Aufführungsbesprechung Sondershausen: „Der Freischütz“ von Carl Maria von Weber (Teil 1 von 2)

Zurück

Zeige Markierungen im Text

Die erste Aufführung des Freischütz in Sondershausen.

von F. B.

Nachdem der Freischütz im Jahre 1821 in Berlin am 18. Juni, dem Jahrestag der Schlacht bei Belle-Alliance, zum ersten Male aufgeführt und mit dem größten Beifall aufgenommen worden war, nahm er rasch seinen Sigeslauf durch ganz Deutschland. Jede namhafte Bühne beeilte sich, ihn zur Aufführung zu bringen. Seine Melodien erklangen in den verschiedensten Arrangements allenthalben, wo man Musik trieb; sie drangen immermehr ins Volk, ja sie wurden die Lieblingsmelodieen desselben. Keine andere Oper hat seitdem wieder einen so allgemeinen Enthusiasmus erregt, wie der Freischütz.

Auch im hiesigen Hoftheater, welches sich damals nach im Rittersaale des Fürstl. Schlosses befand, wurden, bevor die ganze Oper zur Aufführung gelangte, in den Zwischenacten von dem ausgezeichneten Fürstl. Harmoniecorps öfters Piecen aus dem Freischütz vorgetragen, und lauftlose Stille herrschte im Saale, wenn unser unvergeßlicher Hermstedt seine Clarinette ergriff und: "Wie nahte mir der Schlummer" &c. oder: "Und ob die Wolke sie verhülle" &c. in seiner meisterhaften Weise und mit seinem seelenvollen Tone vortrug.

In unserer Näher wurde der Freischütz zuerst in Weimar aufgeführt, und Viele reisten von hier dorthin, um einer Vorstellung desselben beizuwohnen. Alle kamen entzückt von dem ehrrlichen Genusse zurück, und ihre Schilderungen erregten nur noch mehr das allgemeine Verlangen nach einer Aufführung der Oper auf dem hiesigen Hoftheater.

Was Wunder, daß endlich der Hochselige Fürst, welcher nicht nur ein großer Musikfreund war, sondern die Musik auch selbst ausübte, den Befehl ertheilte, den Freischütz auch hier möglich bald zur Aufführung zu bringen. Im Herbste des Jahres 1822 ging der Fürst, wie alljählich, der Jagden wegen, nach Ebeleben. In jener Zeit begann hier das Einstudiren der Oper. Mehrmals gelangte von Ebeleben aus die Anfrage hierher, wie weit man mit dem Einstudiren sei, und immer hieß es: Es geht noch nicht. Endlich im Spätherbst, vielleicht Anfangs December, als eines Tages die hiesigen Chorschüler in ihrem Locale von 4–5 Uhr zu einer gewöhnlichen Singestunde versammelt waren *), kam der Theaterdiener hereingestürzt und meldete: "Der Fürst ist ganz unerwartet aus Ebeleben angekommen und hat befohlen, daß diesen Abend der Freischütz gegeben werden; die Aufführung solle als eine Probe betrachtet werden, und wer seine Parthie noch nicht vollständig auswendig könne, möge die Noten mit auf die Bühne nehmen." Natürlich war es mit der Singestunde vorüber; wir machten uns sofort auf und davon. In der Stadt herrschte ein außergewöhnlich reges Leben. Man rief sich zu: "Der Freischütz wird diesen Abend gegeben!" und Alles eilte, um noch ein Billet zu erlangen**).

Wir waren ebenfalls bald auf dem Wege nach | dem Theater. In dem Vorzimmer, das zu demselben führte und in dem gewöhnlich die Billets ausgegeben wurden, sah es sehr wüste aus. Fetzen von Mänteln und andern Kleidungsstücken lagen auf dem Fußboden umher, und man sah, daß hier eine erbitterte Billetschlacht geliefert worden war. Wir fanden den Rittersaal schon gedrängt voll, auf der Bühne war Alles in Bewegung, Theatermeister und Zimmerleute in voller Thätigkeit; der Theaterschneider flog von Garderobe zu Garderobe, und hinter einer Coulisse kniete der alte Theatermaler, in der Linken ein Licht haltend, neben sich ein Farbentöpfchen, während er mit der kunstgeübten Rechten das wilde Schwein bemalte, das noch bei den gegenwärtigen Aufführungen des Freischütz über die Bühne gezogen wird. Mit der Garderobe war man fast ganz in Ordnung; nur hatten die Jäger noch nicht die hohen gelben Stiefeln, sondern mußten in den eigenen die Bühne betreten; dies war aber auch wohl die einzige Abweichung.

Endlich um 7 Uhr erschien der Fürst und nahm, wie immer, Platz in der ersten Reihe bei dem Orchester. Die Ouverture begann; ich lauschte derselben hinter dem Vorhange, und noch heute empfinde ich den gewaltigen Eindruck, den schon die ersten Töne derselben auf mich machten. Der Vorhang rollte auf. Es folgte Scene auf Scene, und – Alles gelang vortrefflich. Niemand bediente sich der Noten auf der Bühne, wie es doch gestattet worden war, und jede Nummer ging besser, als man es geglaubt hatte. Die herrliche Musik begeisterte Alle, und Orchester und Sänger schienen um den Preis des Abends zu wetteifern. Dies wirkte wieder auf das Publikum. Solovorträge und Chöre wurden ohne Ausnahme rauschend applaudirt, und als der Jägerchor, gut besetzt mit schönen Tenorstimmen, gesungen wurde, wollte der Beifall nicht enden. (Schluß folgt)

[Originale Fußnoten]

  • Aus dem hiesigen Schülerchor wurde nämlich auch der Theaterchor gebildet; dieser war selbstverständlich durch die stete Uebung sehr tüchtig, und seine Leistungen z. B. in den Opern: Fidelio, Wasserträger, Joseph in Aegypten, Stumme von Portici wurden allgemein anerkannt. Der Chor hatte auch wiederholt besonderer Beweise höchster Huld sich zu erfreuen, so z. B. nach der ersten Aufführung des Fidelio i. J. 1827. Einsender gehörte dem Theaterchore Jahre lang an und hat auf Wunsch der geehrten Redaction derselben obige Mittheilungen gemacht.
  • Das Theater war zu jener Zeit durch eine Reibe von Jahren für jeden Inländer frei, und zu den täglich stattfindenden Vorstellungen wurden die Billets von 4–5 Uhr vom Hoffourier ausgegeben.

Apparat

Entstehung

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Mo, Ran

Überlieferung

  • Textzeuge: Regierungs- und Nachrichtsblatt für das Fürstenthum Schwarzburg-Sondershausen, Jg. 1, Nr. 17 (8. Februar 1873), S. 67–68

        XML

        Wenn Ihnen auf dieser Seite ein Fehler oder eine Ungenauigkeit aufgefallen ist,
        so bitten wir um eine kurze Nachricht an bugs [@] weber-gesamtausgabe.de.