Aufführungsbesprechung Prag, Ständetheater, August bis Oktober 1813

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Ständisches Theater in Prag.

(August, September, Oktober 1813.)

Die Verfassung einer Schaubühne bestimmt den Charakter und den Werth ihrer Kunstleistungen: wir glauben unsre nachfolgenden Bemerkungen über die hiesige Bühne daher zweckmäßig einzuleiten, wenn wir vorerst auch ihre Verfassung durch einen flüchtigen Vergleich mit dem Bestande mehrerer deutschen Bühnen zu würdigen suchen.

Der Kunstbeobachter findet in Deutschland soviele Theater-Verfassungen als Theater selbst. Bald ist die artistische Anordnung der Scene in den Händen mehrerer der vorzüglichsten Mitglieder, die monatlich mit der Regie wechseln; bald ist der Regisseur eines Hoftheaters das Organ der Anordnungen des Intendanten, und dieser empfängt seine Weisungen vorher höhern Orts; hier nehmen mehrere Actionairs des Theaterfonds – größtentheils Mitglieder des Handelstandes – bestimmten oder unbestimmten Antheil an der Verwaltung des Theaters: jenen, indem sie eine Comité bilden, die sich mit den Titular-Directoren über Alles entscheidend benimmt; diesen durch ¦ Protection neuer, an ihre Häuser addressirter Mitglieder; dort endlich ist gar keine Spur von Leitung zu sehen; der Unternehmer ist Kassier; sein Inspicient läßt, mit dem Buche in der Hand, rechts und links abgehen; die eingespielten Mitglieder glauben keiner Weisung zu bedürfen; die Jüngern erhalten keine, und das mattherzige Ganze schleppt sich auf gut Glück von Vorstellung zu Vorstellung weiter. – Ueberall sieht sich der Einzelne verloren im schwankenden Ganzen; nirgends eine festeingreifende, mustergebende Direction; jeder steht mit seinem Kunstverdienst oder seiner Spielmanier isolirt; jeder leistet etwas Anderes, und die Scene verschmilzt nie zu dem Bilde Eines Pinsels.

Desto wohlthuender ist dem Kunstfreunde die seltene Erscheinung der hiesigen Bühne. Denn, wenn er auch nicht wüßte, welcher sichern Kunstleistung ihre Darstellungen unterworfen sind; so würde er sie sogleich im gleichförmigen Styl und Geschmack des Ganzen, in dem allgemeinen Streben ihrer Künstler nach einem wahren, naturgemäßen Spiele, und in der musterhaften Ordnung und Präcision erkennen, die sich bis auf die Mechanik der Scene verbreitet. |

Die Geschichte des deutschen Theaters stellt uns in frühern Zeiten Kunstschulen auf, in denen sich der Darstellungs-Charakter der Künstler, dem nachbarlichen Kothurn gegenüber, in nationalen Zügen eines naturgemäßen Spieles ausgeprägte und fortpflanzte. Was bewirkte jenen Einfluß der Einsicht und des Geschmacks auf das Streben Aller, die Stelzenmanier mit dem natürlichen Ausdruck der Empfindungen und Leidenschaften zu vertauschen, als die stete Weisung Eines Musters, das vorbildlich und anordnend das Ganze leitete? –

Die hiesige Bühne hat gleichfalls ihren Werth – in dieser dem guten Geschmack so ungünstigen Zeit – nur durch eine, seit Jahren festbestehende Direction des Hrn. Liebich zu begründen und zu erhalten vermögen, die in Vorbildern eines, von Manier und Unnatur entfernten, meisterhaften Spieles sowohl, als durch kunstsinnige Anstellung und Leitung vorzüglicher Talente ein Ganzes vollendet hat, das die achtende Bemerkung jedes Kunstfreundes um so mehr verdient, je seltener jetzt in Deutschland eine Theateranstalt bestehen dürfte, die durch die uneingeschränkte Direction eines ausübenden, musterhaften Künstlers ununterbrochen geleitet, wird. Noch seltener aber möchte die harmonische Verschmelzung des Schauspiels und der Oper zu Einem Kunstganzen, durch die neue Organisation der letztern, und in der Beseelung ihrer dramatischen Darstellung von dem Director der Oper: Hrn. Carl, Maria von Weber zu finden seyn. Mit anerkannten musikalischen Kunstverdiensten verbindet dieser, in früher Jugend berühmte Componist und Tonkünstler auch jene, dem theatralischen Musiker unentbehrlichen ästhetischen Kenntnisse des poetischen Kunstgeschmacks und der scenischen Anordnung, ohne welche keine Oper zur dramatischen Handlung auf der Bühne belebt werden kann. Unter seiner Leitung, die ganz mit den Einsichten und Wünschen des Hrn. Liebichs übereinstimmend, und daher unbeschränkt wirkt, haben wir eine mit dem Schauspiele gleichgebildete Oper erhalten, die Geist und Leben athmet, und mit den Darstellungen jeder deutschen Bühne zu wetteifern vermag.

Nach dieser Würdigung des Ganzen verbreiten wir nun unsere Bemerkungen, dem Plane dieser Zeitschrift gemäß, über die neuen Ausstellungen unserer Bühne, mit der nöthigen Kürze, die ihrem beschränkten Raum, und, eigentliche Kritik ausschließenden, Zweck angemessen ist.

Noch im August wurde: Die Schuld, Trauerspiel von Müllner, mit einem Aufwande von Garderobe, und einer neuen Dekoration auf die Bühne gebracht*, der die Achtung der Direction für das Publicum sogar in der Aufmerksamkeit auszudrücken suchte, die man auf neue, der Scene angemessene Prunk-Mobilien und Geräthe verwendet hatte. Allein dies dra¦matische Nachtstück einer getrübten, mystischgeschwängerten Phantasie, machte auf den Kenner eine desto peinlichere Wirkung, um so wahrer es die Künstler darstellten, und versetzte das Publikum in jene folternde Stimmung, die es schon zum Theil in der Vorstellung des Iffland’schen Trauerspiels: Das Gewissen*, erlitten hatte. – Von Charakterdarstellung kann da nicht die Rede seyn, wo sich kein Charakter zur freien That entwickelt, wo die von Einflüssen früherer Handlungen gelähmte Kraft folternd zum Ende dringt, und wir unser Gedächtniß zugleich in Anspruch nehmen müssen, All das Erzählte und Geschilderte für die Consequenz der Scene prüfend zu ordnen. Die Künstler haben hier Alles gethan, wenn sie sich an des Dichters undramatische Absicht unbedingt hingeben, und die Handlungs-Leere mit Blumen ihrer redenden und mimischen Kunst ausschmücken.

Hr. Bayer und Mad. Löwe verwendeten auf die Darstellungen der Rollen des Grafen und der Gräfin Oerindur allen Kunstfleiß, der ihrem durchdachten Spiele stets zur Seite steht. Der Graf ließ uns die Ruinen seines, durch Verbrechen zertrümmerten Charakters, im Düsterschein der nagenden Schuld und des astrologischen Irrwahns erblicken, und wünschen, ihn lieber in der Blüthe seiner Kraft, in glühender Leidenschaft fallen zu sehen, als Zeuge seiner schuldbeladenen Hinopfrung zu seyn. Sein Rede-Ausdruck war ganz im Ton der Leidenschaften und Gefühle gehalten, die ihn folterten; bald aufgelöst in dumpfes Hinbrüten; bald männlichfest, den Argwohn der Eifersucht zu verscheuchen, der sich, zur Vermehrung seiner Leiden um ihn gelagert hatte; und endlich stillergebend der letzten Nothwendigkeit. Die eingewebten Schilderungen gab er mit poetischem Sinne, und den philosophirenden Monolog über Diesseits und Jenseits sprach er sehr anziehend, als ein so eben in der Seele sich bildendes Raisonnement, nicht als ein auswendig gelerntes Redepensum. Sein Spiel war einfachedel, und das Toben im Innern der Seele sprach sich mimisch, nicht in leeren unwillkührlichen Bewegungen verarbeitend, aus.

Die von Schwärmerei und dem nagenden Wurm der Mitschuld gefolterte Gräfin ist für die mit Wahrheit durchzuführende Darstellung, eine nicht geringe Aufgabe an das Talent einer Künstlerin, und wenige deutsche Schauspielerinnen möchten sie so befriedigend wie Mad. Löwe lösen. Empfindeln und Winseln, jene geistlosen Behelfe tragerirender Manier, würden den denkenden Zuhörer augenblicklich verscheuchen; nur Wahrheit, und in dieser Darstellung eine den Dichter motivirende, Licht und Schatten verbreitende Wahrheit, kann ihn so fesseln, wie sie es in dem consequenten Spiele unsrer Künstlerin vermochte. Denn ohne Ruhepunct, wie Noahs Taube, ist die arme Unglückliche allen Furien phantastischer Ahnungen und | marternder Träume, jeder Quaal Preiß gegeben, die treue heiße, durch Mitschuld eines Verbrechens erkaufte Liebe zu dem wildaufgeregten, vom Sturm der Gewissensangst zur blutigen Jagd gepeitschten Gatten, die angefachte Eifersucht nur zu leiden vermag; und wir sehen die arme Dulterin, von den ersten verklungenen Harfentönen an bis zum Dolchstoß der Befreiung drangvoll den Kampf weiblicher Natur mit einer durch Schwärmerei zerrütteten Phantasie, und einem schuldbeladenen Herzen bestehen. Mad. Löwe erweckte durch ihre seelenvolle Darstellung unsere innigste, fortdauernde Theilnahme, weil sie kein wiederkehrender Behelf der Manier abstümpfte, sondern eine stete Nüancirung der Empfindungen, ein mannichfaltiger Ausdruck gährender Leidenschaften kunstvoll immer neu aufzuregen bemüht war. Diese Andeutung würdige das Spiel der Künstlerin hier genügend, da der eingeschränkte Raum dieses Blattes keine weitre Auseinandersetzung gestattet. Nur ein Wort erlauben wir uns noch über die verdienstliche, wahrhaft psychologische Darstellung ihrer Hinopfrung, die nicht freie kühne That des Heroismus, sondern die drangvoll herbeigeführte Befreiung aus den Ketten der Mitschuld, das ersehnte Ende eines qualvollen Daseyns war. Daher drückte die verzweifelnde Dulterin sich den Stahl weiblichzagend in die Brust, und verbreitete unsere Theilnahme auch in diesem letzten Augenblicke noch über das blutende Opfer.

Die Geister-ähnliche Erscheinung des alten Valeros, den der Genius der Vergeltung aus Spaniens südlichen Gefilden unter die nordischen Tannen geleitet zu haben schien, verschwindet zu bald in der Anlage des passiven Dichterplans, und der leidende Greis und zärtliche Vater tritt gleichfalls vor unser theilnehmendes Gemüth. Wir glaubten den gedrückten Geist, handelnd mit ihm zu erheben, und wir müssen aufs Neue auch Zeugen seiner Leiden, seines Kinderfluches, seiner Verzweiflung seyn. Hr. Liebich zeichnete daher in seiner kunstsinnig angelegten und durchgeführten Darstellung dieser Rolle, gleich beim Auftritt und in den ersten Scenen den ganzen Umriß des Charakters. Von Würde und Ehrfurcht heischender Menschlichkeit geführt, betrat er das verwandliche Haus; wir sahen den ernsten Vorsatz zu sirafen auf seiner Stirne gelagert, aber das sanfte Vaterherz sprach uns zugleich mit herzlichen Tönen an und gab bald den wehmüthigen Erinnerungen Raum, die die hier im Prunkzimmer aufgestellten Bilder der Heimath in ihm aufregten, bis endlich die gräßliche Entdeckung, den eigenen Sohn in dem Mörder verfluchen zu müssen, das sanfte Gemüth gewaltsam empörte. Schauerlich schön sprach der gebeugte Greis dierpreßten Worte des Fluches, so wie er die wiederkeherende Vaterliebe mit dem gemüthlichen Ausdruck dar¦stellte, die Hrn. Liebichs Talent so ganz in Wahrheit eigen ist, und vom Herzen zum Herzen dringt.

Gräfin Jerka und der männliche Knabe Otto sind treffliche Zeichnungen des talentvollen Dichters. Erstere ist ein so liebenswürdiges weibliches Wesen, und stellt sich in allen Verhältnissen ihrer Umgebung so besonnenhandelnd, so weise ablenkend und wieder anschließend dar, daß wir ihm Verehrung und Liebe fchenken müssen, besonders wenn eine Künstlerin wie Mad. Brunetti des Dichters Bild mit den Reizen der Weiblichkeit schmückt, und eine an sich undankbare Vertrautenrolle mit so vielem Fleiße behandelt.

Otto von Dem. Junghans gegeben, offenbarte ein hoffnungsvolles Talent. Das Mädchen verschwand ganz in der Darstellung des männlichen Knaben. Sie sprach die Rolle, besonders die Erzählung; Schwarz behangen ward der Saal etc. – und die Scene mit Valeros im dritten Acte, trefflich, und verdiente den ermunternden Beifall des Publikums. – So machten sich unsre Künstler um diese undramatische Dichtung wahrhaft verdient, und ehrten das unläugbar poetische Talent ihres Urhebers, das jedoch auf diesem, nach Originalität strebenden, und zuglich Calderon-Werner’sche Nachahmung einschlagenden Wege, nie den klassischen Boden betreten, und deutsche Kraft, die nach errungenem Kampfe ihrer Selbstständigkeit alles Schlaffe der Schwärmerei verschmäht, wahrhaft begeistern wird.

Qdt.

Editorial

Summary

Bericht über den Zustand des Prager Theaters

Creation

Responsibilities

Übertragung
Charlene Jakob

Tradition

  • Text Source: Allgemeiner Deutscher Theater-Anzeiger, Jg. 4 (1814), Nr. 1 (Fortsetzung zu Jg. 3.1813), pp. 2–4

    Commentary

    • “… Dekoration auf die Bühne gebracht”Aufführungen des Stückes am 11. und 13. August; vgl. Prager Spielplan 1813T.
    • “… Iffland 'schen Trauerspiels: Das Gewissen”Das Gewissen, ein bürgerliches Trauerspiel in fünf Aufzügen, Ausgabe Leipzig 1799 .
    • sirafenrecte “strafen”.
    • dierpreßtenrecte “die erpreßten”.
    • wiederkeherenderecte “wiederkehrende”.
    • fchenkenrecte “schenken”.
    • zuglichrecte “zugleich”.

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