Besprechung der Freischütz-Erstaufführungsserie in Münster im Januar 1823

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Münster, 9. Januar. Der Freischütz ist nun auch hier drei mal hinter einander gegeben; und wir eilen, über diese geniale Composition, der Ausführung und Aufnahme zu berichten.

Die melodische Fülle und harmonische Kraft der Weberschen Lieder war bereits anerkannt, als sein Freischütz erschien und diese Oper der Liebling deutscher Bühnen wurde. Kenner der classischen Musik haben die Zartheit des Ausdrucks, die Tiefe des Gefühls, die Kühnheit der Tonfügung und die Eigenthümlichkeit der Bindungen bei fortwährender Reinheit des Satzes in dieser Composition hinreichend gewürdigt. Das kindlich-gläubige Gemüth der sanften Agathe tönt durch ihre schwärmerische, melodie-reiche Parthie, während der wilde, verworrene, mit sich selbst zerfallene Sinn des Caspar aus dessen Gesange hervor | blitzt. Dies beunruhigende und jenes besänftigende Princip waltet in schöner Wechselwirkung durch die Ouvertüre und im Fortgange des ganzen Stücks.

Die Oper ist unter Hrn. Lindners* umsichtiger Leitung gut einstudirt, und die wirklich schwierige Instrumental-Parthie ging recht exact, nur waren die Saiteninstrumente (aus Mangel an Raum) durchgängig zu schwach besetzt, wodurch freilich die herrliche Wirkung des Ebenmaßes zwischen den Saiteninstrumenten und den starkbesetzten Blasinstrumenten theilsweise verloren ging. –Agathe sang vorzüglich gut die Scene und Arie: Wie nahte sich der Schlummer &c. Ihre Mitteltöne hatten Fülle und melodischen Ausdruck; die Höhe war ungewiß, bisweilen auch wohl nicht ganz rein. Bei mehrerer Deutlichkeit der Aussprache und sorgfältigerem dramatischen Spiele würde die Parthie der Agathe noch tiefer ergriffen haben*. – Annchen ist bei ihrem Vater in einer trefflichen Schule des Gesangs und leistet auch hierin schon viel Erfreuliches; ihr nettes, unbefangenes Spiel aber verdankt sie der herrlichsten Lehrerin, der Natur. Möge sie dieser nur immer treu bleiben! Gesang und Spiel in der Arie: Kommt ein schlanker Bursch gegangen &c. mußte jeden Unbefangenen ansprechen; mehr noch den Kenner die glückliche Ueberwindung mancher Schwierigkeiten dieser Parthie, besonders im Terzett mit Agathe und Max.

Caspar verband Gesang und Spiel in seinem Liede: Hier im irdschen Jammerhal &c., am besten. Dieser reine sonore Grundbaß arbeitet kräftig in den wilden Gesangswirbeln, darf sich aber in die Höhe ja nicht versteigen. Mehr Ausdruck in Spiel und Sprache wäre vorzüglich in der Wolfsschlucht zu wünschen gewesen. – Max bewährte gefühlvollen Vortrag des Gesangs vorzüglich in der Arie: Durch die Wälder, durch die Auen &c. Spiel und Sprache bedürfen aber noch manchmal der Aufmerksamkeit. Sein Tenor ist voll, gut modulirt und kommt rein aus der Brust, würde aber durch deutliche Aussprache viel gewinnen. Unter den Chören ging der erste am besten in Spiel und Vortrag. Das Maschinenwesen war gut geordnet und that selbst in der Wolfsschlucht, wo es am meisten in Anspruch genommen wird, jeder billigen Anforderung Genüge: Herr Pichler verdient deswegen eben so wohl, als der Mahler, Herr Bißler*, den Dank des Publicums.

Mehr noch hätte aber Ersterer die allgemeinere Theilnahme der Theaterfreunde verdient. An andern Orten ist der Freischütz eine wahre Cassen-Restauration für die Directionen geworden. Hier noch nicht! – Denn keinen Abend war das Theater überall gefüllt und noch kann der Freischütz – der imer mehr gefallen muß, je öfter er gehört wird – sich nicht rühmen, Herrn Pichlers Goldgrube geworden zu seyn.

Apparat

Zusammenfassung

Freischütz-Erstaufführungsserie in Münster

Entstehung

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Frank Ziegler; Jakob, Charlene

Überlieferung

  • Textzeuge: Westfälischer Merkur, Jg. 1823, Nr. 123 (11. Januar 1823), S. 425f.

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