Aufführungsbesprechung Prag, Ständetheater, 4. September 1813

Back

Ständisches Theater in Prag.

Am 19. November wurde zum ersten Mal gegeben: Der Alsade von Molorido, Lustspiel in 4 Aufzügen, frei nach Picard bearbeitet, von Hr. Passy (Mitglied der hiesigen Bühne.) Der feine Charakterzeichner und Sittenmaler Picard, mit dessen Gemälden uns die Iffland’schen Verpflanzungen auf deutschem Boden schon bekannt machten, liefert hier ein Intriguenstück ohne Welt- und Menschenbeziehungen, die die Seele des guten Lustspiels sind. – Nur das treffliche Spiel des Hrn. Liebich als Alcade Gregorio, das die behagliche Selbsttäuschung eingebildeter Klugheit und Vorsicht im ächt Krähwinkel’schen Geiste darstellte; und das Leben, welches Hr. Polawsky als Geheimschreiber Tenorio über das kühle Ganze, durch sein redeströmendes, gewandtes Spiel verbreitete, schützten die Zuhörer vor Anwandlungen der Langeweile, so sehr sich jeder auch in den Nebenrollen bemühte, dem Dichter genug zu thun. – Am 9. December wurde zum Benefiz des Hrn. Bayer zum ersten Mal aufgeführt: Romeo und Julie, Trauerspiel in 5 Acten von Shakespeare. Nach A. W. Schlegels Uebersetzung. – Die Versuche der Weimar’schen und Berliner Bühne diese Uebersetzung, als ein vollständiges Tableau der Shakespear’schen Muse, dem deutschen Geschmack genießbar zu machen, haben sich schon vor einiger Zeit als unstatthaft bewährt; und vor 30 Jahren schon, noch ehe Deutschland ein dramatisches Genie besaß, das in Shakespeare’s Geiste für Deutsche dichtete, und sie zugleich die Kraft und Schönheit ihrer Sprache lehrte; noch ehe wir Schiller: Deutschlands Shakespeare nannten, sahen sich Schröder in Hamburg und mehrere genöthigt, die großen Welt- und Menschengemälde des englischen Dichters dem dramatischen Sinne der Deutschen durch zweckmäßige Bearbei|tungen näher zu bringen; ja früher noch hatte Weiße dieses Trauerspiel in ein stilles Familiengemälde gedrängt, dem nichts als eine geistvolle, schönheitssinnathmende Darstellung durch die Sprache mangelt, um in Hinsicht des Plans und der Charakterisitik jedes Repertoir unserer Tage zu schmücken. Was nun ein Künstler und Musterdirector für die deutsche Bühne, ein Schröder schon vor 30 Jahren, wo unsere dramatische Dichtkunst noch in der Wiege lag, und wir des Fremden so nöthig bedurften, aus Erfahrunng erkannte: daß jede Nation in jedem Jahrhundert, daß jede Sprache einer eigenen Behandlung des dramatischen Stoffes für die Darstellung auf der Bühne bedürfe – dies sollten wir jetzt, da wir Meisterwerke der dramatischen Kunst besitzen, nicht mehr in Zweifel ziehen, weil wir jedes Versuches der Art überhoben sind. – Daher ließ uns zwar die meisterhafte Darstellung der beiden Hauptrollen (Romeo und Julie) durch Hn. Bayer und Mad. Löwe ihre Kunst mit voller Gerechtigkeit anerkennen, aber sie konnte uns doch, ungeachtet der poetischen Schönheiten des Details, durch die Zusammensetzung des Ganzen nicht glauben machen, daß wir vor einer deutschen Bühne ständen, die eine gedrängt-motivirte, nicht durch Episoden erkältete Handlung, edle Sitten, gebildete Scherze, und gehaltvolle, wohlklingende Verse darstellen und hören lassen muß, wenn sie den Geist des wahren Kunstfreundes erheben und erfreuen will. – Dem Schauspieler ist übrigens keine Wahl eines Stücks zu verdenken, die dem gelegentlichen Zweck entspricht, und das Gesagte hat daher eine blos dramaturgische Beziehung.

Editorial

Creation

Responsibilities

Übertragung
Schaffer, Sebastian

Tradition

  • Text Source: Allgemeiner Deutscher Theater-Anzeiger, Jg. 4 (1814), Nr. 8 (Fortsetzung zu Jg. 3.1813), pp. 30–31

        XML

        If you've spotted some error or inaccurateness please do not hesitate to inform us via bugs [@] weber-gesamtausgabe.de.