Aufführungsbesprechung Prag, Ständetheater, 4. September 1814

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Ständisches Theater in Prag .

Am 26. April wurde zum Benefiz für Mad. Brede gegeben: Das Kamäleon, Lustspiel in 4 Acten von Beck. Zum Beschluß: Der grüne Domino, Lustspiel in Alexandrinern und 1 Aufzug von Körner. Mad. Brede trat als Irene und im letzten Stück als Pauline auf, und verbreitete durch ihr launigtes Spiel in beiden Rollen die angenehmste Unterhaltung. Lauter Beifall und das Hervorrufen des Publikums belohnte die Künstlerinn, die heute zum letzten Mal auf unserer Bühne erschien. Vortrefflich gab Hr. Liebich den alten Landedelmann Baron von Breitenfeld, und zeichnete uns sprechend die Natur des schlichten Biedermannes, der seine Einfachheit nicht mit dem Tone der großen Welt verschmelzen kann. Sein unerschöpflicher Humor entwickelte in jeder Scene neue Züge der Wahrheit dieses Charakters, und das Publikum blieb bis zu Ende in einer wahrhaft freudigen Cxtase über das Meisterspiel des Künstlers. Im Kontraste mit dieser schlichten Lebenssitte des Barons trat seine Gemahlin (Mad. Junghanns) als Affe des großen Tons, sehr beifällig auf, und gab uns ein treues Bild weiblicher Verschrobenheit. Auch Mad. Brunetti erhöhte durch ihr tiefgefühltes Spiel als Josepha Wollmar das Interesse der Darstellung, die wir bei fleißiger Mitwirkung aller Spielenden als eine höchst gelungene bezeichnen können.

Am 1. Mai eröffnete Hr. Mattausch (Mitglied des königl. Nationaltheaters in Berlin) die Reihe seiner Gastdarstellungen auf unserer Bühne mit dem Carl Moor in den Räubern. Da die meisten Theaterhelden mit dieser Gewaltsrolle zu imponiren suchen, so hätte man, ohne genauere Kenntniß von dem Kunstcharakter unsers Gastes, glauben sollen, auch Er wolle die Menge durch ein rauschendes Spiel beim ersten Auftritt zu gewinnen suchen; aber der denkende, gemüthvolle Künstler hatte sich die Würdigung des Kenners zu seinem Ziele gesteckt, und erreichte es schon in den ersten Acten seiner Darstellung. | Dann als Graf von Moor, den zwar Jugend und der Freiheitssinn des Studenten damaliger roher Zeit zu Ausschweifungen verleitet, der aber noch zeitig von seinem bessern Selbst gemahnt, der Gemeinheit entrissen, im Begriff stand, sich reuevoll zu den Füssen des geliebten Vaters werfen zu wollen – als Mann von Erziehung und Bildung, keine Spur der Roheit an sich, mit einem sehnsuchtsvollem Gemüth nach der glücklichen Heimath, nach dem Gegenstande seiner Jugendliebe – so trat Carl in dem Spiele unsers Künstlers auf, und wurde nun durch Verhältnisse vor unsern Augen zum Werkzeug der Rache gestempelt. – Wie Ophelia von Hamlet sagt: „Welch ein edles Gemüth ist hier zu Grunde gerichtet!“ – so beklagen wir diesen Moor, wenn wir ihn den Monolog, nach Lesung des Briefes von Franz: „Menschen! Menschen![] etc. mit einem tiefgefühlten, jedes Auge mit Thränen erfüllendem Ausdrucke zu unserm Herzen sprechen hörten; und nur diese psychologische Entwicklung motivirt uns den schroffen Uebergang vom Schmerz verschmähter Sohnesliebe zur Rache gegen die Menschheit. Moor erscheint, handelt nun als Räuberhauptmann, aber wir vergessen jenen ersten Eindruck nicht, womit er unser Herz gewann; wir können nicht aufhören, das Zugrundegerichtete in ihm zu achten und zu lieben, denn er hat das Menschliche mit seiner verhängnißvollen Rolle nicht ausgezogen, und ein melancholischer Schleier umdüstert das Schattenbild seiner scheinbaren Entartung. In diesem wahrhaft großem Style führte der denkende Künstler seinen Moor durch das Labyrinth des schrecklichsten Schicksaals, von unserer innigsten Theilnahme begleitet, und sparte die Kraft des Vortrags für die entscheidenden Momente. Die beifällige Anerkennung aller Gebildeten krönte sein Künstlerverdienst. Am 6. Mai trat Hr. Mattausch als Fürst in Elise von Valberg auf, und gab diese Darstellung aus der großen Welt, ganz im Geiste der Meisterschule, die ihn bildete. Nicht steifer, sich spreizender Theateranstand, den unsre meisten Schauspieler sich erst durch Routine auf der Bühne erwerben, sondern eine durch Umgang mit gebildeten Großen angeeignete Leichtigkeit und Würde stellte uns den Fürsten in seinem Spiele dar, und bezeichnete in jeder Scene seiner Umgebungen den Grad des Abstandes oder der Annäherung und Vertraulichkeit, in welchem der Herr, der Freund, der Gatte sich mittheilte. Diese Haltung des Charakters führte Hr. M. meisterhaft durch, und bezeichnete besonders die Versöhnungsscene mit seiner Gemahlin mit dem seinem Talente so eignen, tiefgefühlten Ausdrucke der reinsten Humanität.

Unter den neuen Opern erhält sich: Die Verwandlungen, in 1 Act, Musik von Fischer fortdauernd auf dem Repertoir. Nicht allein die gefällige Musik, sondern hauptsächlich das brave Spiel Dem. Brand in der Hauptrolle (Julie Fröhlich), so wie der Mad. ¦ Allram als Anna und des Hrn. Wilhelmi als alter Geck Reich, trägt vereinigt dazu bei, die Darstellung unterhaltend zu machen. – Mit Sehnsucht sehn die Freunde der Musik dem ersten Auftritt der Mad. Grünbaum, nach ihrer Niederkunft als Emmeline in der Schweizerfamilie entgegen, die zum Benefiz ihres Gatten gegeben wird. – Hr. und Mad. Schröder sind nun Mitglieder unserer Bühne. – Nächstens wird Schillers Wallenstein in die Scene geführt; eine Erscheinung, die den Kunstfreund schon im voraus mit dem Wunsche beschäftigt, dies Meisterwerk in unverkürzter Entfaltung seiner poetischen Schönheiten auf unserer Bühne zu sehen. Unser geschätzter Liebich wird die Hauptrolle in beiden Theilen übernehmen, und Wallensteins Lager vorangehen.

Editorial

Creation

Responsibilities

Übertragung
Schaffer, Sebastian

Tradition

  • Text Source: Allgemeiner Deutscher Theater-Anzeiger, Jg. 4 (1814), Nr. 27, pp. 107–108

    Commentary

    • Cxtaserecte “Extase”.

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