Carl Maria von Weber an Amalie Krause in Berlin
Prag, Sonntag, 4. Februar 1816

Meine verehrte Freundin!

Ich bin es schon so gewohnt, und wahrhaft im gutmüthigsten Sinne des Wortes, daß die Menschen wenn Sie in eine gewiße glükliche Ruhe kommen, nicht die Zuvor vergeßen die Ihnen werth waren, aber daß sie mit der selbsterrungenen Zufriedenheit nun auch glauben dieses Gefühl müste sich auf eine beynahe sympathetische Weise den fernen Freunden mittheilen, – ja ich bin so weit gekommen mich eines solchen Stillschweigens zu freuen, weil ich noch immer erfahren habe daß es einen fröhlichen Grund hatte. Desto wohlthuender aber ist es auch meine theure Freundin, wenn aus dem frohen Kreise heraus nun auch freundlich eine Hand sich dem allein stehenden entgegen strekt, und ihn gerne mit hinein ziehen möchte indem es ihm das eigene Glük gerne erzählt.      Herzlichen dank dafür, liebe Amalie. Sie glauben nicht wie viele Freude mir ihre lieben Zeilen gemacht haben; und wenn ich sie nicht im Augenblikke des Empfanges beantwortete, in dem sie mir so gar erheiternd und tröstlich erschienen, so lag es blos daran, daß damals kein Augenblik von einer höchstwichtigen zu einer bestimten Zeit vollendet seyn müßenden Arbeit, verlohren gehen durfte.

Zu Ihrer Verbindung mit dem braven Krause, den ich befreundet achte und liebe, wünsche ich Ihnen herzlich und gegründet Glük. – Wohl Euch beyden. – Von Wollank und Lichtenstein, besonders von lezterm höre ich auch sehr wenig, freue mich aber deßen aus obigen Gründen.

Auch ist es wahr daß meine Freunde viele Nachsicht mit mir haben müßen. in trüber Stimmung schreibe ich nicht gerne. die halbweg ruhige vergeht über arbeiten, und die fröhliche ist selten. |

Wie es mir die Zeit über gegangen ist, und was ich weniges geleistet habe, werden Sie wohl gelegentlich aus Zeitungen pp erfahren haben.

Uebrigens bin ich der Alte.      ochse am Pfluge des lieben Publikums, dresche viel Stroh, wische mir den Staub aus den Augen, und fange immer wieder von vorn an.      Zu Arbeiten für mich und die Welt, habe ich weder Zeit noch Lust.      Nur besondere Veranlaßungen können mich manchmal zu etwas bringen, und das ist kein Wunder bey den vielen Geist abspannenden DienstGeschäften, wo man sich im Eifer und Antreiben so vieler faulen kalten Seelen um allen Geist und Leben sprühenden Stoff bringt, indem man ihn ihnen einzuhauchen sucht.      So ist mein Leben.

Die Hoffnung meine Lieben in Berlin bald einmal wieder zu sehen, gebe ich auch nicht auf, ja ich zähle mit einiger Gewißheit auf sie, wenn es auch erst im Herbste oder Winter dieses Jahres sein wird. meine weiteren Pläne liegen mir selbst noch in magisches Dunkel gehüllt. Zeit und Zufall mögen sie bestimmen und reifen.      Italien ist freylich ein lichter Punkt der viel anziehendes für mich hat, und mir scheint selbst [seltsam] daß ich mich nach einer nördlichen Richtung auf einmal so südlich wenden werde.

Sie haben wohl recht daß es ein ärgerlich Ding um mein[en] Director ist, und ich verdenke es dem guten Grafen Brühl gar nicht, wenn er grämlich wird, denn wahrhaftig ich bin es auch tüchtig geworden, und habe alle Noth das schönere Idealische der Kunst empor zu halten in mir, über diesem Meer von Künstler Erbärmlichkeit. – obwohl mein Theater Personale vielleicht das ruhigste und gesitteste von vielen ist, und voll guten Willens. Aber die Individualität der Einzelnen ist oft gar zu seltsam gestaltet, um sie gut zu einem Ganzen amalgamiren zu können. Ich schließe liebe Freundin weil ich muß, nicht | weil ich will. Können Sie zuweilen sich und Ihrem Krause ein 4tel Stündchen abstehlen so schenken Sie es mir.      Komme ich nach Berlin so rechne ich auf ein stilles Ekchen im Sopha. Bis dahin gedenken Sie freundlich meiner.

ich grüße aufs herzlichste Ihren lieben Gatten, und bitte Sie auch meine übrigen Freunde die Sie sehen, der gut[en] Frau Hellwig pp alles freundliche zu sagen, von Ihrem unveränderlichen Freund
v Weber

Augustchen auf[s] beste, versteht sich am Rande.

Editorial

Summary

dankt Amalie für ihre treue Zuneigung, berichtet in larmoyantem Ton über seinen Kampf mit den Theateralltäglichkeiten; erwähnt Brühls Angebot; gratuliert zu Amalies Heirat; Ungewißheit seiner Reisepläne, möchte aber wieder nach Berlin kommen

Incipit

Ich bin es schon so gewohnt, und wahrhaft

General Remark

Responsibilities

Übertragung
Eveline Bartlitz, Joachim Veit

Provenance

Text Source

Berlin (D), Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz (D-B)
Shelf mark: Weberiana Cl.II A. f, Nr. 3

Physical Description

  • 1 DBl. (3 b.S. o.Adr.)

Provenance

Text Constitution

  • "in":
  • "sie": "Sie" overwritten.
  • "meiner": "an mich" overwritten.

Commentary

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