Aufführungsbesprechung Wien, Kärntnertor-Theater: „Der Freischütz“ von Carl Maria von Weber am 3. November 1821

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Neuigkeiten.

K. K. Hoftheater nächst dem Kärnthnerthore.

Samstags am 3. November wurde im k. k. Hoftheater nächst dem Kärnthnerthore eine neue romantische Oper in drey Akten, von Fr. Kind, Musik von Carl Maria von Weber, unter dem Titel: "Der Freyschütze" zum ersten Mahle gegeben.

Die Fabel der Oper ist folgende: Der Jägerbursche Max, ein guter, sanfter Junge, liebt die Tochter seines Lehr- und Brotherrn, des Erbförsters, welcher ihm ebenfalls wohl will, und es bey seinem Ritter dahin brachte, daß derselbe Maxen, als des Erbförsters Eidam, den Erbpacht überzutragen gesonnen ist, doch soll der Junge, dem Gebrauche gemäß, seine Geschicklichkeit erste noch durch einen Probeschuß bewähren. Dieser Gebrauch rührt von der Verleihung des Erbpachtes an den ersten Besitzer desselben her, welcher als Leibschütze des damahligen Ritters, nach dessen Wunsch, einen Hirsch erlegte, ohne den darauf geschmiedeten Waldfrevler zu verletzen. Weil aber jener Schuß ein sogenannter Freyschuß war, d. h. ein Schuß in aller Schnelligkeit, ohne vorerst zu zielen, so hatte der damahlige Gutsbesitzer ausgesprochen, daß jeder folgende Erbförster den Erbforst sich erst durch einen Probeschuß verdienen müsse. Der Tag des Probeschusses naht heran, und Max, sonst der geschickteste Schütze, ist von einem beharrlichen Unstern verfolgt; er macht seit mehreren Tagen nur Fehlschüsse. Es wird ihm sehr bange vor der Probe und diese Angst benützt sein Kamerad Kaspar, um ihn anzureitzen, sich sogenannte Freybolzen zu verschaffen. Diese Zauberdinge, welche nie ihres Zieles verfehlen, zu bekommen, sey nun die rechte Zeit während einer Mondsfinsterniß um Mitternacht, und Kaspar will sie dem bedrängten Jungen in der, vielen Spukes wegen, verrufenen Wolfsschlucht hohlen helfen, hat aber dabey die Absicht, sich auf diese Weise selbst aus den Klauen des Bösen zu retten, dem er schon verfallen ist, indem er ihm ein anderes Subject zuführt. Es | gelingt dem Verführer; sie hohlen die Freybolzen trotz allen störenden Spukes, und theilen sie; allein Max verschießt die seinigen bis auf einen, um die Aufmerksamkeit seines Ritters auf sich zu ziehen, und bewahrt sich den siebenten, von dem ausgesprochen worden war: „Sechs treffen, sieben äffen.“ Die liebende reine Agathe wurde die Tage über durch warnende Vorfälle geängstigt und zumahl durch einen Traum, in dem nach ihr als weiße Taube Max mit seiner Armbrust zielet. Sie erscheint in dem Augenblick als Max auf Befehl seines Lehnsherrn zum Probeschuß eben auf eine weiße Taube zielet, mit dem Ausruf: „Max, schieß nicht, ich bin die weiße Taube!“ jedoch Max verfolgt die von einem Baume zum andern flatternde Taube mit der Armbrust, schießt, und trifft Kasparn, der auf demselben Baum den Erfolg des Probeschusses ablauern wollte, und diesen fördert nun der äffende siebente Bolzen zum Tode. Dem reumüthig, das Unwesen gestehenden Max wird ein Probejahr auferlegt, um dann seine Agathe und den Erbforst als Belohnung seines Wohlverhaltens zu verdienen.

Der Plan des Opernbuches ist von der Art, daß es ohne störenden Aufenthalt die Erwartung bis ans Ende spannen und das Interesse lebendig erhalten mußte. Das war dem talentvollen Dichter vollkommen gelungen, nur blieb die Lösung des Knotens etwas undeutlich, weil die Besiegung des bösen Prinzips durch die, im Momente der Entscheidung erscheinende reine Agathe nicht erkennbar genug aus der Meinung des Dichters in die Darstellung heraustrat. Die Charakterzeichnung ist recht genügend, und das Ganze der Dichtung in ihrer Art gelungen und effectvoll. Da aber das Gedicht ein Operngedicht seyn mußte, so wäre auch dießmahl, wie bey so vielen andern Opernbüchern zu wünschen gewesen, daß der Dichter den musikalischen Effekt besser erkannt oder mehr im Auge behalten hätte, dann würden manche zu nah stehende Gesangsnummern aus einander gerückt, und in die zu ähnlichen musikalischen Situationen mehr Mannigfaltigkeit gebracht worden seyn. Aber dennoch muß bekannt werden, daß zu wünschen ist, alle kommenden Opernbücher möchten diesem an innern Werthe wenigstens gleich seyn.

Von Herrn Carl Maria von Webers Composition ohne Spart nach einmahligem Anhören etwas genügendes Ausführliches zu sagen, ist gänzliche Unmöglichkeit. Hier ist eine Fülle, ein Reichthum, an den man sich, um nicht mehr geblendet zu werden und klar zu sehen, erst nach und nach gewöhnen muß, zumahl, da wir seit langem nur unechten Flitterglanz vor die Augen bekamen, der freylich den innern Sinn nicht abstumpft, wenn sich nur erst der äußere an die türkische Trommel gewöhnt hat.

Herr von Weber glaubte bey dem romantischen Stoffe seines Textes es sich vorzüglich zur Aufgabe machen zu müssen, die verborgensten Tiefen des Gemüthes aufzuwühlen, um durch die Mittel, welche der Tonkunst zu Gebothe stehen, die Vorstellung des Zusammenhanges der Sinnenwelt mit der außersinnlichen anzuregen. Dieß ist ihm wohl gänzlich gelungen, aber nicht ohne Opfer; denn er mußte es vernachlässigen durch Erfindung lieblicher Melodien, die nicht anders sind als solche, gerade der Sinnlichkeit zu schmeicheln, auf deren Beeinträchtigung es abgesehen war. Wer also von der heiligen Musa der Tonkunst nur Lust gespendet haben will, findet in dieser Meinung seine Rechnung in dieser Weberischen Oper nicht; es gehört etwas Resignation dazu, um sich ihrer recht zu erfreuen.

Um technisch von der Sache zu reden, muß man eingestehen, daß der geistvolle, tiefsinnige und denkende Tonsetzer seinen Text Schritt für Schritt verfolgt und alle Situationen mit der ergreifendsten Wahrheit und Gediegenheit gab, und dabey oft mit wagender Kühnheit zu Werke ging; die Momente der Handlung und der Handelnden zu charakterisiren, hat er in keinem Augenblicke versäumt, und dadurch wunderbare Effekte hervor gebracht. Dabey diente ihm ganz besonders die reichste Instrumentation, in der ¦ alle Instrumente mit vollkommener Kenntniß auf das wirksamste benützt sind.

Es liegt nicht im Zwecke dieses Blattes, musikalische Gelehrsamkeit zu entwickeln; damit würden wir der Mehrzahl unserer Leser einer schlechten Dienst leisten; dafür andere Blätter, vor allen andern unsere werthvolle hiesige musikalische Zeitung; unser Zweck und unsere Freude ist es, unseren Lesern durch kurze Andeutungen das klarer zu machen, was ihrem musikalischen Sinne sich mit mehr oder weniger Hervorragung aus der Totalität eines schwerer zu übersehenden Tongebildes als Anhaltspunkte biethet, um auf diese Weise ihnen die Möglichkeit eines vollständigeren Kunstgenusses zu verschaffen.

Die Sache so angesehen muß man zuerst aussprechen, was wohl jeder mehr oder weniger deutlich spürte: daß in dieser deutschen Oper deutsche Tiefe, deutsche Gemüthlichkeit und deutsche Frömmigkeit im Kunstwesen, wieder recht rücksichtslos sich entwickelt. Graziös ist der Deutsche nicht; soll er es werden? wie und wozu? Lasset uns das seyn, was wir seyn sollen: brav und tüchtig, und hierauf ist es wohl auch in diesem Kunstwerke abgesehen. Diese Composition ist wahr, das Ahnende ohne Scheu vor Verkennung aussprechend, ohne Selbsttäuschung, Feldblumen nicht für volle Blüthen eines südlichen Himmels nehmend, aber auch das zerstörende Eingreifen des Uebels bey seinem rechten Nahmen nennend.

Die Tendenz einer solchen Tondichtung ist würdevoll, zu würdigen und wurde gewürdigt. Das vollste Haus hörte die ganze Oper mit der gespanntesten Aufmerksamkeit an, und die Wirkung, welche die Musik machte, zeigte sich weniger im lärmenden Applaus (obwohl auch dieser nicht ausblieb) als in den stilleren Zeichen innigen Antheiles.

Die größte Wirkung machten die wunderschönen Chöre; der Jubelchor der Menge nach dem Beßtschusse auf dem Schießplan, der Lach-Chor, wie man den ungeschickten Schützen necket, der Chor der unterirdischen, die auf ihre Beute lauern, der Chor der Jäger mit Hörnerbegleitung. Aber wie ansprechend und charakteristisch ist das Trinklied des bösen Jägers, dessen Arie am Schlusse des ersten Aktes, das herrliche Duett zwischen Agathen und ihrer Freundinn, die Arie Agathens nebst dem folgenden Terzett! Wie grausenhaft ist die ganze Musik beym Zauberspuk in der Wolfsschlucht, dann wie rührend Agathens Arie im dritten Akte, wie lieblich und einfach das Liedchen der Brautjungfern, wie erhebend das letzte Finale; und wenn es erlaubt ist noch ein Mahl auf den Anfang zurück zu kommen, so möchte man wohl noch bemerken, daß die Ouverture doch wieder eine ist, welche nicht allein etwas von der Oper ausspricht zu der sie gehört, sondern sogar als geistvoller und sinniger Index derselben gelten kann.

Die Aufführung dieser Oper war so, daß die Mitwirkenden bewiesen, sie verstehen was sie singen, thun und treiben; besonders ließ das Orchester gar nichts zu wünschen übrig.

Obwohl der Dlle. Schröder als Agathe ihre Partie beynah zu gewichtig werden wollte, so erprobte sie dennoch neuerdings ihr inniges Gefühl, ihre glückliche Darstellungsgabe und ihren Fleiß.

Herr Rosner als Max bewies bewunderungswürdige Fortschritte im Spiel; auch er mußte mit seiner Partie anstrengend kämpfen.

Herr Forti als Jäger Kasper war im Gesang und Spiel unübertrefflich; Dlle. Schröder und er wurden am Schlusse gerufen.

Herr Weinmüller und Herr Vogel, obgleich nur wenig beschäftigt, standen an ihren Plätzen, wie immer als Meister.

Diese Oper wird nach öfterem Anhören immer besser verstanden, und obwohl allgemein schon bey der ersten Vorstellung sehr günstig aufgenommen, noch immer besser gewürdigt werden.

K-t.

Apparat

Entstehung

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Mo, Ran

Überlieferung

  • Textzeuge: Wiener allgemeine Theaterzeitung, Jg. 14, Nr. 134 (8. November 1821), S. 535–536

Textkonstitution

  • „einer“sic!

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