Carl Ludwig Wilhelm Baermann an Friedrich Wilhelm Jähns in Berlin
München, Freitag, 18. Oktober 1878

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Theuerster Freund!

Es war mir unmöglich Ihnen beifolgendes Blatt früher zu senden, da wir hier in München, wie Sie vielleicht gelesen haben, das hundertjährige Jubiläum unseres k: Hof und Nationaltheaters gefeiert haben*, und zwar recht großartig. Hiedurch waren alle Kräfte u. Köpfe so angestrengt, daß weder Zeit noch Möglichkeit für etwas anderes übrig blieb, und somit folgt erst heute das Gewünschte.

Ob dasselbe in Bezug auf Silvana u. Abu Hassan ganz richtig ist, ist leider nicht mehr zu ermitteln, da, wie ich schon öfter geschrieben habe, durch den großen Theaterbrand, die ganze Bibliotheck verbrannt ist. Nun wer die Henne nicht haben kann muß eben mit dem Ei vorlieb nehmen.

So sehr es mich freut daß Ihre lieben geehrten Söhne eine so schöne Carrière machen, so bedauere ich zugleich daß es mir durch mein Unwohlsein nicht vergönnt war Ihre liebe Familie und Ihr Haus kennen zu lernen, wobei ich wohl am Meisten verloren habe. Auch bedauere ich recht sehr daß es mit Ihren Füßen nicht beßer gehen will; nun wenn es nur noch gut mit dem Kopf steht, dann geht es immer noch an. Ich will Ihnen eine kleine Beschreibung von dem Meinen machen, und ich bin überzeugt Ihr Fußleiden wird Ihnen erträglicher erscheinen. Im vergangenen Februar überfiel mich plötzlich ein Ohrenleiden, welches damit begann daß ich alle hohen Töne zu tief hörte. In ein paar Tagen bildete sich dasselbe dergestalt aus, daß ich nicht mehr im Stande war die Töne unterscheiden zu können, und war mir gleich ob Jemand einen reinen Accord auf dem Claviere anschlug, oder mit den beiden Ärmen alle Tasten niederdrück[te], dazu hörte ich auf dem rechten Ohr immer: Tinnitus-Geräusch-Darstellung in Noten und auf dem linken Ohr die Eisenbahn pfeifen, oder beßer gesagt das Locomotif, denn die Eisenbahn pfeift nicht. Gestehen Sie lieber Freund daß wenn man obiges Concert über 3 Monate ununterbrochen Tag u. Nacht hört, es hinreichend ist einen Menschen wahnsinnig zu machen*, dazu ist mein Steinleiden eben auch da, und meine Füße sind noch schlechter als die Ihrigen. Sie sehen daher, daß die gütige Natur hinlänglich für Unterhaltung u. Zeitvertreib gesorgt hat, denn während ich diese paar Zeilen schreibe, reißt es mich in den Füßen dermaßen, daß mir alle feineren Gefühle, Worte u. Gedanken durch die Füße weg[g]erißen werden, und wenn es nicht so schmerzlich wäre, so wäre es fast lächerlich.

Mit den Ohren geht es seit ein paar Monaten beßer, ich bin doch wieder im Stande die Töne wieder vollkom[m]en unterscheiden zu können, nachdem mir der Ohrenarzt mit einem silbernen Katheder welcher durch die Nase bis in den Gaumen hineingesteckt hat einige hundertmal comprimirte Luft eingepumpt hat, welches auch ein ganz angenehmes Gefühl ist, und so erwarte ich denn was der Winter noch bringt. Meiner Frau geht es Gottlob so gut als möglich, und ebenso ist meine Familie gesund und so glücklich als möglich.

Was die letzten politischen Ereigniße oder Schandthaten in unserm gelobten deutschen Reiche betrifft, so gestehe ich ganz offen daß ich die jetzige Zeit nicht verstehe, die so schonend mit Mörder, Räuber und Hochverräther umgeht, und ihre Abgesandten als gleichberechtigt mit andern politischen Partheien im Reichstag sitzen und wüthen läßt. Diese Art Liberalismus ist mir so unverständlich als wenn es erlaubt würde, daß alle Spitzbuben sich im Reichstag vertreten laßen wollten. Bismark hat ganz recht, wenn er die ganze Rotte, als Räuber, Mörder u. Banditen bezeichnet. Und welche Kämpfe kostet es dem Staate die Erlaubniß zu erhalten sich gegen dieses Gesindel nur zur nothdürftigen Wehre setzen zu dürfen. Bei Gott ich komme auf den Ausdruck eines hiesigen Pfaffen u. Reacktionär, Pfarrer Westermaier zurück nämlich: den Teufel hole einen solchen Fortschritt!*

Doch genug davon; Fußreißen u. politische Galle ist zu viel auf einmal; laßen Sie recht bald von sich hören, denn ich nehme ja an Allen was Sie u. Ihre Familie betrifft den innigsten Antheil und bin immer Ihr alter treuer Freund
Carl Baermann

Apparat

Zusammenfassung

Übersendet J. offensichtlich einen beantworteten Fragezettel und gibt zu bedenken, ob das Mitgeteilte in Bezug auf Abu Hassan und Silvana richtig sei. Berichtet über seinen schlechten Gesundheitszustand (Gehörleiden) u. politische Situation

Incipit

Es war mir unmöglich Ihnen beifolgendes Blatt früher zu senden

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Eveline Bartlitz; Joachim Veit

Überlieferung

  • Textzeuge: Berlin (D), Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung (D-B)
    Signatur: Weberiana Cl. X, Nr. 34

    Quellenbeschreibung

    • 1 DBl. u. 1 Bl. (5 b. S. o. Adr.)

    Dazugehörige Textwiedergaben

    • Eveline Bartlitz, „Ich habe das Schicksal stets lange Briefe zu schreiben ...“. Der Brief-Nachlaß von Friedrich Wilhelm Jähns in der Staatsbibliothek zu Berlin – PK. Die Briefe Carl Baermanns an Friedrich Wilhelm Jähns, in: Weberiana. Mitteilungen der Internationalen Carl-Maria-von-Weber-Gesellschaft e. V., Heft 8 (1999), S. 5–47

Textkonstitution

  • „Mörder“sic!
  • „Räuber“sic!
  • „Hochverräther“sic!

Einzelstellenerläuterung

  • „… Hof und Nationaltheaters gefeiert haben“Kurfürst Carl Theodor von der Pfalz hatte 1777 die kurfürstlich deutsche Schaubühne unter Theobald Marchand in seine Dienste genommen. Bei Regierungsantritt hatte der Kurfürst die Truppe mit nach München genommen und verfügt, daß eine National-Schaubühne errichtet werden sollte. Am 6. Oktober 1778 hatte sie im alten Salvator-Opernhaus ihr Debüt und begründete somit das spätere Hof- und National-Theater.
  • „… einen Menschen wahnsinnig zu machen“Nach Schilderung der Symptome litt Baermann an einem Tubenkatarrh (nach frdl. Mitteilung von Dr. Wolf-Rüdiger Böhme, Facharzt für HNO, Berlin).
  • „… Teufel hole einen solchen Fortschritt!“Baermann, der ganz offensichtlich zu den Konservativen gehörte, nimmt Bezug auf die beiden Kaiser-Attentate am 11. Mai und 2. Juni 1878 sowie auf die neue politische Parteienlandschaft, insonderheit die Deutsche sozialistische Arbeiterpartei unter August Bebel und Wilhelm Liebknecht (spätere SPD), die Bismarck für eine große Gefahr hielt. Er versuchte, eine Verbindung zwischen den Attentätern und der mißliebigen Partei herzustellen. Nach dem zweiten Kaiser-Attentat gelang es Bismarck, ein Ausnahmegesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialisten im Parlament durchzubringen, das berüchtigte „Sozialistengesetz“, das vom 21. Oktober 1878 bis 1890 in Kraft blieb.

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