Antwort der Theaterdirection in Prag auf das in Nr. 121 und 122 dieses Notitzenblattes eingesandte Schreiben: Über den Zustand der Prager Schaubühne

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Obwohl ich es mir von jeher zum Gesetz gemacht hatte, alle von zeit zu Zeit erscheinende Kritiken über die hiesige Bühne und meine eigenen Leistungen als Schauspieler mit Stillschweigen zu übergehen, weil ein widerstrebendes Reiben individueller Ansichten selten zum reinen Vortheil der Kunst führt, indem zu leicht Tadel und Witzsucht von der einen, und gekränkt scheinende Eigenliebe von der andern Seite zu leerer Klopffechterey und Belustigung des dabey uninteressirten Publicums wird; so kann ich doch nicht umhin, wenn die Sache so ernst und als wahrhaft Nutzen bringen sollend angegriffen wird, mein Wort zu klarer Auseinandersetzung auch zu geben.

Der Herr Verfasser des in Nr. 121 und 122 erschienenen Aufsatzes in diesem Blatte: Über den Zustand der Prager Schaubühne, spricht sich als einen Mann von vielen Kenntnissen – erfüllt von wahrer Liebe zur guten Sache für unsere Bühne aus, und erfreulich muß mir, der von jeher das Gute gewollt und jeden Fingerzeig zum Bessern dankbar anerkennt, eine solche Bekanntschaft seyn, bey der ich nichts mehr bedauere, als daß selbe unter der Maske der Anonymität geschieht, und ein so geistreicher Mann als wahrer Freund der Sache – nicht etwa bloß des gedruckten Effects (?) sich nicht lieber gleich mit Verbesserungsvorschlägen an die Quelle selbst gewendet, bevor er sein Urtheil – als eine totale Darstellung von dem wahrhaften Zustande der hiesigen Bühne und ihrer Gesammtwirkung, öffentlich aussprach.

Ich fühle mich daher gezwungen, ihm hier einige Notitzen zu Aufklärungen mitzutheilen.

Als vor einigen Jahren die erhabenen Stände des Königreichs, von jeher bemüht, Künste und Wissenschaften zu unterstützen, bey Verlängerung meines Pachtcontractes für nöthig erachteten, mit Ihrem Theater jene mangelnden Vortheile zu vereinen, die den meisten stehenden Bühnen eigen sind, um dadurch die Unternehmung in den Stand zu setzen, für die Kunstanstalt – ihre Erhaltung und Verbesserung – das Möglichste zu thun, habe ich mir es aus wärmster Dankbarkeit zur unerläßlichen Pflicht gemacht, von jedem meiner Schritte, der Annahme, des Abgangs, den Engagementsverhältnissen der Mitglieder u. s. w. dem Präsidium der hohen bestehenden Theater-Comité Rechenschaft zu geben; ich habe diese meine Behörde redlich und offen in die genaue Kenntniß, über die Ursache des Verlustes so mancher trefflichen Künstler gesetzt; ich habe Ihr die Schwierigkeit eines schnellen Ersatzes derselben durch meine Correspondenz und die rastlosen Bemühungen und bedeutende – vergeblich angewandte Geldsummen erwiesen, und sie war, da sie gerecht ist, mit mir überzeugt: daß die allwirkenden Zeitumstände mancher Art nicht die gewünschten Resultate zuließen, die unter bessern Verhältnissen mit Recht erwartet werden konnten. Hiervon freylich weiß die Menge nichts; ich muß mir manche schiefe Beurtheilung gefallen lassen, und – nur die innere Beruhigung bleibt mir: kein Mittel unversucht gelassen zu haben, Hindernisse aller Art zu beseitigen, um die gerechten Anforderungen eines mir so verehrungswürdigen Publicums zu befriedigen.

Ausführlichere Beweise zu geben, würde hier zu weitläufig und auch zu uninteressant für das größere Publicum seyn; ein besonderes Vergnügen aber werde ich mir daraus machen, einem so warmen Verehrer unserer Bühne, wie der Herr Verfasser jenes Aufsatzes sich zeigt, selbe mit allen Nebenumständen vor Augen zu legen, wenn er nur die Ehre seiner persönlichen Bekanntschaft gönnt, wozu ich ihn hiermit im Nahmen der guten Sache auffordere; ich werde Gelegenheit haben, ihm manches aufzuklären, unter andern auch zu beweisen, daß jener von ihm gerügte Zisch- und Poltergeist Einzelner, die es nicht so gut meinen als er, vorzüglich mit die Grundursache so manches beklagenswerthen und schwer zu ersetzenden Verlustes unserer Bühne ist, und der, wenn er so verderblich fortwirkt, noch mehrere nach sich ziehen wird.

Vor Allem wird es mir sehr angenehm seyn, mit dem Herrn Verfasser über die Auswahl der Stücke zu sprechen, und wenn er die mir vorliegenden Verzeichnisse der gegebenen Vorstellungen in den bedeutendsten Städten Teutschlands, die nur ein Theater besitzen, durchblättert, so wird man finden, daß Privattheater-Unternehmungen die Anforderungen der Geschmacksbefriedigung einer jeden Volksclasse zu beachten haben; und daß selbst die Gesetze der Kunst den Zweig der komischen Muse nicht verschmähen, weiß der Herr Verfasser wohl so gut als ich. Hier will ich gewiß nicht dem travestirten Äneas das Wort sprechen – dieser so trivialen Posse – aber ein Blick des Herrn Verfassers in mein Hauptbuch wird ihn leider überzeugen, daß Herr Äneas und Consorten – das Haus (auch außer dem Abonnement – und das ist die Hauptsache!) stets füllen und größtentheils die Möglichkeit schaffen müssen, das Bessere geben und erhalten zu können.

Mancher Ununterrichtete wird wahrscheinlich diese Behauptung bezweifeln und auch auf ein besuchtes Haus in vielen classischen Stücken zeigen; aber daß eine solche Einnahme (welche mehrentheils von Manchem so hoch angerechnet zu werden pflegt) mehr scheinbarer als wirklicher Gewinn ist und ein volles Parterre von Abonnenten selten mehr als die gewöhnlichen Tageskosten einer Vorstellung abwirft, bin ich jedem Theaterfreunde, der sich davon überzeugen will, zu erweisen erböthig; da gewiß Niemand, der die nördlichen und südlichen Theater Teutschlands zu besuchen Gelegenheit gehabt hat, in Abrede stellen wird, daß der Preis des hiesigen Parterreabonnements der wohlfeilste unter allen ist. Ich bitte den Herrn Verfasser, mir diesen Absprung von der Hauptsache nicht zu verargen; aber er gehört in so manchem Betracht mit dazu.

Ohne mich nun weiter in Widerlegung einzelner eingeschlichener Irrthümer, die dem Herrn verfasser im Eifer für die gute Sache entschlüpft sind, einzulassen, bemerke ich bloß noch, daß der Herr Operndirector, Carl Maria v. Weber, eben so von dem Besten für das Gedeihen der Kunstanstalt beseelt, meine Ansichten hierüber theilt; und daß auch auf die Oper dieselben allwaltenden Zeitumstände ein noch drückenderes Recht üben, werden wir dem Herrn Verfasser bey seiner persönlichen Bekanntschaft klar erweisen.

Übrigens kann man wohl den bescheidenen Wunsch nicht bergen, daß das mit den vorhandenen Mitteln Geleistete nicht so ganz verkannt werden möchte; und wenn auch die Unmöglichkeit, dermahl manches Fach besser besetzt zu haben, viele Wünsche übrig läßt (die wir gewiß Beyde so gut als irgend Jemand fühlen), so wird doch ein gehöriges Ensemble in den Darstellungen, ohne welche selbst das Talent eines einzelnen, oft so sehr gepriesenen Mitglieds wirkungslos stehen würde, nicht abzusprechen und so ganz unbeachtet zu lassen seyn.

Nach diesen oberflächlichen Bemerkungen rechne ich um so gewisser auf die persönliche Bekanntschaft des Herrn Verfassers, weil nach dem bewiesenen Eifer für die Besserung und Wiedergeburt unserer Bühne, ihn wohl nichts mehr interessiren wird, als die Ursachen und innere Verhältnisse, warum manches so und nicht anders ist, und im gegenwärtigen Augenblick seyn kann, genau zu wissen. Bey unparteyischer Prüfung überzeugt er sich vielleicht, daß die Schuld nicht an mir liegt, und daß ich mit rastloser Thätigkeit und unermüdetem Eifer für die Vervollkommnung unserer Bühne fort arbeite, wie ich es seit 18 Jahren gewohnt bin.

Prag am 20. Oct. 1815.

Liebich*.

Editorial

Summary

Liebich wehrt sich gegen die Artikel, die die eingeschränkte Leistungsfähigkeit des Prager Opernensembles bemängeln; beteuert, dass das Möglichste getan wurde, die Qualität der Bühne zu halten bzw. zu steigern, dass aber oftmals die Umstände dies verhindert hätten; gibt zu, dass mitunter schlechte Kassenschlager die Einnahmen erzeugen, um gute Stücke zu spielen; betont, dass er und Weber sich dabei in ihren Ansichten einig sind

General Remark

Reaktion Liebichs (höchstwahrscheinlich unter Mitarbeit von Weber) auf Artikel im Sammler

Creation

23. Oktober 1815 (lt. TB)

Responsibilities

Übertragung
Frank Ziegler

Tradition

  • Text Source: Der Sammler. Ein Unterhaltungsblatt, Jg. 7, Nr. 134 (9. November 1815), pp. 552

    Commentary

    • “… Liebich”bezüglich der Autorschaft vgl. auch Weberiana 24 (2014), S. 97.

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