Bericht über die Klopstock-Säkularfeier in Quedlinburg (Juli 1824)

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Musikfest in Quedlinburg.

Zur Säcularfeyer von Klopstocks Geburt hatten sich viele einheimische und fremde Musiker und Dilettanten vereinigt, in seiner Vaterstadt Quedlinburg ein dreytägiges grosses Musikfest zu geben, welches, unter der Leitung C. M. v. Weber’s, am 1sten, 2ten und 3ten Julius Statt fand. Zur Vorfeyer, am 1sten Julius, wurden Nachmittags in der Schlosskirche folgende Musikstücke aufgeführt: Sinfonia eroica von Beethoven, recht gut executirt; noch mehr Präcision und eine reinere Oboe wären freylich zu wünschen gewesen, Gesangscene von C. M. v. Weber, von Dem. Funk, erster Kammersängerin in Dresden, vortrefflich und mit allgemeinem Beyfall vorgetragen. Violinconcert von Maurer, von Hrn. Concertmeister Müller aus Braunschweig mit der Fertigkeit und Delicatesse gespielt, die man von ihm gewohnt ist. Jubelouverture von C. M. v. Weber. – Hymnus an die Gottheit von Mozart, kräftig und gut ausgeführt. – Flötenconcert von Dotzauer nebst angehängten Variationen von Fürstenau. Es wurde vom letzteren brav vorgetragen, und, trotz des durch das Lokal sehr verdünnten Tones, und der dadurch verringerten Wirkung, vom Publikum mit rauschendem Beyfall aufgenommen; ob aber dieses Instrument und Variationen in die Kirche gehören, darüber drängten sich Ref. beym Anhören lebhafte Zweifel auf.

Am 2ten Julius, dem Geburtstage des gefeyerten Dichters, wurden in derselben Kirche gegeben: Der Psalm mit dem Vaterunser von Naumann. Die Chöre gingen mit Ausnahme der Bitten gut, die letzteren aber so – wie es, bey dem unvorbereiteten Zusammenwirken so vieler einander fremder Personen, allerdings zu entschuldigen war. Jeder unangenehme Eindruck wurde übrigens durch den herrlichen Vortrag der Solo-Stellen verwischt. ¦ Sie waren besetzt durch Dem. Kayser aus Magdeburg (Sopran), Frau Bibliothekar Müller aus Dessau (Alt), Hrn. Bechmann (Tenor) und Hrn. Happich (Bass), sämmtlich Dilettanten. Die drey ersten Stimmen waren vorzüglich zu nennen und von ihnen zeichnete sich der Sopran besonders aus. Ferner: Cantate von Fr. Schneider, auf den Text von Rochlitz: „Den Fürsten des Lebens haben sie getödtet“; eine blühende, höchst gelungene Composition, die nur in der Instrumentirung zuweilen etwas an den Theaterstyl streift. Die Solostimmen waren wie oben besetzt, bis auf den Bass, den Hr. Reichardt aus Berlin recht gut sang. Die Ausführung des Ganzen war befriedigend und der Sopran zeichnete sich auch hier wieder aus. – Zum Schluss: der dritte Theil des Messias, ohne das Amen, und, anstatt dessen, mit dem Halleluja des 1sten Theils. Konnte irgend etwas würdig genannt werden, ein deutsches Musikfest zu schliessen, so war es dieses grossartige erhebende Werk des riesigen Händel. Es wurde auch ganz seiner würdig aufgeführt, insofern es die schon erwähnte Beschaffenheit der Chöre zuliess. Bey den letzteren war hier ganz besonders die Schwäche der beyden hohen Stimmen, und besonders des Altes bemerkbar. Die Solosänger waren dieselben wie in der Cantate, mit Ausnahme des Soprans, welcher von Dem. Funk gesungen ward. Hatte man vorher den Genuss einer frischen, klangreichen, überaus lieblichen Stimme gehabt, so musste man jetzt den hohen Grad der Kunstausbildung, das herrliche Portamento, die körnige Tiefe der Sängerin bewundern, und in der That zweifelhaft bleiben, welcher von beyden der Vorzug zu geben sey. – Das Orchester war in allen drey Musikstücken brav, aber zur rechten Wirkung fehlte noch die zur Würde einer kirchlichen Musik nicht zu entbehrende Orgel. Sie blieb jedoch nur zufällig und durch die Krankheit des Hrn. Justizdirector Ziegler, ¦ welcher sie sich vorbehalten hatte, weg, hätte aber dessenungeachtet gewiss durch einen der vielen anwesenden Musiker besetzt werden können. Herr Ziegler wird übrigens als die Triebfeder des ganzen Musikfestes genannt.

Am Morgen des dritten Tages gaben die noch anwesendhien Künstler folgendes Concert im Schauspielhause: Ouverture von Beethoven; Arie von Rossini, von Dem. Funk sehr schön vorgetragen, aber für ein deutsches Musikfest höchst unpassend gewählt; Klarinetten-Concert in C moll von Spohr, eine bekannte, aber unvergleichlich schöne Composition, vom Hrn. Kapellmeister Hermstädt meisterlich vorgetragen; Quartett von B. Romberg, worin Hr. Kammermusikus [Theodor] Müller aus Braunschweig die Hauptpartie des Violoncells sehr schön spielte. Einige Quartetten für Männerstimmen, von Hrn. Bachmann, als erstem Tenor, gut, von den übrigen leidlich gesungen. Zum Schluss: Flöten-Variationen, componirt und gespielt von Fürstenau. Der Vortrag war unbestritten schön, und die Composition darauf berechnet, die Virtuosität des Künstlers zu zeigen; sie machte aber gegen das eben gehörte Spohr’sche Meisterwerk einen gewaltigen Abstich.

So endigte dieses verdienstliche, jedem Kunstfreunde höchst erfreuliche Unternehmen, welchem, abgesehen von der Veranlassung, zahlreiche Nachahmung zu wünschen ist.

Ref. muss übrigens bemerken, dass seine Absicht nur dahin geht, dasjenige, was in musikalischer Hinsicht lesenswerth ist, zu berichten, und dass ihm die Beschreibung der übrigen dabey Statt gefundenen Feyerlichkeiten nicht für diese Blätter zu passen scheint.

Editorial

Creation

Responsibilities

Übertragung
Frank Ziegler
Korrektur
Eveline Bartlitz

Tradition

  • Text Source: Allgemeine Musikalische Zeitung, Jg. 26, Nr. 30 (22. Juli 1824), col. 477–479

    Commentary

    • Bechmannrecte “Pechmann”.

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