Carl Maria von Weber an Moses Benedict in Stuttgart
Hosterwitz, 22. Juni 1824

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Wohlgebohrner!
Hochgeehrtester Herr und Freund!

Wenn es mir möglich gewesen wäre, Ihnen so oft zu schreiben als ich mich dazu angeregt fühlte, so würden Sie haben über Belästigung klagen können, statt daß ich jezt wegen meines langen Stillschweigens Ihre Nachsicht in Anspruch zu nehmen habe.

Ungerechnet aber den wirklich unglaublichen Andrang meiner Geschäfte, ist auch der Stoff über den wir uns auszusprechen haben, von solcher Art, daß eine briefliche Mittheilung das Unzulänglichste von der Welt ist. Wie leicht sieht die besorgliche Elternliebe jeden geringen Tadel in beängstigende Größe, wie gehäßig kann Manches erscheinen, das man nicht mit allen seinen Grundursachen entwikkelt und entschuldigt, in seiner ganzen Umständlichkeit darlegen kann.

Viel hätte ich darum gegeben, hätte ich einmal mündlich mit den trefflichen Eltern unseres Julius, meine Ansichten austauschen können: aber leider macht die Entferung und unser beiderseitiges Geschäftswirken dieß unmöglich. Ich setze voraus daß Ihnen Ihr lieber Sohn schon vor langer Zeit mitgetheilt hat, daß ich wünsche, ihn selbstständig in der Welt seine Kraft versuchen zu sehen. Meine abermalige Entfernung, /: 6 Wochen zu einer Badekur im Marienbade :/ bestimmen mich endlich seinen wiederholten Bitten entgegen sein zu müßen, und seinen Lehrjahren bei mir ein Ziel zu geben.

Ich kann dabei nicht verschweigen - und wünsche von Grund des Herzens daß Sie dieß so milde als möglich sehen mögen; - daß ich mir eine Art von Gewißensskrupel daraus mache, ihn seinen Aufenthalt bei mir mit Opfern seiner trefflichen Eltern erkaufen zu sehen, die nicht im Verhältniß zu dem Resultat stehen, das ich so gerne aus seinem Fleiße, seiner Beharrlichkeit, und der gewiß aus offenster Seele ihm mitgetheilten Lehren, hätte hervorgehen sehen.

Er hat Vieles gelernt: wenn auch nicht gerade das, und so wie ich es wünsche. Wenn aber Gott ihm die Ausdauer und bescheidene Demuth des wahren Künstlers der die Kunst nur um der Kunst willen treibt, zu seinen vorzüglichen Geistesgaben und Talente schenkt, so wird ihm ein bedeutender Erfolg in der Welt nicht fehlen; vorausgesezt, er wolle nicht säen und ärndten zugleich, und in Monaten haschen, was wir andern in Jahrzehnden erworben haben.

Ruhig kann ich wenigstens die Hand aufs Herz legen, und wißen daß ich nichts verabsäumt, vorenthalten, noch zu leicht genommen habe, was ihn nach meiner Einsicht zum tüchtigen Künstler und Menschen bilden konnte. Ich konnte ihm aus dem Buche der Erfahrung lesen, und habe es mit Liebe, Strenge, mitunter mit Flammenschrift gethan.

Gott gebe seinem Streben den besten Segen den ich für ihn erflehe.

Ich füge Ihnen hier zu meiner eigenen Beruhigung das Verzeichniß der Summen bei, die ich für meinen Unterricht durch Julius von Ihnen erhalten habe*.

Auch folgt hier eine Art Zeugniß das Sie gewünscht haben. Ich schließe mit dem innigsten Wunsche, daß unser guter Julius die Sorge seiner so achtungswerthen Eltern, und mein redliches Wollen, durch Kraft und männliche Abgeschloßenheit belohnen möge: zu Ehren der Kunst und unsrer Freude.

Meine herzlichste Theilnahme und Hülfe so weit wie möglich, wird ihm niemals fehlen; und glauben auch Sie mich mit der aufrichtigsten Hochachtung Ihren
ergebensten Freund
und Diener
CMvWeber.

Editorial

Summary

bedauert, nicht engeren Kontakt zu den Eltern B's zu haben; teilt ihnen mit, daß er B's Lehrzeit beenden will; über seinen Unterricht u. die Hoffnungen, die er in B. setzt; fügt Abrechung der Bezahlung 1821–24 u. Zeugnis für B. bei;

Incipit

Wenn es mir möglich gewesen wäre, Ihnen so oft

General Remark

Responsibilities

Übertragung
Eveline Bartlitz, Joachim Veit

Provenance

Text Source

Berlin (D), Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung (D-B)
Shelf mark: Mus. ep. Weber, C. M. v. 244

Physical Description

  • 1 DBl. (2 b.S. o.Adr.)

Provenance

  • Schneider/Tutzing Kat. 323 (1991), Nr. 183
  • Sotheby (21. Nov. 1990), Nr. 448 mit Teilfaks. (Autograph!; unter 22. März 1821!!)

Text Constitution

    Commentary

    • "… Julius von Ihnen erhalten habe": Die Beilage fehlt im Original, vgl. dazu Entwurf Berlin DSB

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