Aufführungsbesprechungen Prag, Ständetheater: Die Verlobungsfeier von H. Clauren, 10. Mai 1815 u. Gastrollen

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Korrespondenz-Nachrichten.

Prag.

Unter die neuen Erscheinungen unsrer Bühne gehört: die Verlobungfeyer, oder: der Bräutigam von Ungefähr, Lustspiel in vier Aufzügen, von Clauren. Dasselbe Stück wurde in Wien unter dem Titel: der Brauttanz, aufgeführt, und fiel durch; hier war sein Schicksal günstiger, und es gewann eine große Partey für sich, was es freylich zum Theil auch der sehr gelungenen Darstellung zu verdanken hat. Man muß Hrn. Clauren, dessen erste dramatische Arbeit dies ist, zugestehen, daß er die Sprache vollkommen in seiner Gewalt hat, und selbst einige Macht über einen Stoff zeigte, der wol nicht ungünstiger gewählt seyn kann, und den fleckenlos zu bearbeiten wol selbst dem ersten unsrer dramatischen Dichter schwerlich glücken würde. Die Zeit des Stücks ist der vorige französische Krieg, der Held desselben ein wucherischer baronisirter Lieferant, der nach dem Sprüchwort: „Hans kommt durch seine Dummheit fort“ zu einem unermeßlichen Vermögen gekommen ist, und das Ganze ist so wahr und lokal dargestellt, daß man versucht wird, zu glauben, es sey eine wahre Begebenheit, nur dramatisirt und mit einigen Coups de Theatre ausgestattet. Der poetische Theil des Stückes ist durch die kolossale Hauptfigur so zurückgedrückt, daß er gleichsam nur als Episode erscheint. Alle Charaktere, außer dem des Barons und jener des Kanzleydirektors sind nur contourirt, und selbst die gemüthliche Tochter des Barons hat im Grunde keine hervorstechende Eigenheit, als daß sie – wie die meisten Personen des Stückes – gern Geld und Pretiosen verschenkt und sehr gern küsst. Aeußerst gedehnt ist der dritte Akt, von dem nur eine einzige Scene nothwendig für den Gang des Ganzen ist. Dem letzten Akt fehlt es an Natürlichkeit und Consequenz, und es ist zu wünschen, daß Hr. C. sein reiches Talent künftig an einen günstigern Stoff verwenden möge; in diesem Falle haben wir gewiß von ihm etwas Vorzügliches zu hoffen. Hr. Liebich gab den Baron von Besser ganz seinem anerkannten Rufe gemäß. Als denkender Künstler wusste er jeden Moment zu benutzen, um das Gefühl des Abscheues, welches manchnmal das Lachen unterdrücken will, nie aufkommen zu lassen, und selbst von der Verworfenheit des Lieferanten nur die komische Seite auszustellen. Der einstimmigste Beyfall lohnte sein rühmliches Bestreben. Dem. Böhler als Frl. Besser, Dem. Brand als Fritz, Hr. Senwald als Kanzleydirektor, und Mad. Liebich und Hr. Wilhelmi in den kleinen Rollen der Mad. Brandenstein und des Wachtmeisters, welchen ihr vortreffliches Spiel großes Interesse verlieh, verdienen gerechtes Lob. Hr. Allram als Liber, welche Rolle ziemlich schwach gezeichnet, einer starken Schattirung bedarf, schien seine reiche komische Laune zu sehr zu sparen. Eine recht angenehme Erscheinung war Hr. Bassi als Ignaz Polstrnatzky. Alle übrige Rollen sind im Grunde Statisten. Seit kurzer Zeit ist auch uns das Vergnügen zu Theil geworden, die Tänzer-Familie Kobler, die in Wien und andern Städten Deutschlands so viel Beyfall erntete, zu bewundern, und wir müssen gestehen, daß Hr. Kobler eine Kraft und Gewandtheit besitzt, wie sie nur wenigen Grotesk-Tänzern zu Theil wurde; auch die beyden Schwestern tanzen sehr artig; aber leider war theils die Erfindung der Ballets, die sie uns darstellten (die glückliche Wilde, das lustige Gärtnermädchen, die nächtlichen Liebhaber, und der Raub der Zemira), so wenig ansprechend, theils auch müssen wir bekennen, daß ihre Kunst sich ganz auf die Füße beschränkt, und sie die Mimik so ganz vernachlässigt haben, daß es ihnen dadurch unmöglich wird, große Effekte hervorzubringen. Das Schmoll-Duett der beyden Schwestern ist ehr artig, und wird pünktlich dargestellt; nur sind ihre Gruppen manchmal zu sehr in die Breite gedehnt, ¦ und verlieren dadurch den plastischen Werth. Mad. Sonntag hat ihre Gastrollen mit ziemlichem Glücke fortgesetzt.

Hr. Rosenfeld hat noch den Ostade, Karl VII in Agnes Sorel und Marquis von Ravannes in der vornehmen Wirthinn gegeben, und in der zweyten dieser Rollen sehr, in der dritten jedoch, worin Morhards Andenken noch zu lebhaft ist, gar nicht gefallen.

[…]

Editorial

Creation

Responsibilities

Übertragung
Mo, Ran

Tradition

  • Text Source: Morgenblatt für gebildete Stände, Jg. 9, Nr. 166 (13. Juli 1815), pp. 664

    Commentary

    • Senwaldrecte “Sewald”.
    • Polstrnatzkyrecte “Palsternazky”.
    • ehrrecte “sehr”.

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