Aufführungsbesprechung Wien, Theater an der Wien: „Preciosa“ von Carl Maria von Weber am 5. Juli 1823

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Schauspiel im k. k. privil. Theater an der Wien.

Den 5. July zum ersten Male: Preciosa, romantisches Schauspiel in vier Aufzügen mit Gesängen, Chören, Tänzen und Märschen von Pius Alexander Wolf, Musik von Carl Maria von Weber.

Die Fabel dieses seit längerer Zeit bekanntes Stücks, das der Verfasser auch in die Sammlung seiner dramatischen Spiele*, Berlin 1823, aufnahm, ist folgende: Eine wandernde Zigeunergesellschaft stellt in Madrid ihre Künste dar, die in Musik, Gesängen, Tanz und Wahrsagereyen bestehen. Dabey zeichnet sich vor allem ein von der Horde mit besonderer Verehrung behandeltes Mädchen, Preciosa aus. Die Reize derselben hatten den Sohn eines begüterten Edelmanns, den Don Alonzo, schon früher bezaubert, und sie erklärt ihm durch den Inhalt ihres Liedes nun ihre Gegenliebe. – Der durch dieses Geständniß Beglückte eilt den Zigeunern, die aus der Hauptstadt verwiesen sind, nach, und verspricht, da sich Preciosa von ihnen nicht trennen will, mit Entsagung seines Standes und in der Verkleidung eines Knappen der Bande zu folgen, bis die Geliebte die Reinheit seiner Absicht und Treue erkannt habe. Die so vermehrte Gesellschaft langt in einer freyen Gegend Valencia’s an, wo der eifersüchtige Alonzo mit Don Eugenio, der Preciosa zur Verschönerung eines häuslichen Festes zurückhalten will, Händel bekommt, entwaffnet und als Gefangner abgeführt wird. Der wider denselben erbitterte Zigeunerhauptmann fordert von Preciosa gebieterisch, mit der Bande, die von den Bauern vertrieben ward, weiter zu ziehen, sie aber ergreift nach vergeblicher Bitte sein Gewehr und zwingt ihn, in das Schloß, das Eugenio’s Vater, dem Don Fernando, gehört, ihr voran zu gehen. Hier bietet sie den Hauptmann als Geißel eines Lösegeldes an, das sie für die Freyheit ihres Geliebten entrichten will. – Die Zigeunermutter (!) Viarda verlangt von Don Fernando die Zurückgabe Preciosa’s und des Häuptlings, und entdeckt, da sie kein anderes Mittel sieht, den Stand und Namen des gefangenen Ritters. Mittlerweile ist Don Carcamo, Alonzo’s Vater, gekommen, dem Fernando den Verhafteten, als einen zu verhörenden Zigeuner, scherzweise vorführen läßt. – Die Feyer der silbernen Hochzeit Fernando’s nimmt ihren Anfang. Die ahnungsvollen Bilder der Erinnerung an die Tage der Kindheit werden in Preciosa immer lebhafter. Don Fernando sucht die Betrübte aus der Gemeinschaft der Zigeuner zu befreyen und fordert die Belege ihrer von diesen verheimlichten Abkunft. Viarda erbietet sich endlich, gegen das Versprechen eines freyen Wohnsitzes für sie und die Ihrigen, das Geheimniß zu entdecken. Fernando willigt ein, und hört nun, daß Preciosa seine für ertrunken gehaltene, und in ihrem dritten Jahre ihm von Viarda geraubte Tochter, Anna Clara sey, die von der Horde zum Zeichen des Werthes den verän|derten Namen erhalten habe. Den Zigeunern wird auf die Vorbitte Preciosa’s verziehen, und die silberne Hochzeit der Ältern mit der Verlobung der Tochter geschmückt.

Obwohl sich die Zusammensetzung solcher Bestandtheile den Namen des Schauspiels, das edlere Verhältnisse und Charaktere, als die hier meist vorherrschenden eines lockern und gemeinen Zigeunertrupps darbieten muß, nur mit Unrecht zueignen möchte; so zeichnet es sich doch vor ähnlichen Spectakelstücken in mancher Beziehung vortheilhaft aus. Der Verfasser hat die Sprache, die größten Theils aus vierfüßigen Trochäen mit Endreimen besteht, mit sichtbarem Fleiße behandelt. Zwar fehlt ihr die höhere Schönheit, die ohne Kraft des Gedankens und Tiefe des Gefühls nicht erreicht werden kann. Auch verstößt sie zuweilen gegen die metrische Regel, und verliert sich in Ungleichheit, Übertreibung und erkünstelten Pathos. Doch finden sich an einigen Stellen auch lyrische Anklänge und gelungene Bilder. Die Verwendung der Reime ist großen Theils fließend, und es ist schon sehr löblich, sich durch die Wahl einer so schwierigen Form den Zielpunct des Strebens höher zu stellen.

Die Charakterzeichnung ist von geringerem Werthe. Die Zigeuner erscheinen als ein verschmitztes, treuloses und habsüchtiges Volk. Die Begeisterung ihrer Gesänge steht mit ihrem Verfahren in dem auffallendsten Widerspruche. – Die Schilderung der schwärmerischen Preciosa und die komische Haltung des bramarbasirenden Schloßvoigts sind dem Verfasser noch am meisten gelungen. Die übrigen Personen treten als Nebenfiguren mehr in den Hintergrund. Einer der seltenen Vorzüge ist die zwanglos natürliche Verflechtung der Chöre, Tänze und Prunkscenen dieses Stücks.

In der Musik ist die Meisterschaft ihres berühmten und genialen Tonsetzers nicht zu verkennen. Hier ist überall Charakteristik und der Ausdruck einer wahren und tiefen Empfindung. Von einer besonders ergreifenden Schönheit und Wirkung sind die Chöre, die melodramatische Begleitung Preciosa’s und der Aufbruch der Zigeuner im vierten Acte. –

Die Ausführung der Tänze und Chöre war befriedigend. Das Lager der Zigeuner in der Waldgegend, und die Schlußdecoration des vierten Actes gaben einen sehr gefälligen Anblick.

An die dramatischen Darsteller machen wir wegen der vielseitigen Aufgaben und Verwendungen in diesem Theater, nur verhältnißmäßige und die gelindesten Ansprüche.

Dlle. Schröder zeigte als Preciosa Talent und Gefühl, und gab die Schlußscene des dritten Aufzugs mit überraschendem Gelingen. Sie wird in der Folge, sich an dem großen Vorbilde ihrer Mutter heranbildend, den Überschwung der jugendlichen Lebhaftigkeit fester beherrschen, und die Klippen der Manier und Übertreibung sichrer vermeiden lernen. Der ermunterndste Beyfall belohnte ihr Streben.

Mad. Müller leistete als Viarda Erfreuliches. Nur läßt sich die Bemerkung nicht oft genug wiederholen, daß auch für Rollen solcher Art nicht gar zu grelle Farben erwählt werden dürfen.

Eine besondere Auszeichnung verdient das Spiel des Herrn Spitzeder als Schloßvoigt Pedro, das in allen Zügen treffend und komisch war, und bey der Erzählung „von der großen Retirade“ und ihrem Refrain vorzüglich belustigte.

Herr Rott* als Zigeunerhauptmann, Herr Klein (Don Fernando) und Herr Mayerhofer (Don Francesco) führten ihre Rollen mit Fleiß aus. – Herrn Fichtner* müssen wir jedoch unverholen bemerken, daß wir seine Darstellung des Alonzo, und vornehmlich sein Geberdenspiel höchst überladen und den Gesetzen der Natur und der Kunst widerstrebend fanden.

Die Aufführung dieses Stückes erhielt einen lebhaften Beyfall, der sich seitdem noch um vieles vermehrt hat.

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Apparat

Entstehung

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Amiryan-Stein, Aida

Überlieferung

    Einzelstellenerläuterung

    • „… die Sammlung seiner dramatischen Spiele“Pius Alexander Wolff, Dramatische Spiele, Bd. 1 (enthaltend Pflicht im Pflicht, Preciosa, Cäsario, Adele von Budoy), Berlin: Duncker und Humblot, 1823.
    • „… Herr Rott“Moritz Rott (eigentlich Moritz Rosenberg, 1796–1867), seit 1821 am Theater an der Wien, ab 1832 am Berliner Hoftheater.
    • „… Fleiß aus. – Herrn Fichtner“Carl (Albrecht) Fichtner (1805–1873), von 1822 bis 1824 am Theater an der Wien, dann bis zur Pensionierung 1865 am Burgtheater in Wien engagiert.

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