Chronik der Königl. Schaubühne zu Dresden vom 17. März 1817 (Teil 1 von 4)

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Am 17. März: Der Essighändler nach Mercier. Herrn Wohlbrück’s zweite Gastrolle. Unsere neuen Schauspiele sind so vollgestopft von Handlung oder Sentimentalität, daß dem Schauspieler zur Entfaltung und Darstellung seiner eigenen Gaben fast keine Gelegenheit übrig bleibt. Darum waren Stücke, wie Mercier’s Vinaigrier, die dem wahren Künstler so viel Spielraum zu eigener origineller Kraftentwickelung und Ausführung des nur in festen Außenlinien angegebenen Charakters übrig lassen, den Meistern in der Kunst stets willkommen. Herr Wohlbrück stellt sich mit einem Selbstgefühl, das der Erfolg vollkommen rechtfertigte, in die Reihe der ersten Meister, deren Andenken Deutschland ehrt und die in dem Essighändler mit allem Aufgebot ihrer Kunst sich unverwelkliche Kränze erwarben. Zwischen Schröder’s kraftvoller Derbheit und Iffland’s wohlberechneten Verfeinerungskünsten hielt sich Hr. Wohlbrück in einer musterhaften mittlern Gleichung. Nach Wohlbrück ist dem alten Dominik, so wie er eintritt, in Ton und Bewegung, überall der Wahlspruch aufgeprägt: Thue recht und scheue niemand! Wir erblicken da einen ehrlichen, lebensfrohen, cordaten Hausierer aus der Vorstadt St. Marçeau mit edeln innerem Bewußseyn und mit dem ungeschminkten, treuherzigen Frohsinn, den bürgerliche Rechtlichkeit und Arbeitsamkeit giebt. Schrödern bewunderten wir in ihm im Jahre 1795 in Hamburg. Er schien da ohne allen Zusatz von verschönernder Erhebung. Mit den Riemen über den Schultern und in der braunen Jacke sahen wir ihn gleich zur ersten Unterredung mit Delomer eintreten. Ifflanden sahen wir diese Rolle im April 1796 in Weimar spielen*) . Der nahm ihn nun gleich im ersten Akte weit vornehmer. Da erschien er in der anständigen Kleidung eines Kleinbürgers von Paris, tout endimanché, mit Huth und Hakenstock, der Griff aus Horn gedreht, beides dem zwar altväterischen, aber reinlichen Sonntagsrock angemessen, mit einer anständigen, schlicht herabfließenden Haartour, die schon stark ins Silberhaar hinüberspielte. So spielte Schröder den hin- und herkarrenden Essigkrämer, Iffland den seiner Wohlhabenheit gar wohl bewußten Essig händler. Wer hatte nun mehr Recht? Iffland, welchen Referent der unvergeßlichen Herzogin Amalie von Weimar gleich nach der Vorstellung Rechenschaft von den Motiven seines Spiels ablegen hörte, bemerkte zur Rechtfertigung dieser veredelten Maske und Costumirung, der Mann habe ja selbst Handel in fremde Länder getrieben und Weinessige und Senfe erfunden. Ein solcher habe auch, so bald es einen bloßen Besuch zum Geldeinkassiren gelte, noch einen eigenen Visitenrock. Filzigkeit ist nicht in meiner Seele, sagt er später selbst. Nur ein niedriger, filziger Kerl könne da, wo er seine Conto’s realisire, im schlechten Altagskittel erscheinen, um durch diesen armseligen Aufzug die Zahlung gleichsam zu erzwingen. Auch sei es ja des alten Dominik’s Plan, dem reichen Kaufmann, in dessen Handelsbureau sein Sohn so viel Ehre einlegt, so vornehm als möglich gegenüber zu stehen. Darüber schüttelte nun Schröder mit unglaublichem Lächeln den Kopf und nannte diese ganze Veredlungsweise eine schöne Lüge. Solche feine Reflexionen und Zierereien, meint er, ¦ kämen nicht in die Seele des ehrlichen Dominik, der vielmehr seinen wahren Stolz darinsuche, dem reichen Kaufmann und Brodherrn seines Sohnes ganz so unter die Augen zu treten, wie er auch auf der Gasse herumfahre. Der schlichte Alletagskittel sei hier die einzige Schale dieses Kernmenschen, der übrigens doch gar wohl wisse, was Lebensart und Convenienz fodere. Und in der That ist es eine Bemerkung, die viele gemacht haben, welche Ifflanden diese Gastrolle auf fremden Bühnen spielen sahen, daß er erst im 2ten und 3ten Akte seinen Essigmann ganz gnügend und erquicklich gegeben habe, wenn er aufgehört hatte, vornehm scheinen zu wollen. Herr Wohlbrück hielt sich bei seinem ersten Auftritt mit einer lobenswürdigen Mäsigung zwischen beiden in der Mitte. Er kam nicht als Hamburgischer Litzenbruder und nicht, als gehe er zur Feier eines Ehrentags. Die Mütze war mit einem reinlichen, doch etwas abgetragenen Huthe von alterthümlicher Form, das Wams des Schubkarnführers mit einem bescheidenen Rock von eckigem Zuschnitt umgetauscht. Aber ein Spatzierstock, der freilich Ifflanden zu manchen kleinen Nebenspielen sehr ersprießliche Dienste leistete, schien ihm mit Recht ein überflüssiger und in diesen Verhältnissen ganz unangemessener Spielbehelf.

Wenn Delomer gleich anfangs sein Bedauern über den mühsamen Broderwerb des alten Dominik äußerte, verrieth Schröder Iffland eine mißfällige Bewegung mit dem Hakenstocke, schüttelte Wohlbrück mit einem leisen Nasenrümpfen en Kopf. Schröder fesselte die unwillkührliche und in Menschen niederen Standes stets lebendigere Beweglichkeit der Hände durch das Einstecken derselben in den Tragriemen oder in den Gurt, Iffland machte mit beiden Händen öfters eine Bewegung vorwärts, als schöbe er den Karren, Wohlbrück griff sich an Rock und Knöpfe.

Einen der gelungensten Momente in Stimme und Geberdung hatte Wohlbrück in der Scene, wo er zur klaren Einsicht kommt, daß und wie seinem Sohne geholfen werde könne. Er möchte gern gleich mit dem Freudenrufe herausplatzen. Das Vaterherz hämmert und will sich Luft machen. Allein noch muß Riegel und Zaum vorgelegt werden. Da deutet nun der lebhafte Alte durch schnellfingriges Auf- und Zuknöpfen des Rocks beides, die Lust auszuschwatzen und das Zurückdrängen des zu den Lippen vorquellenden Wortes eben so malerisch, als ungezwungen an, und nach diesem ächt vorbereitenden Gestus tritt er mit triumphirender Selbstzufriedenheit den zagenden Sohn so nahe an, als es ohne Berührung geschehen kann. Sie ist Dein! das wurde vortrefflich gesprochen. So etwas nennt der englische Dichter Churchill in seiner trefflichen Rosciade: Geisterstimmen, die nie verhallen*). Ueberhaupt hatte sein Vortrag alle Raschheit, die von der Jovialität eines solchen Charakters unzertrennlich ist, ohne im geringsten abstoßend, polternd oder vorschnell, der Ueberlegung gleichsam voraus purzelnd zu werden. Seine Stimme erhielt durch einen leisen Zusatz von sentimentaler Weichheit etwas sehr gewinnendes und eindringliches.

(Die Fortsetzung folgt.)

[Original Footnotes]

  • *) Ref. hat diese Darstellung ausführlich zu entwickeln gesucht in der Dresdner Abendzeitung von 1805. No. 30. 31. 32. 33., auf welche Zergliederung es erlaubt seyn mag, hier hinzudeuten. Sie wurde als eine Fortsetzung der schon 1796 in Leipzig erschienenen Entwickelungen mitgetheit.
  • *) Wir gedenken von diesem viel zu wenig gekannten Gedichte nächstens in diesem Blättern einige Proben in einer metrischen Uebersetzung mitzutheilen.

Editorial

Summary

Aufführungsbericht Dresden: “Der Essighändler” nach Louis-Sébastien Mercier am 17. März 1817

Creation

Tradition

  • Text Source: Abend-Zeitung, Jg. 1, Nr. 73 (26. März 1817), f 2v

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