den man, nach Gellert’s Fabel, vielmehr scheuen als wünschen muß, doch daß die Theaterdirection diese Gesinnungen, wenn auch nicht theilet, doch begünstiget, ist für alle | Freunde der guten Sache höchst traurig.       Während Sie, theurer Freund (wie ich höre, und Sie darum, wenn es möglich wäre, noch mehr verehre) es durch kluges und redliches Benehmen dahin brachten, die Italomanie von Ihrem Hofe zu verbannen, und Schutz und Liebe für die vaterländ: Oper zu erwecken; hat man hier meinen Cyrus seit dem October v. J. bis in die allerungünstigste Theaterzeit, den Juny, herumgezogen, ohne im Laufe dieser 8. Monate auch nur ein einziges anderes neues Werk von Bedeutung zu geben, dem man das meinige vernünftiger Weise hätte nachsetzen können.       Nachdem es endlich zur Aufführung kam, weil sich kein Vorwand zu weiterer Verschiebung mehr finden ließ, nachdem Salieri es in einem eigens an mich geschriebenen Briefe, und allenthalben laut und öffentlich ein Meisterstück (capo d’opera) nennt, und unserem gemeinschaftl: Freunde Persuis* nach Paris schrieb, daß es selbst dem dortigen grossen Operntheater (academie royale) die größte Ehre bringen würde; nachdem Abbé Stadler es, ebenfalls in einem eigenen Briefe, in die Reihe Cherubinischer Erzeugniße stellt; nachdem es den einstimmigen Beyfall aller Kunstfreunde, ja aller Leute von Verstand und Geschmack erhielt; nachdem es – was hier ein sehr seltener Fall ist – von allen hiesigen Zeitschriften übereinstimmend auf das schmeichelhafteste gelobt wurde; hat mir die Theaterdirection über dieses Werk nicht ein angenehmes Wort weder gesagt noch geschrieben, mit keiner Silbe mich zu künftiger Verwendung für die hiesige Bühne aufgefodert! – Ich bin daher fest entschloßen, ohne ausdrückliche und schriftliche Aufforderung für das hiesige Theater keine Feder einzutauchen, und werde diesen Entschluße um so leichter treu bleiben können, als sich mir eine Aussicht öffnet, mein geringes Talent auf eine viel glänzendere Art gelten zu machen, als hier jemals geschehen könnte; worüber ich Ihnen, verehrter Freund, mehr sagen werde, sobald die Sache ins Reine kommt.       Fesseln dann auch Dienstverhältniße meine Person an meine Vaterstadt, so sollen doch meine Werke anderwo leben.       Daß an all dießem derjenige die meiste Schuld trägt, welchem der, aller musikal: Kenntniße brav und ledige Theaterdirector sich ganz hingeben muß, bedarf keiner Bestättigung; daß wir aber, so lange die Umstände die gegenwärtigen bleiben, wenig Hoffnung haben, Ihre Jägersbraut, und folglich auch Sie Selbst hier zu sehen, folget von selbst; denn, bin ich auch weit von der Anmaßung entfernt, mich mit Ihnen in eine Reihe stellen zu wollen, so ist das nur desto schlimmer; je geistreicher ein Werk ist, je mehr es sich über die hiesigen ultrapopulären (ja deutsch: gemeinen) Fabrikate erhebt, desto mehr Schwierigkeiten findet es. | doch endlich zu Ihrem Auftrage! Sie erhalten hier, lieber Freund, 2. Cahiers, eben erstes die, wegen der Transposition der Rolle des Cyrus aus dem Tenor in den Sopran nöthig gewordenen Aenderungen, das andere die übrigen Abkürzungen, Neuerungen pp enthält. Gern hätte ich das alles reiner abgeschrieben, aber, von Amtsgeschäften fast erdrückt, war es mir durchaus unmöglich und ein geschickter Copist unter guter Anleitung wird sich leicht darein finden.       Folgendes zur Erklärung:

I. Act. Eine in diesen beyden Cahiers nicht vorkommende Aenderung ist die, daß ich im Andante des Terzetts No 7. die Stellen vom 39t bis einschlüßig? 48t und vom 126t bis einschlüßig 134t Takt weggestrichen habe.
Um die Kraft des ersten Finals noch mehr zu heben, habe ich aus dem vorhergehenden kleinen Chor No 8. alle Blas-Instrumente, mit einziger Ausnahme der kriegerischen Trompetten, entfernt, woraus in den Violinen, Violen, und Violoncellen die kleine Aenderung in der Beylage B: entstand.
II. Act. Im Terzett im Chor No 12. strich ich die Stelle vom 157t bis einschl: 169t Takt, welches sonst keine Aenderung nach sich zieht.
In der Arie N: 14. (worinn Vogl sich enthusiastischen Beyfall erwarb) blieb der 69t Tact weg, welches ebenfalls keine weitere Aenderung verursacht.
Im Finale 2: No 16. koppierte ich das Andante 2/4 Takt, welches sich zu lang u die Handlung hemmend erwies, und schrieb das im Cahier-befindliche neue, 6/8 welches ungleich bessere Wirkung that; auch kürzte ich das darauf folgende Allegro assai nach der Angabe des Heftes B. mit bestem Erfolg. In diesem Finale würden die Verse:
Wie denn? was hält mich hingezogen zu diesem? schweig, zu schwaches Herz! so verändert: Was hält zu ihm mich hingezogen? Ermahne dich, zu schwaches Herz!
Hr Treitschke (welcher die Oper in die Szene setzte) und ich, gaben uns alle Mühe, um das Chorpersonale in allen Chören, besonders aber in den 3. Finalen, aus seiner gewöhnl: Halbzirkelförmigen Zurückgezogenheit zu jagen, ihm mehr Muth und Leben einzuhauchen, und es nicht nur mit Worten und Gesang, sondern auch mit Mimen u Handlung thätig zu machen, welches zum grossen Gewinn des Ganzen auch gelang.
III. Act. Hier wären im 1t Chor No 17. die Theile des Chors zu schwach gerathen, wenn man das Chorpersonale in Frauen der Mandane und vom Volk, dann in Pers[?] und Madische Krieger und in Männer vom Volke getheilt hätte. Ich änderte daher diesen Chor so um, daß er nur von den Frauen der Mandane (folglich anfangs nur zweystimmig) dann | von den Persischen Kriegern mit jenen Frauen gesungen wurde. Das Volk beyderley Geschlechts waren blos Stadisten. Der veränderte Chor ist im Hefte B.
Die Cadenz der Arie No 20. änderte ich, was im Cahier B. zu sehen.
Die im Quartett No 21. gemachten heilsamen Abkürzungen zeigen beyde A. und B. in gegenseitiger Beziehung.
Endlich hat das 3. Finale No 22 in der praktischen Ausführung unendlich an Raschheit und Leben dadurch gewonnen, daß ich das Allo non troppo in C. (C [4/4]Takt) ungeachtet des hierüber geäußerten Bedauerns des sämtl: Chorpersonals, durch ein weit kürzeres blosses Instrumentalstück, das Herabstürmen der Person u des Volkes aus dem Tempel, und das Herbey-Eilen der Mader mahlerisch begleitend, ersetzte; wodurch der Text von den Worten "Hört ihr des Horns pp bis einschlüßig: "Du siehst Gewiß, du siehst es, ist dein Sturz pp weg fiel. (Siehe Cahier B.)
Zu den Worten des Cyrus: "Ja, ich schwur pp" schrieb ich ein neues Anda Larghetto (Siehe B) das unnütze Quartett: "Weicht, weicht pp" strich ich weg, und verband die Stelle des Astyages "Wohlan! pp gleich mit jendem Andante Larghetto.
Durch all dieses wurde die in diesem Finale mit Gewalt einströmende Katastrophe ungemein befördert, und für den Effekt des Schlußes hoher Gewinn erreicht.
NB. NB. Weil das männl. Chorpersonale durch die ganze Oper in Persische u Madische Krieger getheilt ist, das erste Finale aber, in welchem nur die Ersteren erscheinen, und das doch seine Wirkung nur in der höchsten Stärke ganz findet, mit dem halben Chor zu schwach gewesen wäre, wurden doppelt so viel perische Costums, als madische, verfertiget, und, nur für dieses Finale, auch die 2t Hälfte des Männerchors persisch gekleidet. Sollten Sie die herrlich entworfenen Zeichnungen des Hrn v. Stubenrauch zu den sämtl: Costums zu erhalten wünschen, so würde ich sie Ihnen wahrscheinlich gegen Recepisse und höchstens auf 4. Wochen, zu leihen verschaffen können.

Theurer Freund! Ihre Freundschaft, Ihr Eifer für die Kunst, und Ihre allgemeine so hoch verehrte Rechtlichkeit verbiethen mir, Ihnen mein Werk nochmal zu empfehlen. In wessen Händen könnte es beßer seyn.       Schreiben Sie mir nur um des Himmels willen gleich nach der Aufführung, und schicken Sie mir auch, wo möglich, ein Exemplar jener Zeitschrift, in welcher die Recension erscheinen wird. Die allfälligen Kosten werde ich mit 1000 Dank vergüten!

Beyliegende Auszüge meiner Berliner Correspondenz werden Ihnen zeigen, was hierin zu thun möglich ist, ohne mich zu compromittiren, oder inconsequent erscheinen zu machen. Ich gebe mich dießfalls ganz Ihrer Klugheit und Güte hin!

Meine Frau grüßt Sie vielmal und freut sich sehr auf die Bekanntschaft Ihrer Gemahlin, von deren Liebenswürdigkeit wir schon viel gehört haben. Ewig mit innigster Hochachtung
Ihr I. F. von Mosel

N. S. Sr Excellenz dem Hrn Oberst-Stallmeister bitte ich meinen ergebensten Respekt zu bezeugen.

Apparat

Zusammenfassung

dankt für herzliche Anteilnahme am Erfolg des Cyrus; relativert die Presseberichte; Klage über ital. Einfluß u. Wiener Theaterverhältnisse; Hintergründe der Auff. seines Werkes; macht ihm wenig Hoffnung auf Auff. des Freischütz in Wien; übersendet zugleich Cyrus mit Änderungsangaben u. Auszüge aus seiner Korrespondenz mit der Berliner Intendanz ;

Incipit

Unmöglich ist es mir Ihnen meine Freude über Ihren

Generalvermerk

Verantwortlichkeiten

Überlieferung

Textzeuge

Wien (A), Österreichische Nationalbibliothek (A-Wn), Handschriften und Inkunabelabteilung
Signatur: 7/124-10

Textkonstitution

  • "das": "daß" durchgestrichen.
  • "doch daß": "wenn man" durchgestrichen.
  • "neues": Hinzufügung.
  • "Takt": Hinzufügung am Rand.
  • "und Madische": durchgestrichen.
  • "Stadisten": sic!
  • "Du siehst": durchgestrichen.
  • "Anda": durchgestrichen.
  • "Larghetto": Hinzufügung.
  • "Andante": durchgestrichen.
  • "Larghetto": Hinzufügung in der Zeile.
  • "sämtl:": Hinzufügung am Rand.
  • "1000": Unsichere Lesung.

Einzelstellenerläuterung

  • "… durch die unglückliche ital: MünchnerGesellschaft": Gastspiele der italienischen Operngesellschaft aus München in Wien, vgl. Wiener allgem. mus. Zeitung 1817, Sp. 79 u. 136 sowie Wiener allgem. Theaterzeitung, Nr. 38, 29. März 1817, S. 152; über die Gesellschaft unter Leitung von Antonie Cera, vgl. Deutsches Unterhaltungsblatt für gebildete Leser aus allen Ständen, Nr. 79, 2. Oktober 1816, S. 316.
  • "… und unserem gemeinschaftl: Freunde Persuis": möglicherweise Louis-Luc Loiseau de Persuis (1769-1819 o. 1837), frz. Komponist, Dirigent und Geiger (DNB)

XML

Wenn Ihnen auf dieser Seite ein Fehler oder eine Ungenauigkeit aufgefallen ist,
so bitten wir um eine kurze Nachricht an bugs [@] weber-gesamtausgabe.de.