Aufführungsbesprechung Sonderhausen: „Der Freischütz“ von Carl Maria von Weber (Teil 2 von 2)

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Die erste Aufführung des Freischütz in Sondershausen.

von F. B.

(Schluß)

So wurde diese Probeaufführung eine wahre Festvorstellung.

Zur Verherrlichung des Abends, und damit es an Nichts fehlen sollte, hatten die Choristen freiwillig den Dienst hinter den Coulissen in der Wolfsschlucht-Scene übernommen und die Rollen je nach den erforderlichen Körperkräften unter sich vertheilt. Das Kreischen der Vögel, das Heulen des Sturmes, das Bewegen der Bäume, das Hundegebell und Peitschenknallen, das Regnen, Donnern, Blitzen und Einschlagen u. s. w., Alles wurde in einer Weise besorgt, daß ein wahrer Höllenlärm entstand; denn der Eine suchte in seinen Leistungen den Andern zu übertreffen. Ein alter Hofschauspieler, der die Eule verfertigt hatte, ließ es sich nicht nehmen, sein Werk an diesem Abend selbst zu dirigiren. Er saß mit wichtiger Miene, in Hemdsärmeln und mit vorgebundener Schürze auf einer Rasenbank hinter den Felsen und ließ seine Eule die feurigen Augen bewegen und die Flügel schlagen, um so heftiger, je mehr der Lärm zunahm. Die ganze Wolfsschlucht-Scene rief am Schlusse einen Beifallssturm hervor, der selbst den Lärm der Wolfsschlucht noch übertraf. – Der letzte Act ging ebenfalls ohne Störung vorüber, und Alle waren erfreut über das über alle Erwartung gelungene Werk. Jeder fühlte sich belohnt durch das Bewußtsein, nach besten Kräften zum Gelingen des Ganzen beigetragen zu haben.

Das war die erste Aufführung des Freischütz, und die Begeisterung für denselben ergriff nun Jung und Alt. Als Beleg dafür mag folgendes Curiosum gelten. Ein Fürstl. Hofbeamter, ein hochbetagter Herr, der wegen seiner Altersgebrechen das Theater nicht mehr besuchen konnte, wünschte doch Etwas aus dem Freischütz zu hören. Eines Sonntags, als der Sängerchor, wie gewöhnlich, vor seinem Hause singen wollte, erschien er am Fenster und verlangte, daß der Jägerchor gesungen würde. Als der Chorpräfect deshalb einige Bedenken äußerte, entgegnete er, daß er alle Verantwortlichkeit übernehmen wolle. Natürlich schlug diese Versicherung alle Bedenken nieder, und das: "Was gleicht wohl auf Erden &c." klang ¦ lustig und munter in die Straßen hinein. Kaum aber hatte der Gesang begonnen, so öffneten sich alle Fenster der Nachbarschaft, und um den Chor hatte sich bald ein zahlreiches Auditorium versammelt, welches mit sichtbarer Freude dem Gesange zuhörte.

Der Freischütz wurde auf dem Theater im alten Schlußflügel 20 Mal aufgeführt und von Einheimischen und Fremden immer zahlreich besucht. Im Jahre 1825, und zwar in der kurzen Zeit vom 1. August bis zum 1. Decbr., wurde das jetzige Hoftheater erbaut und am 5. Decbr. mit Don Juan eingeweiht. Auf diesem neuen Theater wurde der Freischütz aufgeführt: Vom 5. December 1825–26 15 Mal, vom 5. Decbr. 1826–27 3 Mal, vom 5. Dec. 1827–28 5 M., vom 5. Decbr. 1828–29 3 M., vom 5. Decbr. 1829–30 3 M., zusammen also 29 Mal; dazu auf dem alten Theater 20 Mal. Der Freischütz ist demnach hier bis zum November 1830, wo das Hoftheater aufgehoben wurde, 49 Mal zur Aufführung gekommen.

Ein Nachwort

zu den vorstehenden gütigen Mittheilungen, die gewiß bei manchem Leser Erinnerungen aus alten Tagen wachgerufen haben, sei hier gestattet. Die volksthümlichste, ja deutscheste der deutschen Opern, die schon so viele Tausende erfreut hat und noch Tausende und aber Tausende erfreuen wird, verdient es wohl, daß man auch ihrer Specialgeschichte einmal nachgeht. Für die allererste Aufführung des Freischütz in Sondersh. hat sich nach Obigem ein bestimmtes Datum noch nicht ermitteln lassen; für jene ist allen Umständen nach ein Theaterzettel gar nicht gedruckt worden*. Längere Zeit schon vor der geschilderten Aufführung wurde in einem Concerte, welches der Capellmeister Hermstedt am 27. Mai 1822 in dem zum Gasthaus zum Erbprinzen gehörigen großen Saal (1825 zu dem Theaterbau verwandt) veranstaltete, wurde an erster Stelle die Freischütz-Ouverture (außerdem: ein Bolero von Caraffa, Arie aus Titus, Potpourri von Gercke, gespielt von Lindner, Duett aus Tankred, gesungen von den „Demoiselles“ Strubelt und Pühler) aufgeführt, zum Schluß der Jagdchor; der Concertzettel bringt den ganzen Text dieses Chores, da er wohl etwas ganz Neues war*). – Aus einer vollständigen Sammlung von Theaterzetteln für das Jahr 1823 ergiebt sich, daß in diesem Jahre Mittwoch den 12. Februar – also am nächsten Mittwoch gerade vor 50 Jahren – der Freischütz im hiesigen Hoftheater gegeben wurde. Die Besetzung war folgende: OttokarBecker; CunoKraft; AgatheRuppert; AennchenPühler; CasparKramer; MaxEggers; SamielRuppert; KilianBethmann. Der sehr bescheidene Zettel, dessen Text sich mit einer mäßig großen Hand bedecken läßt, hat die auch sonst wiederkehrende Bemerkung "Ausländer zahlen: Erster Platz 8 Gr. Zweiter Platz 4 Gr." Die Bezeichnungen: Herr, Madame, Demois., vor den Namen der Sänger und Sängerinnen gab es damals noch nicht; sie erscheinen erst später. Es fehlen aber auch anpreisende Zusätze, wie sie wohl anderweitig gemacht worden sind, daß man allen Fleiß auf die Wolfsschlucht verwendet, die Nachteulen und Gespenster erneuert habe und dergl. Zu solchen Zusätzen hatte man damals keinen Raum, keinen Anlaß und zu viel Takt; Webers Freischütz hat viel, sehr viel aushalten müssen; doch daß man derartige Lockvögel bei ihm aushinge, hat er nicht verdient. – Wiederholt wurde der Freischütz in demselben Jahr am 28. Febr., 12. März (im Febr. und März machten 7 Vorstellungen von Casorti’s Balletgesellschaft im Theater dem Freischütz einige Concurrenz), 28. April, 9. 16. 30. Juni, 14. Juli, 9. Aug. In den acht Tagen vom 9. bis 16. Februar wurden außer dem Freischütz noch drei Opern (Agnes Sorel, die Zauberflöte, Tankred) und drei Lustspiele gegeben.

[...]

[Originale Fußnoten]

  • Der Eintrittpreis war, wie regelmäßig in den damaligen Concerten, 2 Kopfstück, also fast 15 Sgr.

Apparat

Entstehung

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Mo, Ran

Überlieferung

  • Textzeuge: Regierungs- und Nachrichtsblatt für das Fürstenthum Schwarzburg-Sondershausen, Jg. 1, Nr. 18 (11. Februar 1873), S. 70

    Einzelstellenerläuterung

    • „… Theaterzettel gar nicht gedruckt worden“Die Erstaufführung des „Freischütz“ in Sondershausen fand am 22. November 1822 statt.

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