Aufführungsbesprechung Prag, Ständetheater: Mai 1815

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Theater.

Prag. – Den 7. May: Die Alpenhirten, Oper in 3 Aufzügen von Fried. Wollaneck. – Es ist eine gewöhnliche Erscheinung, daß Opern aus dem nördlichen Teutschland hier kein großes Glück machen, aber ein so gewaltiger Alpensturz, als dieses Product erlitt, ist nichts alltägliches; selbst das Wegschneiden eines ganzen Actes bey der zweyten Aufführung konnte sie vor dem Auszischen nicht bewahren. Friede sey mit ihrer Asche!

Den 10. May: Die Verlobungsfeyer oder der Schwiegersohn von Ungefähr, Lustspiel in 4 Aufz. von Clauren. (In Wien der Brauttanz, welchen Titel es hier nicht führen kann, da hier nicht getanzt wird.) Da wir gegen das Urtheil, welches diese Blätter über das Stück aussprachen*, nichts Erhebliches einzuwenden wüßten, so begnügen wir uns mit einigen Worten über die Besetzung und die Aufnahme, so ihm hier zu Theil wurde. Was die letztere betrifft, so war sie bey der ersten und zweyten Vorstellung bey weitem günstiger als in Wien, und es bewährt sich darin abermahls die Verschiedenheit des Prager und Wiener Geschmacks, der sich nur in classischen Kunstgebilden vereinigt, in minder bedeutenden aber sehr oft einen ganz entgegengesetzten Weg einzuschlagen scheint. Das hiesige Publicum, welches ein sehr großer Verehrer von persönlicher Satyre ist, suchte überall Ähnlichkeiten auf, und hatte eine gewaltige Freude über die Drangsale, die der Freyherr Gut v. Besser erduldet. Die Kunstrichter lassen sich vernehmen, es sey ja ein Gelegenheitsstück, mit deren ästhetischem Werthe man es so genau nicht nehmen müsse u. s. w.

Herr Liebich stellt den Baron sehr komisch dar; doch glauben wir, er habe die Pflicht des darstellenden Künstlers, da zu mäßigen, wo der Poet schon die Farbe allzugrell aufgetragen hat, nicht vollkommen erfüllt, und dieser Charakter müsse noch mehr Wirkung machen, wenn er etwas feiner und decenter aufgegriffen wird. So fällt zum Beyspiel der Moment, wo Baron Besser die von dem Kanzleydirector weggeworfene Uhr aufhebt, in den Charakter der Posse. Freylich mag die Erfüllung unsers Wunsches manche Schwierigkeiten haben, und vielleicht für einen stillen Beyfallsspender, zwanzig Paar rüstige Hände außer Bewegung setzen. Herr Polawsky und Dlle. Brand, als die beyden Söhne Brandenstein, spielten vortrefflich. Auch die übrigen Rollen waren sehr brav besetzt. ¦

Den 19. May (zum Besten der Familie Horschelt): Der häusliche Zwist, Lustspiel in 1 Aufzuge von Kotzebue, und das übel gehütete Mädchen, Ballet in 2 Aufzügen nach Herrn Aumer, in die Scene gesetzt von Mad. Catharina Horschelt. Diesem Ballet geht es wie so vielen andern Copien; man erkennt daran nothdürftig die Anmuth der Erfindung, die bey einer kunstreichen Ausführung ein gefälliges Ganzes darbiethen kann. Leider war dies hier nicht der Fall, und vorzüglich die Hauptrolle, die einige sehr anziehende Momente hat, in sehr schwachen Händen.

Mad. Sonntag, Hofschauspielerinn am großherzoglichen Theater zu Darmstadt, ist seit einigen Wochen hier, und gibt Gastrollen auf unserer Bühne. Es scheint dieser Frau keineswegs an Kenntniß der Bühne und ihrer Kunst zu fehlen; aber dagegen hat sich die Natur begnügt, ihr eine ziemlich artige Gestalt zu geben, und sie sonst nicht reich mit Talent ausgestattet. Vor allem ist ihr Organ rauh und eintönig. Mad. Sonntag mag für die Bühne einer kleinern Stadt eine sehr vortheilhafte Acquisition seyn; aber wir haben seit mehreren Jahren zu bedeutende weibliche Talente besessen, und man mag sich auch noch so oft wiederhohlen, daß die Kunstkritik ohne aller Vergleichung ihr unbefangenes Urtheil sprechen soll – unwillkürlich dringt sich uns das Bild des verlornen Schönen auf; besonders aber, wenn eine Künstlerinn das Unglück hat, zu ihren Ausstellungen Rollen zu wählen, die vor Kurzem unnachahmlich gegeben wurden. Dieses letztere war der Fall mit den meisten Rollen der Mad. Sonntag. Wie lange wird es währen, ehe hier wieder eine Schauspielerinn wagen darf, Maria Stuart, die Fürstinn in Ifflands Elise, Pauline im getheilten Herzen, Maria in: Welche ist die Braut? u. s. w. zu spielen, welche die beyden Künstlerinnen, die uns die Kaiserstadt geraubt hat – Löwe und Schröder – so herrlich darstellten!

Herr Rosenfeld aus Pesth, ein recht artiger Tenorsänger, jedoch von geringem Umfang und weniger Kraft der Stimme und einer etwas preciösen Manier, hat bisher den Johann von Paris, Prinz in der Aschenbrödel, König Carl in Agnes Sorel und Ostade als Gastrollen gegeben, und wird nächster Tage als Marquis von Ravannes in den vornehmen Wirthen erscheinen.

Editorial

Creation

Responsibilities

Übertragung
Jakob, Charlene

Tradition

  • Text Source: Der Sammler. Ein Unterhaltungsblatt, Jg. 7, Nr. 71 (15. Juni 1815), pp. 302

    Commentary

    • “das Stück aussprachen”Vgl. Der Sammler. Ein Unterhaltungsblatt, Jg. 7, Nr. 37 (28. März 1815), S. 164, Nr. 38 (30. März 1815), S. 168, Nr. 55 (9. Mai 1815), S. 236–238.

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