Carl Maria von Weber an Familie Türke in Berlin
Prag, Samstag, 23. April 1814

S: Wohlgebohren

dem Herrn Justiz Commissarius

Türcke

zu Berlin

Dönhofschen

Plaz.

Lieber Türk! Türkin! und Türkenkind!

So sehr es meine Schuldigkeit wäre einen Brief von wenigstens 8 Seiten zu schreiben, so will ich doch froh sein, wenn ich in dem Troubel der mich umgiebt nur 1 oder 2 zusammen bringe, und Sie im Ganzen genommen an die Koch verweise* die ich wieder an Lichtenstein gewiesen habe, und auf die lezt habe ich doch allen nichts ordentliches geschrieben. Das muß man aber einem kranken Menschen zu gute halten, der seit 4 Wochen keine gesunde Stunde hat und 14 Tage im Bette zubringen muste.

Vor allem 1000 Dank für die gute Besorgung meiner Geschäfte. Ihren Brief mit dem Wechsel vom 3t März erhielt ich erst im Aprill. Zugleich hoffe ich daß Sie sich alle Porto und sonstigen Auslagen von H: Schleßinger vergüten laßen, sonst würde ich es nicht mehr wagen etwas an Sie zu adressiren. Meine nächste Sendung ist durch meine Krankheit und überhäuften Geschäfte sehr verzögert worden, und kann wohl erst in 4 Wochen abgehen. daß Sie sich gewundert haben das Paket* ohne Brief zu bekommen glaube ich gerne, es war aber keine Zeit mehr dazu gewesen. die Zeichnung Ihres neuen Quartiers habe ich sehr studirt aber es ist damit wie mit den Portraits der Prinzeßinnen, man kann sich dabey denken was man will, und trift doch beynah niemals das Wahre. das beste | Mittel wäre freylich sich die Sache an Ort und Stelle selbst zu besehen, aber dazu sehe ich leider noch keine Hoffnung, obwohl es unter meine liebsten und schönsten Wünsche gehört.

Mein gutes Riekelchen hat mich recht durch Ihre Zeilen erfreut, es ist das einzige was ich habe, wenn ich mir denken kann daß meine Freunde sich noch recht lebendig meiner errinnern, und ich noch so zum Hausrathe gerrechnet werde. also lieber Schnipps schreiben Sie so oft als Ihre Zeit es erlaubt und Ihre Lust Sie dazu treibt, daß Sie mir dadurch Freude machen können Sie überzeugt sein.

Für die getreue Relation über der LebensUmstände aller Bekannten, küße ich dankbar die Hände. Es war wirklich bis auf die Faulheit Tolls viel Neues für mich darunter.

Die Schmalzen wollte uns besuchen und Gastrollen singen, wir können aber leider dieß Vergnügen nicht genießen.

Mein H: Namens Vetter in Berlin hat auch seinen Besuch bey mir bis auf den Herbst verschoben. Ihre Direktion will einmal nicht verenden, ich bin doch begierig wie lange sich das alte geleimte Wesen noch halten wird*.

Von Künstlern hat sich bey uns auch nichts sehen und hören laßen, nach dem Frieden | werden sie aber wohl wieder Schaarenweise kommen.

Jezt lebt wohl lieben Freunde, nochmalen herzlichen Dank für alle Güte, und vergeßt nicht Euren unveränderlich treuen Freund Weber.

Apparat

Zusammenfassung

entschuldigt Briefpause mit Krankheit; betr. Musikaliensendung für Schlesinger; Privates; betr. Berliner Bekannte und Personal in Prag

Incipit

So sehr es meine Schuldigkeit wäre einen Brief

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Eveline Bartlitz; Joachim Veit

Überlieferung

  1. Berlin (D), Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung (D-B)
    Signatur: N.Mus.ep. 1536

    Quellenbeschreibung

    • 1 DBl. (4 b.S. einschl. Adr.)
    • Siegelrest
    • Zusatz (von frd. Hand) am Briefkopf: Nro 8

    Dazugehörige Textwiedergaben

    • Hirschberg77, S. 58–59 (Nr. 9)

Textkonstitution

  • „verweise“s überschrieben durch w.
  • „über“durchgestrichen.

Einzelstellenerläuterung

  • „… sich gewundert haben das Paket“Zur Musikaliensendung vgl. die Tagebuchnotiz vom 15. Februar 1814 sowie den Brief vom 17. Februar 1814.
  • „das alte geleimte … noch halten wird“gemeint ist Iffland!

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