Friedrich Kind: Weberliedchen

Weben ist ein löblich Ding,Ist ein freundlich lohnend Streben;Niemand achte den gering,Der dem Weben sich ergeben;Denn was wäre ohne Weben –Sagt es ehrlich – wohl das Leben?Erste Pfleg’rin der CulturWar die schöne Kunst zu weben;Faun und Mensch des Waldes nur*Mag mit Fellen sich umgeben;Denkt Euch, könnt Ihr’s sonder Grauen,So die Herren und die Frauen!Wer die erste WeberinAuf dem Erdenrund gewesen,Kann ein unbefangner SinnBei Ovid und .......* lesen;Beide haben viel geschrieben,Wohl auch – von der Kunst zu lieben.O Arachne, kluge Maid,Würdig immer frischer Kronen!Konnte Eifersucht und NeidAuch Dein Walten nicht verschonen?Find’ ich deiner Schönheit ResteJetzt in einem Spinnenneste?Grimmig rächte Pallas Hand;Doch – was war damit erwiesen? ¦ Wie Apoll den Satyr band,Läßt der Dey zu Algier spießen!Mancher lief herum im Skalpe,Gäb’s mehr Phöbos, wen’ger Alpe!Furchtlos, kluge Weberin,Soll mein Hymnus dich erheben;Jeder tritt bewundernd hin,Sieht dich fest und zierlich weben;Stirbst du, wird, nach sichern Sagen,Einst zum Diamant dein Magen.*)Doch gesetzt, dies wär’ nur Tand,Was Dein kluger Geist ersonnen,Gab dem Wilden das Gewand,Und damit war viel gewonnen;Mag die Menschheit vor dir beben,Du hast ihr sich selbst gegeben!Was Dein kluger Geist erfand,Leitet uns durch’s ganze Leben.Alles muß des Webers Hand,Schirmend bald, bald schmückend, geben –Windel, Brauthemd, Band der Leier,Und zuletzt den Todtenschleier.Du war’st Schöpf’rin jeder Kunst;Denn das rohe Herz des WildenWendet nimmer seine GunstZu dem Zarten, zu dem Milden; ¦ Erst, mit sanfter Hüll’ umgeben,Fängt er geistig an zu leben.Laubgewinde, Strauß und KranzWob man nun aus Frühlungsblüthen;Diese mußten ihren GlanzDichtern oft zum Gleichniß bieten.Jeder weiß: die Frauen webenHimmelsrosen in das Leben.Wortgewebe gab es bald,Auch die Seele zu verschönen;Orpheus fing so Fels, als Wald,In dem Netz von süßen Tönen –Wie auch jetzt noch welche leben,Die an Zaubernetzen weben.Und zu solchen Webers RuhmWard dies Liedchen schnell erfunden,Sey der Web’rin Eigenthum,Die ihm Rosen eingewunden;Mag Sie in Sein ErdenlebenJeden Morgen schön’re weben!
Kind

[Originale Fußnoten]

  • *) Nach einem Volksglauben wird eine hundert Jahre lang eingeschlossene Spinne in einen Edelstein verwandelt.

Apparat

Zusammenfassung

12-strophige Dichtung Friedrich Kinds an Weber für den Liederkreis am 25. Januar 1818

Incipit

Generalvermerk

Entstehung

Verantwortlichkeiten

Überlieferung

Textzeuge

Abend-Zeitung, Jg. 2, Nr. 64 (17. März 1818)

Weitere Textquellen
  • Friedrich Kind, Der Freischütz. Volksoper in drei Aufzügen. Ausgabe letzter Hand 1843, S. 180–182

Themenkommentare

Textkonstitution

    Einzelstellenerläuterung

    • "… und Mensch des Waldes nur": in Kinds "Ausgabe letzter Hand" 1843 in dieser Zeile: Nur die Rohheit der Natur
    • "… Bei Ovid und .......": anstelle der Auslassung in der "Ausgabe letzter Hand" 1843: Thümmel

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