Konzertberichte aus Breslau vom April 1805

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Nachricht von den neuesten Musikaufführungen zu Breslau.

(Vom 17ten April.)

Dienstags, als den 9ten April, gab Herr Janieczek zweiter Musikdirekt. des hiesigen Theaters, die Geisterinsel von Zumsteg.

So anerkannt schön auch dieses Werk ist, und so vielen Beifall es auch hin und wieder, wo es auf den Theatern gegeben wurde, gefunden haben mag: so konnte es doch hier, nach so wenigen und unvollständigen Proben, und bei der zum Theil so unsicheren Besetzung der Stimmen und des Orchesters, unmöglich den erwünschten Erfolg machen. – Es ist dem Ohre wohl eben nicht angenehm, wenn der Direkteur ganze Stellen mit dem Sänger zugleich spielen, ihm hier und da einhelfen, und durch allerlei Gebehrden zu verstehen geben muß, daß sich derselbe auf musikalischen Irrwegen befindet, – und dieß war leider bei dieser Aufführung nicht selten der Fall. Ueberhaupt pflegt es nur zu oft zu geschehen, daß die Künstler und Künstlerinnen, bei Aufführung größerer Kunstsachen sich zu wenig mit dem Geiste derselben im voraus bekannt machen, sich zu sehr auf ihre Talente verlassen, das Ganze nach den mehreren oder wenigeren Schwierigkeiten der ihnen anvertrauten Parthie beurtheilen, es wohl gar unter ihrer Würde halten, den nöthigen Proben beizuwohnen. – –

Am grünen Donnerstage gab der Herr Musikdirektor Schnabel zur allgemeinen Zufriedenheit Hayd’ns Schöpfung, und was jenem Concerte an Genauigkeit, Feuer und Wirkung fehlte, das ersetzte dieses wieder hinlänglich, wiewohl auch hier so mancher Schnitzer, – doch dem Ganzen weniger bemerkbar, vorfiel. Die schöne Aula Leopoldina (ein Saal, wie man deren wenige in Deutschland finden wird) war wider alle Vermuthung voll. – Ich sage wider alle Vermuthung; nicht als hätte das hiesige Publikum für dieses Meisterstück, wenn es auch schon öfterer gehört worden ist, keine Liebe mehr, sondern weil | an demselben Tage der Herr Musikdirekt. Maria v. Weber ein zweites Concert im Schauspielhause gab. –

Ein Fall, der seiner Seltenheit wegen im Publikum zu manchen Gerüchten Veranlassung giebt, daher ich die Sache, so weit ich davon instruirt bin, und um Vergrößerungen für die Folge vorzubeugen – wohl einer öffentlichen Bekanntmachung werth halte.

– Herr Musikdirektor Schnabel war ehedem Mitglied des hiesigen Theater Orchesters. … Ein ihn kränkender Vorfall bestimmte denselben nach der Verlaufszeit seines Contracts abzugehen, und sich hier, wo es ihm auch an Gelegenheit gar nicht fehlen konnte, anderweitig zu fixiren. Er ist auch bereits nunmehro, wiewohl mit einem geringen Gehalte, als Capellmeister auf dem Dohme allhier angestellt worden.

Natürlich mußte der Theaterdirektion der Abgang eines so brauchbaren Subjects um so empfindlicher seyn, als dessen Stelle wieder zu besetzen einige Schwierigkeiten machte, und es ist wohl sehr wahrscheinlich, daß die Theaterdirektion von dieser Zeit an gegen Herrn Schnabel eine kleine Antipathie faßte, und nur eine Gelegenheit abzuwarten schien, denselben die Folgen seines schnell gefaßten Entschlusses empfinden zu lassen. –

Einem alten Herkommen gemäß ist seit langer Zeit in jedem Jahre am grünen Donnerstage ein Oratorium hieselbst aufgeführt worden. Der verdienstvolle Musikdirektor Foerster* hat so lange, als er die hiesigen Concerte dirigirte, diesen Gebrauch beibehalten, und Herr Schnabel, der in der Folge die Direktion übernahm, glaubte sich beim Publiko nicht besser insinuiren zu können, als daß er dem löblichen Beispiele seines würdigen Vorgängers folgte, und sonach einige Jahre hintereinander am grünen Donnerstage, bei dem größten Zuspruche, Haydns Schöpfung gab.

Auch in diesem Jahre wurde, wie wir es gewünscht und erwartet hatten, der grüne Donnerstag zur Aufführung dieses allgemein beliebten Mei¦sterwerkes bestimmt, und beinahe vierzehn Tage vor her in Zeitungen bekannt gemacht*. –

Es erschien jedoch bald darauf eine öffentliche Anzeige des Musikdirekt. von Weber, welcher das Publikum von einer großen musikalischen Akademie, die von ihm am grünen Donnerstage in dem Schauspielhause gegeben werden würde, benachrichtigte.

Dieser Collisionsfall erregte viel Aufsehen, und unter denjenigen, welche die Sachen aus dem wahren Gesichtspunkte, mit Hinsicht auf den für beide Theile zu entstehenden Nachtheil betrachteten, den gerechtesten Unwillen. –

Man wußte nicht, wem man die Schuld eines solchen Zusammentreffens beimessen sollte. – Die Freunde des Herrn v. Weber zogen gegen Herrn Schnabel zu Felde, und die Anhänger des letzteren hielten es, aus überwiegenden Gründen, für eine Unbilligkeit, daß Herr Schnabel, dem bei dem oben angeführten Umständen ein näheres Recht auf den grünen Donnerstag zustehe, zurückgesetzt werden solle, um so weniger, als Herr v. Weber immerhin seine musikalische Akademie Mittwoch oder Sonnabend hätte geben können*, da von Mittwoch bis Sonntag an die Bühne geschlossen blieb.

Kurz! die musikalische Kriegserklärung war ergangen, beide Theile rüsteten sich zur Schlacht, und nicht ohne die bange Erwartung, wer den Sieg – d. h. die meiste Einnahme davon tragen würde? –

Das Schauspielhaus war zum Erdrücken voll – und die Aula Leopoldina – nicht minder. – Ein Beweis, daß es der Theaterdir. für diesesmal nicht gelungen war, das Publikum nach ihrer Willkühr zu leiten, und daß man den Verdiensten und Bemühungen des Hrn. Schnabel volle Gerechtigkeit wiederfahren ließ, obgleich die Theaterdir., wie es nun entschieden ist, sich wirklich so lieblos gegen Hr. Schnabel gezeigt, und dem Hrn. v. Weber das Schauspielhaus ausdrücklich nur für den grünen Donnerstag überlassen hatte!!! C’est tout dire.

e–.

Apparat

Entstehung

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Ziegler, Frank

Überlieferung

  • Textzeuge: Berlinische Musikalische Zeitung, Jg. 1 (1805), Nr. 38, Sp. 151f.

Textkonstitution

  • „dem“sic!

Einzelstellenerläuterung

  • „… worden. Der verdienstvolle Musikdirektor Foerster“Bernhard Förster (1750–1816).
  • „… her in Zeitungen bekannt gemacht“Konzertankündigung in: Schlesische privilegirte Zeitung, Jg. 1805, Nachtrag zu Nr. 36 (25. März), S. 473f.
  • „… oder Sonnabend hätte geben können“Weber war der Gründonnerstag laut seinem Anstellungsvertrag vom 1. Mai 1804 als Termin für sein Benefiz vorgeschrieben.

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