Aufführungsbesprechung Prag, Ständetheater, August bis Oktober 1813 (Teil 2/2)

Back

Ständisches Theater in Prag.

(Fortsetzung.)

Vor allen neuen Lustspielen, die auf unserer Bühne zeither gegeben wurden, und die nächstens zur Anzeige kommen, verdient die musterhafte Darstellung der Lessing’schen Minna von Barnhelm eine Würdigung 1) . – Im Jahre 1763 verfertigt, erfreut dies klassische Werk schon ein halbes Jahrhundert, bei einer meisterhaften Aufführung, den Freund wahrer dramatischer Charakterdarstellung; unsere neuen Aesthetiker mögen seinen Plan und dessen Ausführung noch so scharf und unpassend an den Maaßstab ihrer Theorie des Lustspiels halten. – Für den Schauspieler ist die Darstellung jeder Rolle in dieser Minna – Probirstein des Künstlers, und eine durchgängig meisterhafte, wie sie unsere Bühne aufstellt, der sprechende Beweis eines trefflichen Künstlervereins. Denn hier gilt es keine Tiraden, Theatercoups, lokale, satyrische Ausfälle, und alle die Flittern unserer Volksdichter, die oft das Glück eines Stücks machen, und das Spiel des mittelmäßigen Schauspielers in den Augen der Menge glänzend heben: – hier gilt es wahre Charakterdarstellung. Jeder muß an seinem Platze stehen, jeder ganz das seyn, was der Dichter ihm vorzeichnete – und so war es denn auch auf unserer Bühne.

Mad. Löwe gab die Minna; – genug, um die seltene Erscheinung weiblicher Humanität, die einen Tellheim achten und lieben, und die ein solcher Mann verehren und achten mußte, in dem Spiele dieser Künstlerin ausgeprägt zu sehen. Und diese Schöne des Geistes und Herzens mit dem feinen Anstand und Benehmen verschmolzen, das der gebildeten Künstlerin für die Dame natürlich geworden ist, vollendet die Darstellung dieses edlen Charakters.

Die muntere Franziska ist eine Parade- und Debütrolle auch der ungebildetsten Schauspielerin vor einem ungebildeten Publikum. Sie giebt zu viele Versuche die gemeine Zofe aufzuspielen, als daß die bloße Routinistin dem lockenden Beifalle ihr Ohr entziehen, und des Kenners Lob und Anerkennung verdienen sollte. – Mad. Brede erwarb sich durch die wahre Darstellung dieses Charakters aufs neue den schon oft in Leipzig 2) und hier verdienten Kranz der Künstlerin, denn sie gab uns Lessings Franziska, die Freundin ihrer Gebieterin, die an ihrer Seite erzogen wurde; und schon ¦ ihr einfach gewählter Anzug charakterisirte die Gesellschafterin einer Dame; ihr Frohsinn, ihre Laune äußerte sich nicht mit dem Muthwillen einer unter Bedienten herabgestimmten Kammerzofe, sondern mit der Grazie eines wohlerzogenen Mädchens. Sie warf daher die Bonmots von ehedem so leicht hin, daß sie den Dichter, auf Kosten eines allgemeinen Beifalls, ehrte. Selbst ihr verliebter Scherz mit dem Wachtmeister, der zuletzt in einen undelicat scheinenden Antrag endet, war so decent gehalten, daß sie sich (und gleichsam dem Dichter) bei den Worten: „Herr Wachtmeister! braucht er keine Frau Wachtmeisterin?“ – einen Fächer lieh; ein Zug, der der weiblichen und künstlerischen Delikatesse der Darstellerin gleich viel Ehre machte.

Major von Tellheim ist eine Rolle, an welcher jeder gewöhnliche Charakterrollen-Berarbeiter grundlos scheitert. Denn nur ein gebildeter Geist für moralisches Zartgefühl, unterstützt den Fleiß des Künstlers, die Züge dieses Gemäldes zum Eindruck steter Achtung aufzufassen, und die eigenwillige Haltung, die ihm der Dichter lieh, in allen Aufwallungen eines reizbaren Blutes, in allen scheinbaren Härten so gemüthlich zu schattiren, daß wir mit Verehrung der Handlungsweise eines festmännlichen Charakters folgen, die sogar das Glück der Liebe den eigenen Begriffen von Genuß und Dauer desselben zu opfern bereit steht. – Herr Bayer gab uns diese verdienstliche Darstellung – er war Lessings Tellheim.

Riccaut de la Marliniere ist ein Deutsch-Franzos, wie sie die ältere Bühne zur Belustigung aufzustellen, sich das Recht nicht versagte. War der Schauspieler, dem diese Rolle zu Theil wird, nicht mit dem Geiste der Zeit fortgeschritten; spreitzt er sich zu dem gewaltigen Radebrechen des Deutsch, und zum Stokkiren jedes französischen Wortes wie eine Marionette – so macht er ein Pasquil auf die Nation, die unserer Sprache, selbst in dem unkundigsten Munde jetzt mehr Recht wiederfahren läßt. – Denn kann gleich der Darsteller die Lessing’sche Scene nicht wörtlich modernisiren, so vermag sein Bildungsgeist doch eine Charakterskizze aus der Spielerwelt unserer Bäder, Messen und Carnevals anzudeuten, wenn er sie wie Hr. Polawsky mit der Leichtigkeit, Gewandheit und dem hinströmenden Feuer ausstattet, die | das Spiel dieses Künstlers in allen seinen Darstellungen so anziehend und verdienstlich machen. –

Hrn. Liebichs Paul Werner ist eine vollendete Darstellung dieses militairischen Biedermanns. Figur, soldatische Haltung und Sprache bezeichnen seine Außenseite so sprechend, und das treu- und edelgesinnte Gemüth des Subaltern gegen seinen Obern, seinen Freund, dem er zweimal das Leben gerettet hat, prägt jedes Wort, jede Miene des Darstellers in so wahren und gemüthlichen Zügen aus, daß wir jedesmal zu seiner Erscheinung mit Achtung und Wohlwollen hingezogen werden. Erwacht nun in dem alten Kriegsmann (wie Just ihn gegen Tellheim nennt) der krigerische Geist nach dem Morgenlande zu ziehen, und unter Prinz Heraklius Fahnen die Türken zu schlagen, so wird er wieder jung; sein Auge blitzt Feuer, wie die Diamanten auf den Säbeln der Türken – er ist ganz Soldat, der unter Friedrich focht und siegte. – Scherzt er dann mit Franziska, so weicht der Knebelbart bei dem Lächeln des Mundes und der heitersten Miene zurück, denn sie ist seinem Major von Grund des Herzens gut, so will er warten, um mit ihr plaudern zu können; und die schon in sein Herz geschlichene Liebe findet das Frauenzimmerchen nicht uneben; junge Bekanntschaft wird warm; er schöpft schnell auf seinen lieben Major Verdacht; es wird ihm kein Bissen schmecken, bis er sich gegen Franziska wegen der Ringe an allen neun Fingern erklärt hat, und dann sein : Guten Appetit Frauenzimmerchen! mit erleichtertem Herzen wünschen kann. Aeußerst charakteristisch giebt Hr. Liebich diese Scenen, so wie die militairischgehaltene Briefbestellung an Minna, wo sein launigtes: „Hier nicht Frauenzimmerchen! Es ist wider den Respect, wider die Subordination“ den Uebergang zum steifen „Gnädiges Fräulein!“ – sehr drollig contrastirt. Und da endlich sich Franziska entschließt, mit ihm nach Persien – wohin er will – zu ziehen, so sind alle seine Wünsche erfüllt; er reicht ihr die Hand zum Bunde, und begeistert führt er die Braut zur Staffel der Ehre, die ihm Heldenmuth schon im Geiste mit dem Wahlspruch seiner tapfern Nation: Sieg oder Tod! ersteigen läßt. – Tiefer war daher und ergreifender der Eindruck dieser wahren und schönen Darstellung des Hrn. Liebich, weil die Zeitverhältnisse dies Bild in Gegenwart so vieler Tapfern der preußischen Nation in den Vordergrund des Interesse stellten, und nach funfzig Jahren wieder mit frischen Lorbeeren schmückten. —

Zur Seite steht Just, der an Treue und Liebe gegen seinen Herrn mit Werner zu wetteifern strebt, aber freilich die gemeine Natur des gewesenen Packknechts nicht verläugnen kann. Der Schauspieler hat ¦ daher Verdienst um diese Rolle, wenn er wie Herr Reinecke jene Roheit, soviel als möglich ist, verwischt, und die achtungswerthen Züge des Charakters in ein desto helleres Licht setzt. Schon durch sein Aeußeres imponirt dieser Just, denn ihm sehen wir es wohl an, daß er Reiter ist, dem der Major seinen Stall anvertrauen kann. Aber wir hören auch das treue Gemüth sich im Unwillen gegen Wirth und Kammermädchen, im gekränkten Sinne scheinbaren Verdachtes wegen, kräftig aussprechen. Sehr wahr und ergreifend giebt Hr. R. die Erzählung vom Budel, und den begeisterten Uebergang zu dem: „Ich bin ein Bedienter, der – wenn das Schlimmste zum Schlimmen kommt – für seinen Herrn betteln und stehlen kann.“ —

Den Wirth gab unser braver Komiker Herr Allram. – Die komische Muse hat diesen Schauspieler schon an seiner Wiege mit ihren Gaben beschenkt, und musterhafter Fleiß hat diese Talente so mannigfaltig ausgebildet, daß er nun seit einer Reihe von Jahren das hiesige Pnblikum durch sein Spiel erheitert, und sich immer in neuen Gestalten darstellt. Er ist ganz Herr der Bühne und seiner Rolle. Dies bewahrt ihn vor dem Extemporiren und Manieriren jener unsichern Darsteller, die die Lücken ihrer Reden, die sie vom Einsager ausgefüllt erwarten, einstweilen durch eigne Späschen und Grimassen maskiren müssen. – Läßt jedoch Hr. A. in niedrigkomischen Rollen seiner sprudelnden Laune den Zügel schießen, so möchte er wohl das Zwergfell des düstersten Hypochonders zu erschüttern vermögen. – Lessings Wirth gab er mit den sprechenden Zügen der Neugierde, des Eigennutzes, in der scheichenden, kriechenden Maske, die ihm der Dichter geliehen hat. – Die Nebenrollen griffen mit Fleiß in das Ganze ein, und Referent hat sich – gewiß mit jedem Freunde der Lessing’schen Muse – seit langer Zeit an keiner so vollendeten Darstellung erfreut, als an dieser.

Qdt.

[Original Footnotes]

  • 1) Sie wurde schon im September, und zum Benefiz der Mad. Brede, am 10. November, bei vollem Hause gegeben. Die Künstlerin wurde nach dem Stück hervorgerufen.
  • 2) wo sie als Maria Stuart, Lady Milford, Gräfin Terzky in Wallenstein, Margarethe in den Hagestolzen, Cäsario, Professorin im verbannten Amor, Emma von Seltau im neuen Proteus, Mika in der Best. von Smolensk u. a. m. den Freunden der Bühne unvergeßlich bleibt.

Editorial

Summary

Aufführungsbesprechung

Creation

Responsibilities

Übertragung
Charlene Jakob

Tradition

  • Text Source: Allgemeiner Deutscher Theater-Anzeiger, Jg. 4 (1814), Nr. 3 (Fortsetzung zu Jg. 3.1813), pp. 10–11

    Commentary

    • Charakterrollen-Berarbeiterrecte “Charakterrollen-Bearbeiter”.
    • Pnblikumrecte “Publikum”.
    • scheichendenrecte “schleichenden”.

      XML

      If you've spotted some error or inaccurateness please do not hesitate to inform us via bugs [@] weber-gesamtausgabe.de.