Aufführungsbesprechung Berlin: „Der Freischütz“ von Carl Maria von Weber am 18. Juni 1821 (Teil 3 von 3)

Zurück

(Schluß.)

Zweiter Akt. Gegen die beiden Jäger, deren verschiedener Charakter Dichter und Tonsetzer im ersten Akt in so scharfem Contrast bezeichnet haben, erscheinen nun zwei liebliche, doch eben so verschiedene, weibliche Gestalten. Agathe, sehnsüchtig und ahnungsvoll; Annchen, naiv und munter. Beide hat der Componist in dem allerliebsten Duett am treffendsten bezeichnet, mit welchem diese Abtheilung anfängt. Kunstreich tritt die Verbindung froher Lanne und liebender Unruhe am Schluß bei der Durchführung zwei[er] heterogener Gesang-Melodien auf die Worte: "Grillen sind mir böse Gäste ce." und: "Wer bezwingt des Busens Schlagen ce." hervor. Mad. Seidler und Dem. Eunicke führen diesen Doppel-Gesang mit innigem Ausdruck und heiterm Humor recht wirksam aus. Die folgende Ariette Annchens ist ganz in dem launig einfachen Charakter gehalten, ausgezeichneter aber die Scene und Arie Agathens; rührend ist das Gebet mit Begleitung gedämpfter | Violinen, malerisch das Rauschen und Säuseln der Tannen Wipfel und Blätter, die Annäherung des Geliebten in Tönen angedeutet; den erfahrnen, umsichtigen Meister bekundet die ganze lyrische Behandlung des vielen Textes in verschiedenen Rythmen. Bei der Arie erhebt sich der Schwung freudiger Empfindung über das Wiedersehn des Geliebten und das noch bevorstehende Glück der Vereinigung am höchsten in dem, schon in der Ouverture vorgeklungenen Haupt-Motiv, dessen süße Melodie sich gewiß jedem Zuhörer unwiderstehlich einprägt, um so mehr als Mad. Seidler diese Scene mit tiefem Gefühl und wahrer Begeisterung vorträgt. Als gelungenes scenisches Effekt-Mittel ist auch der Prospect der, von Mond- und Sternen-Licht romantisch beleuchteten Gegend zu erwähnen; auch das alterthümlich reiche Zimmer mit dem Bilde des Ahnherrn und den Jagdstücken ist ganz dem Zeitalter der Dichtung angemessen.

Eines der durchgeführtesten Musikstücke ist das Terzett, worin Agathens bange Unruhe, Maxens bewegtes Gemüth und Annchens Sorglosigkeit glücklich geschildert und neben einander gestellt ist. Von den zahlreichen musikalischen Nüancen heben wir nur die Behandlung der Violoncelle in der Tiefe bei Erinnerung der grausenvollen Wolfs-Schlucht, die zarte Melodie der Soprane bei dem: "Wir ce. (Ihr ce.) ist so bang! o bleibe! ce." die Nachahmung und canonische Behandlung der drei Stimmen, mit Imitationen der Instrumente bereichert, und den leidenschaftlich feurigen Schluß, als besonders hervorstechend aus. In theatralischer Hinsicht dürfte dies ausgezeichnete Gesangstück etwas lang sein.

Was Phantasie und Originalität der Erfindungsgabe nur irgend dem Componisten darbieten können, erfordert und leistet das Finale, die mitternächtliche Beschwörungs-Scene. Die Stimmen unsichtbarer Geister ertönen im schauerlichen Unisono bald tiefer, bald gellend hoher Stimmen. Höchst originell wechseln die Modulationen, durchschneidet das kreischende "Uhui!" die Lüfte. Mit dramatischer Wahrheit ist die melodramatische Behandlung bei der Erscheinung Samiel’s angewandt, wogegen Maxens Gesang um so ergreifender absticht. Bei solchem Reichthum der Tondichtung wird die Schwierigkeit, mit Worten davon eine Beschreibung zu liefern, um so fühlbarer. Wir begnügen uns daher zu bemerken, daß der Tonsetzer hier die Phantasie des Dichters und das Schauerliche der Scenerie ¦ wo möglich noch überboten hat, ohne sich zu greller Mittel zu bedienen. Auch ohne Ansicht der Partitur läßt sich behaupten, daß eine Tondichtung dieser Art auf der Deutschen Bühne zum erstenmal so vollendet im Gebiet des Wunderbaren erscheint, als C. M. v. Weber’s schaffender Genius sie hier kühn, aber des Erfolgs sicher hervorgebracht hat.

Der dritte Akt führt uns von den Schrecknissen der Hölle zu dem muntern Jägerleben durch die Introduction beruhigend zurück (ohne daß es uns möglich wäre, in diesem Musikstück ganz verschiedener Gattung irgend eine Aehnlichkeit mit einem berühmten Meisterwerk höheren Styls zu entdecken; es müßte denn die Tonart D dur und 2/4 Takt etwa sein). Agathens Cavatine vor dem Muttergottesbilde ist kindlich fromm und gemüthvoll. Die Tonart As dur und die Benutzung der Violoncelle entsprechen dem religiösen Charakter vollkommen. Annchens humoristische Geistererzählung ist wirksam instrumentirt. So tritt auch in der sich anschließenden, eigentlich hier überflüssigen Arie (welche der Componist nur aus Gefälligkeit für die Sängerinn hinzufügte), die obligate Viola-Partie – von Hrn. K. M. Semmler mit schönem Ton ausgeführt – vorzüglich hervor. Dem. Eunicke trug dies angenehme Gesangstück mit Virtuosität und Laune vor. – Das einfach wahre Volkslied: "Wir winden Dir den Jungfernkranz" mit dem zweistimmigen Refrain: "Schöner grüner Jungfernkranz! Veilchenblaue Seide" – ist wahrhaft im Volkston aufgefaßt und durch die herabgehenden Terzen-Gänge der Singstimmen charakterisirt. Daß dies ächte Lied so allgemein ansprach, bewies am besten, wie glücklich es dem Componisten gelungen ist. Nach dem Erblicken des Todtenkranzes wird die Wiederholung schwächer, gleichsam mit ahnungsvoller Furcht und wehmüthiger Vorempfindung gesungen, auch der Abgang der Braut mit den Brautjungfern in trüben Anklängen des Ritornells begleitet. – Das gräfliche Hoflager erscheint und der fröhliche Jagd-Chor läßt sich ermunternd hören. Die Hörner erklingen dazu frisch und kräftig. Mit dem letzten Schuß des unglücklichen Freischützen beginnt das Finale sehr wirksam, dehnt sich indeß, nachdem Agathe wieder Lebenszeichen äußert und die Handlung eigentlich geendet ist, durch die moralische Tendenz zu breit aus. Diesen Fehler des Dichters beschönigt der geistreiche Componist indeß durch die anmuthigsten | Melodieen, von denen wir nur das liebliche Cantabile mehrerer Stimmen in H dur, 6/8 Takt, mit Violin- und Violoncell-Solo’s ausheben. Die Erscheinung des Eremiten zeichnet sich gleichfalls durch erhabenen Charakter und fromme Würde der Musik aus. Heiter und mild schließt endlich das schon öfters erklungene, bedeutsame Haupt-Motiv die ächt romantische Oper, deren hiesige Aufführung vollkommen genannt werden darf.

J. P. S.

Apparat

Zusammenfassung

Aufführungsbesprechung Berlin: „Der Freischütz“ von Carl Maria von Weber am 18. Juni 1821 (Teil 3 von 3). Der erste beiden Teile erschienen in den vorigen Ausgaben.

Entstehung

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Fukerider, Andreas

Überlieferung

  • Textzeuge: Zeitung für Theater und Musik zur Unterhaltung gebildeter, unbefangener Leser. Eine Begleiterin des Freimüthigen, Bd. 1, Heft 27 (7. Juli 1821), Sp. 105–107

Textkonstitution

  • „Lanne“sic!

      XML

      Wenn Ihnen auf dieser Seite ein Fehler oder eine Ungenauigkeit aufgefallen ist,
      so bitten wir um eine kurze Nachricht an bugs [@] weber-gesamtausgabe.de.