„Praktische Violinschule“ von Carl Gottlieb Hering

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Practische Violinschule, nach einer neuen und leichten Stufenfolge, bearbeitet von M. Hering.* Leipzig, bey Fleischer d. j. (2 Rthlr.)

Kein Lehrbuch ist unwichtig, besonders wenn es einmal in diesem oder jenem öffentlichen Blatte* als nützlich angeprießen worden ist, und als Grundlage zur Bildung der nachfolgenden Generationen gebraucht werden soll. Wir halten daher das vorliegende, wenn gleich nur die Rudimenta des Violinunterrichts für ganz junge Schüler enthaltensollende Werk wichtig genug, um eine nähere Beurtheilung desselben aufzunehmen.

Der Verf. beabsichtigt nicht, eine Violinschule höherer Gattung, wie z. B. die Pariser Violinschule*, oder Mozart’s*, oder André’s*, oder Tartini’s*, oder Fiorillo’s ec., sein Zielpunct ist bloß der erste Unterricht junger Anfänger. Er theilt sein Werk in zehn „Abschnitte“, welchen dann siebenundfunfzig „Lectionen“ folgen. In jenen soll also das Allgemeine gelehrt, in den letzten das Gelernte in der Anwendung gezeigt werden.

Erster Abschnitt. Kenntniß der Violine. Er definirt die Violine auf folgende Art: „mit dem Worte Geige bezeichnet man alle diejenigen „Saiteninstrumente“, auf welchen die verschiedenen Töne durch das Einsetzen der Finger hervorgebracht werden.*“ Der Schüler, welcher sich diese Definition wohl merkt, wird nicht ermangeln, auch die Guitarre eine Geige zu nennen. Warum setzte Hr. H. nicht „Bogeninstrumente“? Ueberhaupt ist er in Benennungen sehr unglücklich, so nennt er auch z. B. den Contrebaß: Violono (!)*. Hierauf folgt die Beschreibung den die Violine constituirenden Theile. Ziemlich unvollständig, namentlich vergißt er dem Lehrlinge zu sagen, was der Saitenhalter für ein Ding ist, und doch beschreibt er ihm im 2. Cap. die Haltung der Violine so, daß das Kinn die linke Seite des Saitenhalters halten soll*. Ebenso soll der Schüler den rechten Daumen unterhalb des Frosches* (?) ansetzen, was aber der Frosch sey, sagt ihm Hr. H. nicht.

Zweyter Abschnitt. Behandlung (soll wohl eigentlich nur heißen: Haltung) der Violine. Eine Blattseite! Höchst mager, unvollständig, und oft unverständlich, z. B. der Bogen soll mit dem Stege in einer parallelen Linie stehen*. Nirgends auch nur mit einem Worte die wichtige Maxime empfohlen, den Bogenstrich nicht mit dem ganzen, sondern nur mit dem Vorderarm zu bewirken.

Dritter Abschnitt. Kenntniß der Töne auf der Violine. Der Verf. lehrt hier seine Schüler die Lage der verschiedenen Töne unsrer Tonleiter auf eine recht populäre Art kennen, vor der Hand ganz ohne Rücksicht auf Noten und Notenlinien, bloß durch Buchstaben, welches wir ganz nützlich finden. Nur hätte er §. 4* und an mehrern Parallelstellen, umgekehrt, d. h. so bezeichnen sollen, daß nicht die höhern Töne zu unterst und die untern zu oberst stünden. Statt des oft vorkommenden Ausdrucks: ganzer Ton, halber Ton, sollte der richtigere und nicht weniger allgemein recipirte: große, kleine Stufe, gebraucht seyn, welcher nicht, wie jener Ausdruck, die schiefe Idee erzeugt, als sey dieser oder jener Ton intensiv oder absolut ein halber. Der ärgste Fehler kommt §. 98 dieses Abschnittes vor, wo dem Lehrling S. 10 eifrig eingeprägt wird: der Unterschied gis und as, zwischen ais und b, dis und es, fis und gis (soll heißen ges) bestehe darin, daß die erstern immer etwas höher seyn, als die letztern, man müsse darum z. B. das ais immer etwas höher greifen, als das b. Solche plumpe Unrichtigkeiten sollte sich doch der Verf. eines Lehrbuches nicht zu Schulden kommen lassen, oder, wenn er sich davor nicht sicher weiß, das Schriftstellern lieber andern überlassen!! Eben so auffallend ist es beynahe, wenn der Verf. auf eben derselben Blattseite von den obigen ein enharmonisches Intervall bildenden Tönen sagt: sie stünden auf Einer Stufe*.

Vierter Abschnitt. Kenntniß der Notenschrift. Nachdem der Schüler die Violine halten gelernt hat, führt ihn des Verf. Lehrmethode zu Erlernung der Notenschrift, ein Gegenstand, welcher theils hätte vorausgehen, und nicht zwischen die eigentliche Violinschule eingeschoben werden sollen, theils aber auch gar nicht in eine Violinschule, sondern zu den allgemeinen Anfangsgründen der Musik überhaupt gehört, welche nicht in jedem speciellen Lehrbuch eines einzelnen Instrumentes wiederholt werden können, noch sollen. Doch halten wir uns an die Sache selbst, und vergessen den Ort, wo sie steht. Der Verf. hat das Specificum erfunden, ein Kind „die Noten des Violinschlüssels in Einer Stunde“* zu lehren. Er bezeichnet jede der fünf Notenlinien von unten hinaufwärts durch die Buchstaben E, G, H, D, F; prägt, um dieß besser zu behalten, das Sprüchlein ein: Es Geht Hurtig Durch Fleiß; dann darf das Kind sich nur auch noch merken, wie die Noten zwischen E und G, zwischen G und H, und wie die über und unter den Linien heißen, und wenn es sich dieses alles innerhalb einer Stunde geläufig gemacht hat, so hat sich das Specificum bewährt. Von Versetzungs- Geltungs- Schweige- Bindungszeichen u. dgl. ist hier noch keine Rede.

Fünfter Abschnitt. Von ganzen und halben Tönen. Enthält die großen und kleinen Stufen der C dur Tonleiter in Noten vorgestellt. Rec. findet hier eine ihm bis jetzt unbekannte Benennung: unabhängige ganze (halbe) Töne* Schwerlich werden die Leser errathen, was Hr. H. damit meint; vermuthlich sollen es die Stufen seyn, wie sie in der C dur Tonleiter vorkommen, und so würde denn der Lehrling gar füglich auf die Idee verleitet, die Stufe e – fis in D dur sey keine unabhängige. Wozu überhaupt dieser neue Ausdruck?

Sechster Abschnitt. Von Versetzungszeichen. Das Bekannte, doch nicht so recht das Allgemeine.

Nach der bisherigen Vorbereitung ergreift der Verf. dann wieder den schon beym zweyten Abschnitt verlaßnen Faden, und kehrt zur Violine zurück. Der Schüler lernt in der ersten Lection die leeren Saiten anstreichen, deren Töne der Verf. Grundtöne nennt, die gegriffnen erscheinen also als abgeleitete. Er läßt dann in der zweiten Lection den Schüler den ersten Finger auf jede Saite setzen, und zwar überall in der Entfernung einer großen Stufe, in der dritten Lection den zweyten Finger in derselben Entfernung, in der vierten den dritten in der Entfernung einer kleinen Stufe. So bringt er denn in drey Lectionen folgende Tonreihen hervor:

1) g a deahe’’ fis’’2) g a h defisahcis’’ e’’ fis’’ gis’’3) g a h cdefisgahcis’’ d’’ e’’ fis’’ gis’’ a’’

das nennt der Verf. das Gehör bilden.

In den folgenden Lectionen werden diese Tonleitern auch rückwärts geübt, dann auch der kleine Finger gebraucht, und demnächst der Ton des ersten Fingers als Grundton angesehen, und von da aus neue Scalen gebildet; an sich ganz systematisch, aber auch nur allzu systematisch, denn nun wird, der beliebten Vollständigkeit und rechten Gründlichkeit zu Liebe, jede mögliche Scale durchgegangen, sogar Dis dur, mit fünf Kreuzen und zwey Doppelkreuzen in der Vorzeichnung, eine Vorzeichnung, welche unter tausend der routinirtesten Tonkünstler vielleicht kaum einer jemals zu Gesichte bekommen hat! Die armen Kleinen, welche dieß alles aushalten und leisten sollen, ohne bis jetzt noch irgend eine zusammenhängende faßliche Melodie gelernt, ohne noch die für sie bis jetzt gewiß so unverständliche Menge abstracter Elemente einmal in Anwendung gesehen und gesetzt zu haben! Welches Kind wird diese Trockenheit ertragen, und mit Lust und Liebe etwa drey oder sechs Monate hindurch (denn früher lernt er diese sämmtlichen Scalen doch gewiß nicht rein spielen) dieselben einlernen mögen. Ja, wird es wohl, gesetzt auch es möchte, mit seinem noch nicht durch das Leichtere und Faßlichere gebildeten Gehöre die Schwierigkeiten fassen können, welche ihm hier zugemuthet werden? Warum denn nicht auch hier vom Leichtern zum Schwerern gehen? Warum nicht dem Lehrling erst die C dur Tonleiter (oder vielleicht noch besser G dur) beybringen, und dann auch gleich ein leichtes Handstückchen aus dieser Tonart, worin er die erlernten Elemente auch gleich anwenden lernte, und gewiß leichter und lieber behalten und sich aneignen wird, als jetzt schon den (für ihn wenigstens) unabsehbaren Troß theils wirklicher, theils sogar unpraktischer Tonleitern, mit welchen Hr. H. das Gedächtniß seiner Schüler so frühzeitig anpfropft, und dabey sein Gefühl und Gehör noch immer unangesprochen läßt.

Den übrigen größten Theil des Buches füllen (außer einigen gegen das Ende hin vorkommenden kleinen, steifen, eine oder anderthalb Zeilen langen Duettchens) endlose Uebungen immer wieder über einzelne Figuren, welche ebenfalls wieder mit eherner Beharrlichkeit durch alle gebräuchlichen und nicht gebräuchlichen Tonarten, Dis dur ec. wiederholt werden müssen. Nebenbey ein und andres von Geltung der Noten und Tacteintheilung. Auch hier werden denn wieder, um ja alles recht gründlich zu erschöpfen, dem rohen Anfänger schon Tacteintheilungen und Tactzerreißungen von der ungewöhnlichsten Art vorgelegt, welche auszuführen, dem geübtesten Musiker sauer werden möchte, und welche hier gewiß zu anders nichts dienen, als durch ihre pedantische Schwierigkeit dem Anfänger (war ja seine Beharrlichkeit eisern genug, um sich durch die bisherige blumen- und früchtelose Sandwüste einförmiger Tonleitern, und ewig dasselbe Nichts-sagender Figuren durchzuarbeiten) sein allenfalsiges Restchen Lust und Muth vollends zu benehmen, und ihn schon im ersten Vorhofe der Kunst zu dem Entschlusse zu vermögen, lieber jedes andre Handwerk zu lernen, als die trockne langweilige Musik.

Gottfried Weber.

Apparat

Generalvermerk

Zuschreibung: namentlich gezeichnet

Entstehung

Überlieferung

  • Textzeuge: Heidelbergische Jahrbücher der Literatur, Bd. 4, Heft 66 (November 1811), S. 1048–1053

    Einzelstellenerläuterung

    • „Practische Violinschule, nach … bearbeitet von M. Hering.“Carl Gottlieb Hering: Praktische | Violinschule | nach einer neuen, und leichtern Stufenfolge | bearbeitet | von | M. Hering. | Leipzig, bey Gerhard Fleischer dem Jüngeren [1810].
    • „öffentlichen Blatte“In der Zeitung für die elegante Welt, Jg. 10, Nr. 123 (21. Juni 1810), Sp. 974–975, war bereits eine ungezeichnete Rezension erschienen, in der Herings Violinschule zum Elementarunterricht ganz vorzüglich empfohlen wird.
    • „Pariser Violinschule“Pierre Baillot, Pierre Rode und Rodolphe Kreutzer, Méthode de Violon adoptée par le Conservatoire, Paris 1803.
    • „Mozart’s“Leopold Mozart, Versuch einer gründlichen Violinschule, Augsburg 1756.
    • „André’s“Johann Anton André, Anleitung zum Violinspielen in stufenweise geordneten Uebungsstücken op. 30, Offenbach 1807.
    • „Tartini’s“Giuseppe Tartini, Lettera del defonto Signor Giuseppe Tartini alla Signora Maddalena Lombardini inserviente ad una importante lezione per i suonatori di violino, Venedig 1770.
    • „„mit dem Worte … Finger hervorgebracht werden.“Hering, a. a. O., S. 1; den anschließenden Satz zitiert G. Weber nicht: Unter den mehrern Gattungen dieser Bogeninstrumente sind folgende die gewöhnlichsten (es folgt eine Aufzählung der Streichinstrumente).
    • „Contrebaß: Violono (!)“Vgl. a. a. O., S. 1: Der Violon, oder die große Baßgeige, im Italiänischen Violono.
    • denrecte „der“.
    • „im 2. Cap. … Saitenhalters halten soll“Vgl. a. a. O., S. 4: Der untere Theil des Bodens der Violine, ruht auf dem linken Schlüsselbeine, und das Kinn hält die linke Seite des Saitenhalters.
    • „rechten Daumen unterhalb des Frosches“Vgl. a. a. O., S. 4: Der Daumen, und zwar die Seite desselben kommt unterhalb des Frosches, dem Innern des Mittelfingers gegen über, zu liegen.
    • „der Bogen soll … parallelen Linie stehen“Vgl. a. a. O., S. 4: Legt man den Bogen auf die Violine, so muß er mit dem Stege in einer parallelen Linie stehen.
    • „§. 4“A. a. O., S. 7.
    • 98recte „8“.
    • „sie stünden auf Einer Stufe“Vgl. Hering, S. 10, wo Hering in bezug auf die alterierten Töne von auf einer Stufe stehenden Zwischentönen spricht.
    • „„die Noten des … in Einer Stunde““Vgl. a. a. O., S. 11.
    • „ganze (halbe) Töne“Vgl. a. a. O., S. 16; Hering gibt im fünften Kapitel zwei Notenbeispiele. In § 1 die unabhängigen ganzen Töne auf allen Saiten der Violine (g a, a h, c1 d1, d1 e1, f1 g1, … f2 g2), in § 2 die unabhängigen halben Töne auf allen Saiten (h c1, e1 f1, … h2 c3). Der Begriff unabhängiger Ton wird nicht definiert, gemeint sind Ganz- bzw. Halbtonschritte zwischen den Stammtönen.

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