August Wilhelm Ambros an Friedrich Wilhelm Jähns in Berlin
Prag, Mittwoch, 22. November 1871

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An

Herrn F. W. Jähns

K. preuß. Professor und Musikdi-

rector, Ritter des österreichischen

Franz Joseph Ordens etc

in

Berlin

Krausenstraße

N: 62

Mein lieber, sehr verehrter Freund!

Gestern Abend bin ich nach einer Abwesenheit von acht Tagen aus Wien nach Prag zurückgekehrt und fand Ihre beiden Briefe, deren einer mir das Bild des würdigsten Mannes brachte, welcher keinen andern Fehler hat, als daß er mich viel, viel zu hoch hält. Ich will aber wenigstens mich bemühen Ihrer Güte und Freundschaft einigermassen würdiger zu werden!

Daß Ihnen die wohlverdiente Auszeichnung durch den österreichischen Orden zu Theil wurde, freut mich ganz unbeschreiblich. Ich habe gesehen, daß in Norddeutschland die allgemeine Stimme auf solche äußerliche Ehren und Anerkennungszeichen des Werthes eines vorzüglichen Mannes einges Gewicht legt, und so ist es denn ganz gut, daß neben dem Orden, den Sie schon haben, künftig auch der „Franz Joseph“ an Ihrer Brust glänzen wird. Was Ihr Buch betrifft so kann man, mit Beziehung auf die von Ihnen gewünschte Recension Hansliks sagen: bonum vinum non eget hedera. Ihr Buch hat und behält bleibenden Werth, selbst wenn unserem Wiener Freunde seine Recension in der Feder stecken bleiben sollte. Wie ich ihn kenne, fürchte ich beinahe, daß ihm das Buch zu gründlich und zu voluminös ist. Wie übel, ich trage keine Bedenken zu sagen: wie unwürdig hat er jüngst des braven Köchel Monographie über J. J. Fux (in der neuen freien Presse) abgefertigt! Hanslik ist in der That das Ideal eines „Schöngeistes“ – das Wort in gutem Sinne genommen; vom Gelehrten (: was er als Professor der Musikgeschichte doch vor Gott und Rechts wegen sein sollte:) hat er wenig oder nichts. Er ennuyirt sich daher erstaunlich leicht, und hat kaum die Geduld ein Buch, das Antheil und Aufmerksamkeit verlangt, ordentlich zu lesen. Ich gehe jede Wette ein, welche Sie wollen, daß er z. B. den dritten Band meiner Musikgeschichte kaum mehr als durchblättert haben wird. Gestand er mir doch, daß er in seinen Vorträgen die Zeit von Hucbald (900) bis zu Palestrina (also etwa bis 1550) in fünf Lehrstunden abfertige!! – Ein aufopfernder Fleiß, eine liebevolle Vertiefung in einen Gegenstand, eine pietätvolle Hingebung, jahrelanges Concentriren der Kräfte auf einen Punkt – kurz alles, was Sie in Ihrem Buche über C. M. v. Weber in so reichem Maße bethätigt haben, muß ihm daher so ziemlich unbegreiflich bleiben. Er ist es eben zu sehr gewohnt, seine Erfolge in kurzen brillanten Feuilletons zu suchen und zu finden. Sollte er wirklich, wie Sie schreiben, Wagnerianer geworden sein, so müßte ich an ihm schier verzweifeln, denn es ist unmöglich, seine Meinung also im Handumdrehen dermassen radical zu ändern, wenn es nicht an Sachkenntniß oder an Ehrlichkeit mangelt – eines so schlimm wie das andere! Ein hingeworfenes Wort Hansliks frappirte mich in der That: Die Meistersinger enthalten viele sehr interessante Sachen. Dieselben Meistersinger, die Hanslik in seinem ersten Berichte darüber mit Hohn überschüttete! Ich kann und mag es einstweilen nicht glauben, kenne Hanslik auch seit vielen Jahren als einen treuen, durchaus ehrenwerthen Charakter. Es wäre mir in Wahrheit bitter, wenn ich enttäuscht werden sollte.

Die arme Menter traf ich in Wien bedenklich krank, ihr Leiden ist Blutarmuth, also ein langwieriges, der ärztlichen Bemühungen meist spottendes Uibel. Mit dem Concert ist es also nichts – ich habe es nunmehr einer sehr tüchtigen Prager Pianistin Frl. Sophie Dittrich anvertraut, die es im Conservatoriumsconcert No 5 spielen wird – also erst in der Osterwoche 1872, in welcher wir auch das Stabat mater hören sollen, welches Ihren nachsichtigen Beifall fand. Am 17. Dezember führt das Conservatorium eine meiner älteren Arbeiten auf, eine Ouvertüre oder wenn Sie wollen „symphonische Dichtung, in Ouverturenform“ zu Calderons „wunderthätigem Magus“. Ich sende Ihnen gelegentlich ein Arrangement (à 4 mains) davon. Dieser Wundermagus dürfte für Prag so ziemlich mein Schwanenlied sein, denn es ist so gut wie sicher, daß ich mit Neujahr 1872 meinen Wohnsitz in Wien aufschlage. Die Bedingungen, unter denen man mich dort fixiren will, sind höchst annehmbar, sogar glänzend. Es ist, abgesehen von allen diesem, doch ein ganz ander Seyn in Wien, als hier in Prag! Mein Wirken dort kann nicht nur ein mit eingreifenderes sondern auch für mich selbst viel lohnender werden. Und wie viele Bildungsmittel für meine Kinder finde ich dort! Hier in Prag wird Alles schon durch den leidigen Nationalitätenstreit lahmgelegt.

Der willkommene Besuch Ihres lieben Sohnes und des werthen Max v. Weber hat sich bisher nicht realisirt. Wann sie auch kommen – sie werden mit großer Freude aufgenommen werden. Was macht denn Lili? Das Unwohlsein des lieben Kindes hat doch hoffentlich keine weiteren bedenklichen Folgen gehabt?

Daß ich mit meiner transmigratio Babylonica oder Viennensis von meinen lieben Freunden in Norddeutschland um so viel weiter weggerückt werde, ist freilich eine leidige Sache. Zum Glücke rücken die Eisenbahnen die Länder und Menschen wieder näher an einander. Ist es denn aber wahr, daß das liebe Berlin zur Zeit von einem zuchtlosen Pöbel in einer Art von Terrorismus erhalten wird? Wie ist das in Preußen, dessen stramme Zucht es zu einem wahren Musterstaate macht, wohl möglich?! Ich habe es oft um seine vortreffliche Disziplin beneidet, gegenüber unseren österreichischen Zuständen, die an die Cour du roi Petau erinnern, wo jedermann der Herr ist; eine Disziplin, welcher Preußen seine neuesten Erfolge dankt, die es an die Spitze Europas gestellt haben. Man wird doch, hoffe ich den Haufen roher Taugenichtse in Respekt zu halten wissen!

Finden Sie wieder einmal eine Viertelstunde Zeit, um mich mit einigen Zeilen erfreuen zu
können, so thuen Sie es doch ja. Sobald meine Besprechung Ihres C. M. Weber gedruckt ist, sende
ich Sie Ihnen unter Kreuzband.

Mein Buch (circa 21 Bogen) wo Sie Ihren Namen und Ihr Buch gleich im ersten, Weber
behandelnden Aufsatz finden werden, heißt Studien und Skizzen für Freunde der Musik und der
Kunstgeschichte.

Empfehlen Sie mich Ihrer verehrten Gemalin, dem Herrn Hauptmann mit Frau und
Schwiegermutter, und bleiben Sie gewogen Ihrem Dr. A. M.Ambros

Apparat

Zusammenfassung

gratuliert zum Franz-Joseph-Orden; geht auf den Wunsch von Jähns ein, eine Rezension von Hanslick für sein Werkverzeichnis zu erwirken; fürchtet, dass jener das Werk für zu gründlich und voluminös halten könnte, verweist auf dessen knappe Besprechung von Köchels Fux-Monographie in der Wiener Freien Presse und fügt kritische Anmerkungen zu seiner Persönlichkeit an und dass er Wagnerianer geworden sei; der angekündigte Besuch von Max Maria von Weber und Max Jähns hat noch nicht stattgefunden; er wird ab 1872 in Wien leben, hat dort günstigere Arbeitsbedingungen

Incipit

Gestern Abend bin ich nach einer Abwesenheit von acht Tagen

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Eveline Bartlitz; Joachim Veit

Überlieferung

  • Textzeuge: Stockholm (S), Statens Musikbibliotek (S-Skma), Nydahl Collection
    Signatur: Ser. I, Nr. 63

    Quellenbeschreibung

    • 2 DBl. (8 b. S. u. Briefumschlag, Siegelrest)

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