Aufführungsbesprechung Prag, Ständetheater, 5. Januar bis 15. Januar 1814

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Theater.

Prag. – Den 5. Jän.: Die Indianer in England, Lustspiel in drey Aufz. von A. v. Kotzebue, zum zweyten Debut der Dlle. Brand als Gurli. Die liebenswürdige junge Künstlerinn kann sich in dieser Rolle des doppelten Erfolgs erfreuen, daß sie nicht nur die grelle Charakteristik des Hrn. v. K. in ein sanftes Colorit zu verschmelzen, und diese mehr afrikanische, als indische Natur zu veredeln, sondern sogar dieß an sich so herzlich langweilige Stück zu beleben wußte, worin ihr Herr Polawsky als Samuel treulich beystand. Unter dem übrigen Personale zeichnete sich noch Herr Liebich als Kaberdar, Herr Allram als Visitator, vorzüglich aber Herr Wilhelmi als Master Staff aus.

Den 8. Jän. zum Besten der Mad. Grünbaum: Johann von Paris, komische Oper von Boyeldieu. Nach dem gleichstimmigen Ausspruch der zwey ersten Städte des österreichischen Kaisertums, daß es Herrn Grünbaum zu dieser Rolle durchaus an Anstand und Lebhaftigkeit fehle, hätten wir in der That seiner Bescheidenheit zugetraut, nie wieder in dieser Rolle zu erscheinen; gleichwohl geschah es, und obschon er manches besser als im vorigen Jahre spielte, und die ganze Rolle besser und vollständiger sang, so wurde er dennoch von dem Publicum eben so kalt aufgenommen, als seine Frau, die sich diesen und den folgenden Abend gleichsam selbst übertraf, mit enthusiastischem Beyfall begleitet und empfangen wurde. Dlle. Brand spielte den Pagen mit einem ganz allerliebsten Muthwillen; doch mußte sie am Schluß der Romanze zum ersten Mahl empfinden, welch eine schwere Aufgabe es sey, an der Seite der Mad. Grünbaum zu singen, die ganz von der Natur dazu geeignet scheint, jede Nebenbuhlerinn in tiefen Schatten zu versenken.

Herr Manetinsky gab den Wirth mit vielem Fleiße, und wenn ihm die Ausführung nicht durchaus glückte, so entschuldigt ihn der Umstand, daß er wegen Erkrankung des Herrn Kainz die Rolle in zwey Tagen einstudieren mußte, und es wäre sehr undankbar, wenn man auf das Ausfüllungstalent dieses Schauspielers keine Rücksicht nähme, der doch mit vollem Recht der Max Helfenstein, vulgo Nothnagel der Prager Schaubühne genannt werden kann.

Den 15. Jän. zum Besten des Herrn Capellmeister Carl Maria v. Weber. Don Juan, von Mozart. Herr Schröder aus Hamburg gab den Don Juan zur ersten – und letzten – Gastrolle, denn er hatte das Unglück, dem Publicum, wel¦ches mit dieser Oper zu bekannt und nahe verwandt ist, und die bis jetzt unübertroffene Darstellung eines Luigi Bassi noch nicht vergessen hat, durchaus zu mißfallen. Wenn es wahr ist, daß Herr Schröder der beste Don Juan im teutschen Norden auch nur war, so ist dieß ein neuer Beweis, wie genügsam die nördlichen Teutschen im Gesange, wie übertrieben unsere Pretensionen sind, die wir dem klangreichen Italien um ein paar Grade näher liegen. Doch gilt dieß nur von Ton und Singmethode; aber Hr. Schröder hat sich auch in Spiel und Benehmen keineswegs zu seinem Vortheile ausgezeichnet, und rechtfertigte in jeder Hinsicht das etwas strenge Benehmen des Publicums, welches die wenigen beyfallgebenden Stimmen durch lautes Zischen erstickte.

Mad. Grünbaum (Donna Anna) feyerte dieß Mahl eine neue Gattung von Kunsttriumph, indem sie das heilige Eigenthum des unsterblichen Mozarts unangetastet, und durch keine Schnörkel entstellt, hören ließ. Hierdurch strafte sie manche ihrer Neider Lügen, und bewies, daß sie auch in der großen, allen Schmuck verschmähenden Singmanier Meisterinn sey. Der rauschendste Beyfall belohnte die Künstlerinn, und erst jetzt können wir mit voller Zuversicht auf einen reinen und ungetrübten Genuß rechnen, wenn wir sie wieder als Vitellia erscheinen sehen, oder wenn sich die Sage bestätigt, daß es der Plan des Herrn v. Weber sey, Glucks strenge Meisterwerke auf unsere Bühne zu bringen.

Herr Grünbaum sang und spielte die traurige Rolle des Don Ottavio sehr brav, und wenn der Beyfall geringer als sein Verdienst war, so sind daran die Ursachen Schuld, welche ihn zum Theil aus der Gunst des Publicums gebracht haben.

Dlle. Brand spielte die Zerline zwar nicht so vortrefflich, als wir sie in der goldenen Zeit der italienischen Oper gesehen haben, doch ist sie gewiß die beste teutsche Zerline; ihr Gesang jedoch war keineswegs für Mozart‘sche Musik befriedigend. Herr Schnepf als Masetto ward von Anfang bis zu Ende ausgelacht. Herr Siebert als Leporello erinnerte zwar höchstens negativ an Bonziani und Campi; doch gab er die Rolle über alle Erwartung, und sang recht brav; und wenn gleich Mad. Allram nicht im Stande war, die äußerst schwierige Rolle der Donna Elvira mit dem Feuer darzustellen, die diese erfordert, so muß ihr eine billige Kritik doch zugestehen, daß sie selbe durchaus, zwar nicht kräftig, doch richtig sang. Herr Manetinsky gab den Gouverneur – vorzüglich gut in den Momenten, wo er stumm ist.

Editorial

Creation

Responsibilities

Übertragung
Ina Klare

Tradition

  • Text Source: Der Sammler. Ein Unterhaltungsblatt, Jg. 6, Nr. 36 (3. März 1814), pp. 144

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