Carl Graf von Brühl an Friedrich von Schilden
Dienstag, 25. Februar 1823

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Verlieren Sie ja die Gedult nicht,
bey diesem langen Geschreibsel.

Indem ich Sie werther Freund bitte mir die bewußten Scripturen zurück zuschicken, kann ich doch nicht umhin hier noch einiges zu erörtern was ich vieleicht gestern Abend nicht bestimmt genug ausgesprochen.      Es ist ein offenbarer Sophismus wenn man jetzt sagt man hätte H.vW: mit dem Engagement des Sp: beauftragen müßen, weil ich dagegen gewesen und stets einen andern vorgeschlagen den man nicht liebe. Ich war stets gegen die Anstellung des Mannes als commandirender Musik General, niemals als componirendes Subject. Für die eigentliche Dienstleistung und den ordentlichen Geschäftsgang war auch ein tüchtiger gescheuter Mann, der unsere Sprache versteht beßer als ein unverständiger und unverständlicher Ausländer, der nie einen geregelten Geschäftsgang gekannt hat, weil er nie gehörig angestellt war und weil man ihn weder in der Königℓ. Kapelle in Paris, noch beym Conservatoir, noch beym Institut hatte haben wollen.

Ich war früher ein großer Partisan seiner Musik nahmentlich seiner Vestale und hätte nicht eine Silbe eingewendet wenn man ihm jährlich 6000 rℓ als Hof Componist hätte geben wollen. Ich denke in dieser Hinsicht nur allzu liberal und bin der Meinung daß man Geistes Produkte nicht hoch genug bezahlen kann.

Also – zum componiren hätte ich ihn den Augenblick engagirt zumal sich der König so laut für seine Musik ausgesprochen, aber – zum Musik König, zum Tyrannen, meines wackeren und treu dienenden Schauspiel Intendanten hätte ich ihn nicht gemacht, und mein General Adjutant hätte mir keinen Contract und keine Dienst Instruktion aufsetzen dürffen, wodurch einem hämischen Italiener das Recht gegeben wird, einem vieljährigen treuen Diener auf den Kopf zu treten! – – ja einem Mann der ohne Stolz behaupten darf daß er ganz allein die große Oper in Berlin auf den Glanz Punkt, in aller Hinsicht gestellt hatte auf welcher sie jetzt steht, und zwar lange vor der Ankunft jenes schwarzen Vogels, welcher das leichteste Spiel hatte, mit den vorgefundenen Materialien große Dinge hervorzubringen und sich so mit fremden Federn zu schmücken.

Ich bin wahrlich nicht ruhmsüchtig aber dieser Mangel an Anerkenntniß schmerzt sehr tief, zumal wenn ein anderer das Lob dafür einärndet, für das was man selbst geleistet!

Um nochmals auf Sp: Engagement zurückzukommen, so hätte man doch wohl den Versuch machen können mir daßelbe zu befehlen. Wenn ich auch Gegen-Vorstellungen gemacht hätte so wußte ich doch jederzeit Befehlen zu gehorchen. Man scheute aber meine guten Gründe, weil man doch im Herzen überzeugt seyn mußte daß zum inneren Détail des praktischen Dienstes ein jeder anderer beßer war, der die Landes Sprache kannte. Als Componist konnte er immer hier seyn und reich bezahlt werden. […]

Ich betreibe mein Geschäft nicht wie ein Amt, nicht wie einen bloßen Hofdienst sondern mit der Liebe und dem Eyfer eines Künstlers, ja trotz meiner 50 Jahre mit der Lebhaftigkeit und Leidenschaftlichkeit eines jungen Künstlers. Es läßt mir keine Ruhe und treibt mich immer wieder auf wenn ich mir auch noch so sehr vornehme alles gehen zu laßen wie der Schlendrian es treibt. […] Für etwas in der Welt muß man auch etwas daran setzen, und wer sein Amt und Geschäft mit Liebe und Leidenschaft treibt kann der Gefahr nicht achten die für ihn daraus entsteht. Wenn man aber in diesem DienstEyffer gelähmt, wenn einem die Möglichkeiten entnommen werden frey und kräftig zu wirken, wenn man sich zurückgesetzt und verkannt sieht, wenn ein nichtsnutziger Italiener mit seiner Arroganz und Tücke den Sieg davon trägt, wenn man ihm gewißermaßen zur Folie, zum Triumph Roß dienen muß, wenn man wie ein gutmüthiger paßionirter Jagdhund, sich todt jagen muß, und dazu noch gepeitscht wird, damit eines andern, unverdienter Ruhm nur noch höher steige, – dann – dann bleibt nichts übrig als irgend ein Winkelchen zu suchen wo man mit seiner kleinen Brut hinkriechen und seinen Pflichten als Haußvater leben kann […]. Seyn Sie nicht böse mein werther Freund über meine lange Epistel – ich mußte mich aber einmal wieder aussprechen, und mein Herz erleichtern, denn die neuste Cabinet Ordre an mich, und die gestern ergangene an Sp: wo seine Geschäftsführung sogar gelobt wird, da er doch eben 8 Monate lang außer Landes Geschäfte getrieben hat, haben mich wieder entsetzlich aufgeregt. Ein solches Dienstverhältnis ist für den Dienst nachtheilig und für den sogenannten Chef tödtend, und ich möchte es meinem Feinde nicht wünschen, immer so auf glühenden Kohlen zu gehen. Die Angestellten in allen Fächern der Oper und des Orchesters wißen bald nicht mehr wem sie gehorchen sollen und es giebt natürlich Spaltungen, Partheyen Cabalen, und eine unnütze Maße von Schreibereyen, die ungeheuer viel Zeit kosten, denn wo sonst ein Geschäft mit 6 Worten abgemacht wurde, – mit einer mündlichen Bestellung, schreibe ich jetzt Bogenlange französische Briefe, um mich gegen den Mann in aller Art sicher zu stellen. Meine Bureau Offizianten verfluchen das gegenwärtige Verhältniß denn weit entfernt daß das Geschäft leichter geht, wird es jetzt zehnmal schwerer und verwickelter und langweiliger durch die unzähligen Rücksichten. Man kann ja dem Mann nicht einmal eine mündliche Bestellung machen lassen, da er sie nicht versteht und wenn er im Dienste sprechen will muß er einen Dollmetscher haben! Jedermann muß daher wohl einsehen, daß man ihn zum componiren, aber nicht zum regieren hätte hersetzen müßen.

Er schreibt dem Herzog Carl die größten Sottisen und bekommt den Orden, Er bleibt 4 Wochen über Urlaub, – ich darf ihn nicht in Strafe nehmen wie die armen Tänzer*, und bekömmt grade bey seiner Rückkehr, ehe er noch etwas gutes gethan, ja nachdem er Nurmahal durch seinen Eigensinn unnütz verzögert – eine schöne Tabatiere!! – Wenn nur ein Schauspieler oder Tänzer krank ist, oder ich Kosten und Kunstmäßig ein Stück gebe was dem Herren nicht gefällt, so werde ich ausgescholten, und kann es ehrlich gesagt mit bestem Willen fast nie recht machen! Dabey muß ich gerade wegen des Königs eignem Lieblings-Geschmack und wegen Spontinis Sucht alles mit Gewalt-Effekten zu zwingen eine Menge Schulden machen, für welche ich verantwortlich gemacht werde und oft sehr unruhige Tage verbringe. Er Sp: thut nichts binnen 8 Monaten, bleibt im Carneval über Urlaub und bekömmt für seine Dienstführung ein Belobungsschreiben !!!!??? Welch Gefühl erweckt dieß?? […]

Apparat

Zusammenfassung

ausführlicher klagender Brief über die Hintergründe der Anstellung Spontinis

Incipit

Indem ich Sie werther Freund bitte mir die bewußten Scripturen zurück zuschicken

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Frank Ziegler; Eveline Bartlitz

Überlieferung

  • Textzeuge: Berlin (D), Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz
    Signatur: VI. HA Rep. 92 Schilden VIIIb, Nr. 1, Bl. 11–13

    Dazugehörige Textwiedergaben

    • Autorisierte Kopie: verschollen

      Quellenbeschreibung

      • mutmaßlich autorisierte Kopie

      Provenienz

      • ehemals Seifersdorf, Brühlsches Familienarchiv
    • Bartlitz in Weberiana 21, S. 10–14

Textkonstitution

  • „gang“über der Zeile hinzugefügt

Einzelstellenerläuterung

  • „… nehmen wie die armen Tänzer“Brühl bezieht sich auf eine Verfügung des Fürsten Hardenberg vom November 1821, nach der Mitglieder des künstlerischen Personals für Überschreitungen des maximal vierwöchigen Urlaubs aufgrund von Gastspielen durch Gehaltskürzungen bestraft wurden. Von dieser Weisung nicht betroffen waren Spontini und die Sängerin Anna Pauline Milder, die spezielle Verträge hatten.

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