Carl Maria von Weber an Friedrich Rochlitz in Leipzig
Berlin, Dienstag, 14. April 1812

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Lange Zeit hat mir kein Brief so herzliche Freude gemacht als der Ihrige vom 22t Febr: den ich d: 28t erhielt. ein doppelter Vorwurf entspringt freylich dann daraus daß ich ihn so lange unbeantwortet ließ, aber wenn man so 2 Concerte in einem weitläufigen Neste wie Berlin zu veranstalten hat, und doch auch gerne mit einer gewißen Seelenruhe sich einem solchen Briefe widmen möchte, so ist dieß wohl eine kleine Entschuldigung.      Ach lieber Gott, Künstler Stolz soll es seyn? ja wenn es noch das wäre, —  Künstler Faulheit könnte es eher sein, die ist es aber hier auch nicht. Eigentlich ist der verdammte Fink daran schuld. Ich wollte so gerne nicht mit leeren Händen erscheinen, und die Anzeige der Lieder unseres Freundes beylegen, und da ich denn dazu gar nicht kommen konnte, so floß ein Tag nach dem andern in dem Strom der Zeiten dahin, und ich konnte, — so warm ich auch Ihr Andenken im Herzen trug, und so oft ich Ihren lieben Brief durchlas, nicht den Augenblik erhaschen, es Ihnen auch zu sagen.

Den herrlichen Abend hätte ich wohl mit verleben mögen. Sie haben Recht, ein Strichvogel wie ich kann höchstens durch die Hülfe seiner Phantasie diese Genüße sich träumen, die Sie in der Wirklichkeit genießen. — Wie gerne hätte ich mein Schärflein dazu beygetragen, ja, und hätte man mich nicht haben wollen, ich hätte mich eingedrängt. Sprechen Sie der Schöpferin jenes Abends die herzliche Hochachtung aus, die ich für Sie hege, und sagen Sie Ihr daß es unter meine freundlichsten Aussichten gehört, Sie hoffentlich bald in Ihrem Häuslichen Kreise zu sehen.

Erst nach Empfang Ihres Briefes konnte ich einmal der Musik: Z: habhaft werden, wo ich mit großem Vergnügen, die Ehrenvolle Erwähnung unseres Leipziger Aufenthaltes, von Ihrer Hand las.      Leider stehe ich nun ganz allein. Bärmann hat mich seit d: 28t März verlaßen, — ist in seine Heymath, zu seinen Lieben, und Freunden geeilt, und ich treibe mich unter fremden Seelen und Gesichtern herum. Denn aufrichtig gesagt ich kann in Berlin nicht heimisch werden*, obwohl ich weder über die Aufnahme des Publikums noch meiner sogenannten Collegen zu klagen habe.      Mein Aufenthalt kann noch einige Wochen dauern, da ich gerne meine Oper Silvana, | selbst auf die Bühne bringen möchte.

Mit einem Opern Gedichte geht es mir noch immer übel*. Ihren Rath habe ich mir wohl hinter’s Ohr geschrieben, aber die verdammten Dichter /: nichts für Ungut :/ sind so schwer habhaft zu werden.

H: Julius v: Voß hier hat Talent, und Leichtigkeit, aber eben so viel, Faulheit, und 10 mal so viel Eigensinn.

Beyfolgende Rezensionen bitte ich baldigst zu befördern, besonders die vom Eisenhammer, wovon ich auch bitte mir ein paar Exemplare zu schikken. unten an Ihrem Briefe steht etwas was ich nicht verstehe. = Uebrigens wißen Sie doch, daß H: Härtel allein den Ertrag der M: Z: zu ziehen, und mithin die Kosten, Honorare, pp ebenfalls allein zu tragen hat.“      Habe ich denn in meinem lezten Briefe etwas erwähnt worauf dieß Bezug hat? ich errinnere mich deßen durchaus nicht, und bemerke Ihnen bloß, daß ich nie auf ein Honorar der M: Z: Ansprüche mache. ich binde mich nicht gerne, sondern wirke frey zum Guten nach meinen Kräften.

In meinem nächsten Briefe werde ich mich unterstehen Ihnen ein kleines Verzeichniß meiner gestochenen Sachen die noch nicht angezeigt sind zu überschikken, mit der Bitte, sie gelegentlich anzeigen zu laßen*.

Das Duettchen aus Finks Lieder[n] habe ich nicht abgeschrieben da Sie ja die Lieder besizzen und daraus die Beylage besorgen können.

Wenn ich Ihnen etwas confus schreibe, so rechnen Sie es darauf daß ich seit heute Früh 6 Uhr ununterbrochen arbeite, und mich jezt der Abgang der Post drängt.

     ich kann Ihnen nur noch Gesundheit wünschen, und mir, daß Sie nicht aufhören mögen Ihre mir so theuren Freundschaftlichen Gesinnungen gegen mich zu behalten, und nicht zu vergeßen, Ihren Sie hochachtenden liebenden Freund vWeber.
Spandauer Straße
No: 72.
Berlin d: 14t Aprill 1812. |

Zu meinem Großen Schrekken sehe ich so eben, daß die Abschrift kaum leserlich ist, und mir auch nicht mehr Zeit übrig ist, mein Msc: von Finks Rec: abzuschreiben, ich schikke Ihnen daher meinen ersten Aufsaz mit der Bitte ihn abschreiben zu laßen, und mir dann gewiß wieder zu senden. In höchster Eile.

Editorial

Summary

betrifft Rezension der Finkschen Lieder; ist auf der Suche nach einem Text für eine neue Oper; will ein Verzeichnis seiner neuesten gedruckten Kompositionen schicken

Incipit

Lange Zeit hat mir kein Brief so herzliche Freude gemacht

Responsibilities

Übertragung
Joachim Veit

Tradition

  • Text Source: London (GB), London, The British Library (GB-Lbl)
    Shelf mark: Add. MS. 47843 f. 37 u. 38

    Physical Description

    • 1 DBl. (3 b. S. o. Adr.)

    Provenance

    • 1872/74 im Besitz von Charles John Hargitt, der F. W. Jähns eine Fotografie für seine Weberiana-Sammlung (Cl. VIII, Heft 3) überließ

    Corresponding sources

    • Anonym, Aus Carl Maria von Weber's Briefen, in: Niederrheinische Musik-Zeitung für Kunstfreunde und Künstler, Jg. 12, Nr. 43 (22. Oktober 1864), S. 337 (unvollst., mit Auslassungen)
    • MMW I, S. 352f. (unvollst.)

Text Constitution

  • “meine”added above
  • “mit”added above
  • “… gerne meine Oper Silvana ,”„auf“ a überschrieben mit s, dann komplett gestrichen
  • n“f” overwritten with “n
  • s“S” overwritten with “s
  • S“s” overwritten with “S

Commentary

  • “… in Berlin nicht heimisch werden”Diese Aussage kontrastiert auffallend zu späteren Aussagen, allerdings war Weber anfangs in Berlin noch nicht so gut vernetzt; intensivere freundschaftliche Kontakte bestanden, folgt man den Tagebuchnotizen, von Ende Februar bis Anfang April lediglich zu den Familien Beer und Türcke, den Baermann-Brüdern sowie zu F. Lauska. Der wesentlich größere Berliner Freundeskreis etablierte sich erst in den folgenden Monaten bis zur Abreise aus Berlin (31. August 1812). Zudem trübte die anfängliche Ablehnung, auf die Webers Oper Silvana stießT, möglicherweise die Atmosphäre.
  • “… es mir noch immer übel”Die Suche nach einem geeigneten neuen Opern-Libretto thematisierte Weber bereits im Brief an J. Gänsbacher vom 27. Juni 1811, und sie sollte noch bis Anfang 1817 andauern, da Weber mehrere bis dahin in Aussicht genommene Projekte wieder verwarfT. Ob der nachfolgend angesprochene Rat von Rochlitz bereits auf jene „Suchanzeige“ hinauslief, die Weber elf Monate später in die Leipziger AmZ einrücken ließ, muss allerdings Spekulation bleiben.
  • “s ie gelegentlich anzeigen zu laßen”Aus dem Jahr 1812 ist zwar ein ähnliches Musikalien-Verzeichnis Webers überliefert, es scheint sich allerdings nicht um das Rochlitz angekündigte zu handeln (vgl. den dortigen Generalvermerk).

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