Chronik der Königl. Schaubühne zu Dresden vom 11. November 1816 (Teil 1 von 3)

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Am 11. November: Vandycks Landleben, dramatisches Gemälde in 6 Aufzügen von Fr. Kind.

Maler-Anekdoten zum Gegenstand dramatischer Darstellungen zu machen, wurde schon längst auf den kleinern französischen Theatern in Paris mit Erfolg versucht. Neuerlich haben Castelli in Rafael, Oelenschläger in seinem Correggio diesen Versuch bis zum höhern Drama, ja bis zu einer Art von Trauerspiel gesteigert. Der Dresdner Bühne war es vorbehalten, ein ähnliches Stück durch einen seltnen Verein der schmückenden und darstellenden Kunst mit solchem Aufgebot innerer und äußerer Kräfte aufzuführen, daß man diese Vorstellung unbedenklich zu den gelungensten rechnen kann, die wir seit langer Zeit auf dem hiesigen Hoftheater sahen. Man könnte es eben so gut eine dramatische Ausstellung nennen oder eine Kunstprobe, wie viel der ganze Verein des Schauspielerpersonals nach einer Aufgabe, die sie alle in Anspruch nimmt, im einträchtigen Zusammenwirken zu leisten vermag. Und es mag jedem Theater, wo man sich nicht in Selbstdünkel einwiegt, sehr ersprießlich für Fortbildung und Erweckung seyn, aus seinen eigenen Mitteln dergleichen Generalproben von Zeit zu Zeit zu fördern und mit möglichster Vollendung auszustellen. Daß dieß bei Vandycks Landleben, welches den 11. Novbr. überhaupt zum erstenmal auf die Bühne gebracht wurde, wirklich der Fall gewesen, und diese Vorstellung allen, die dabei im Spiele waren, sehr rühmlich geworden ist, mag aus einer etwas genauen Zergliederung noch deutlicher hervorgehen und zugleich einen Beweis ablegen, was das deutsche Hoftheater in Dresden, wo es von nun an auch im Sommer seinen Sitz haben wird, nach seiner jetzigen Zusammensetzung unter einer sehr belebenden, sehr liberalen Direction zu leisten verspricht.

Friedrich Kind, ein durch mannichfaltige, stets fröhlich und genußreich sich erneuende Musenspende gefeierter Dichter, unser Mitbürger, hat seinen frühern dramatischen Arbeiten durch seinen Vandyck einen lieblichen Kranz aufgesetzt und eine Anekdote aus der Jugendgeschichte dieses gepriesenen Meisters aus Rubens Schule zu einem Schauspiel für die Bühne bearbeitet. Vandyck, so lesen wir in den Lebensbeschreibungen berühmter Maler *), verliebte sich zu Savelthem, einem Dorfe in der Nachbarschaft von Brüssel, wohin er gerufen worden war, um für die dortige Kirche eine heilige Familie als Altarstück zu malen, in ein schönes Bauernmädchen und setzte ihr Portrait in dieß Gemälde. Zu gleicher Zeit malte er auch den Schutzheiligen des Dorfes, den Bischof Martin, noch als Krieger auf einem Schimmel davon reitend. Dieser Schimmel war Vandycks eignes Reitpferd, welches ihm sein großer Meister Rubens in Antwerpen als Gegengeschenk für einige von Vandyck gemalte Bilder, worunter auch das Portrait von Rubens zweiter Frau, Helena Formans, sich befand, gegeben hatte. Meisterhaft erschuf sich der fantasiereiche Dichter aus dieser einfachen Thatsache seine Fabel. Es war ihm dabei um nichts geringeres zu thun, als Rom mit Brüssel, die römische Malerschule mit der flamändischen in fortwährenden Gegensatz zu stellen und so, das dramatische Interesse mit dem artistisch-malerischen innig durchflechtend und durchdringend, eine doppelte Ausstellung für Kunstfreunde – so will er selbst sein Stück benannt wissen – mit allem Zauber einer reich gestaltenden und das Gestaltete zur Einheit verbindenden Fantasie auszustatten. Warlich eine schwierige Aufgabe! Der überwiegenden Mehrzahl der Zuschauer selbst in Dresden, wo Kunstschätze aller Art, wo eine blühende ¦ Kunstakademie und der Kunsterweckungen so viel das Publikum bildend anregen und empfänglicher machen, bleibt der rein-artistische Gesichtspunkt, welchen der dramatische Dichter zugleich hier ins Auge faßt, immer fremd. Sie will nur durch schnell fortschreitende, befriedigend, d. h. gemüthlich oder sentimental, sich lösende Handlung, durch stark ausgetragene Charakterzeichnung und ergreifende Situationen bewegt, gerührt oder erschüttert seyn. Der Dichter, der so fremdartiges bezweckt, muß also seine Zuschauer sich erst anbilden. Darum der erste vorbereitende Akt, den man nur als Vorschule, als Prolog anzusehen hat, und durch den es dem Dichter auch wirklich gelingt, die allgemeine Theilnahme für diese neue Art eines Kunstdrama zu gewinnen, dem ein Adrian von Ostade nicht einmal zur entfernten Einleitung dienen möchte. Der aufrollende Vorhang versetzt uns in des großen Rubens Malerstube. Der Rafael Flanderns steht vor uns oder – vor der Staffelei. Bald tritt Helena Formans, seine aus dem Jardin d’ Amour aus unsrer Gemäldegallerie auch uns schon wohlbekannte zweite Gemalin zu ihm. Wir erfahren, daß Vandyck, beider Liebling, auf des Meisters hochgepriesenem Schimmel zwar nach Italien abgereiset, aber schon 6 Meilen weit von Brüssel in Savelthem, vom Reiz einer Bauerndirne bestrickt, seit Monaten festgehalten sey. Ein römischer Ritter Nanni nebst seiner holden, dem Himmel verlobten Nichte Paola sind auf einer Besuchsreise nach Brüssel zu Rubens von Vandycks Abentheuer unterrichtet worden, und beschließen nun, jenen Zauber zu lösen und Rubens, der über die Verirrung seines Lieblings in gerechtem Zorn auflodert, durch Erweckung des bessern Selbst in Vandyck mit ihm auszusöhnen. Dieß schreiben ihm die Römer aus Brüssel. Helena streichelt den ergrimmten Löwen, besiegt seinen Zorn durch Schmeichelreden und Erinnerungen an seine Mutter; Paul und Albert, Rubens zwei Söhne, treten ein, das berühmte Tableau der Söhne Rubens aus unsrer Gallerie verlebendigend; eine gemüthliche Familienscene vollendet die Besänftigung und den Entschluß, selbst nach Savelthem zu reiten. Wir wissen nun, wovon sich´s handelt. Es gilt Vandycks Entzauberung und Gewinnung für Italiens höhere Kunstaussichten. Mit dem zweiten Akt beginnt die Handlung selbst. Ein flamändisches Kirchweihfest empfängt uns in seinem regesten Leben. Wir erblicken die zwei schönsten Teniers unsrer Bildergallerie in mannichfaltigster Gruppirung. Nur der Geigenspieler auf der Tonne fehlt etwa. Statt dessen ein Zahnarzt. Den rasch umkreisenden Tanz, wobei Vandyck selbst mit seiner Geliebten, Lenchen Humprecht, des Schöffen Tochter, den Reigen anführt, unterbricht das Eintreten des Ritter Nanni mit seiner vornehm gekleideten Nichte, die auf Bitte des Schöffen dem Vandyck, dem heute am Tage des Schutzheiligen, am Martinstage, das ganze Dorf seine Huldigung bezeigen will, den Ehrenbecher kredenzt. Hier empfängt, durch einen spöttischen Zweifel des Ritters; Vandyck den ersten Stachel in der Brust. Es kann hier nicht der Zweck seyn, von Scene zu Scene den Gang des ganzen Stückes zu entwickeln. Uns gnüge hier nur die Versicherung, daß es dem Dichter vollkommen gelungen ist, durch kunstreiche, und doch aus der gegebenen Situation und aus dem Charakter der Hauptfiguren richtig abgeleitete Motiven das liebende Mädchen zur Entfaltung und Vandyck zur Abreise in die große Kunstheimath jenseit der Alpen so zu bringen, daß den Knoten, den Willkühr schürzte, Nothwendigkeit gelöst zu haben scheint. Es musste so kommen, und es ist recht so! wird jeder sich selbst gestehen, der alles erwägt und dem Dichter sinnig selbst in den zarten Fäden seines Kunstgewebes nachspürt.

(Die Fortsetzung folgt.)

[Originale Fußnoten]

  • *) S. D’Argenville Abrégé de la vie des peintres, T. III. p. 345.

Apparat

Zusammenfassung

Aufführungsbericht aus Dresden: „Van Dyks Landleben“ von Friedrich Kind am 11. November 1816 (Teil 1 von 3)

Entstehung

vor 4. Januar 1817

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Albrecht, Christoph

Überlieferung

  • Textzeuge: Abend-Zeitung, Jg. 1, Nr. 4 (4. Januar 1817), Bl. 2v

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